Herr Herre, am Samstag spielen Sie beim Konzertsommer am Mercedes-Benz-Museum. Fühlt sich Stuttgart für Sie als Wahl-Berliner noch nach Heimat an?
Auf jeden Fall. Meine Eltern leben immer noch in der Straße, in der ich aufgewachsen bin. Das ist eine Konstante, die ich sehr genieße.
Das heißt, Sie finden Unterschlupf im Hotel Mama, wenn Sie hier sind?
Ich darf wieder in mein altes Kinderzimmer, als 46-Jähriger (lacht). Die Wohnung ist sehr geräumig. Es ist der Ort für die großen Familienfeiern, bei denen wir alle zusammenkommen.
Familie ist auf Ihrem neuen Album „Athen“, das am 30. August erscheint, ein wichtiges Thema. Woher rührt die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie?
Wenn man anfängt, eine Platte zu schreiben, versucht man einen Zugang zu legen, zu sich und zu Geschichten, die man noch nicht gehoben hat. Je mehr ich geschrieben habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass die Stadt Athen eine Metapher sein kann, dass sich dort viele Erinnerungskoordinaten für mich treffen.
Inwiefern?
Mein Großvater mütterlicherseits hat in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts dort für das Deutsche Archäologische Institut gearbeitet und war Hauslehrer. Mein ältester Onkel, der Bruder meiner Mutter, ist in Athen geboren, er war dort später Programmdirektor des Goethe-Instituts. Meine Eltern, mein Bruder und ich waren ab 1980 oft dort, weil mein Vater dort für drei Jahre als Architekt lebte und arbeitete. Es ist für mich ein nostalgischer Ort.
Für das neue Album waren Sie aktuell viel in Athen. Wie haben Sie die Stadt erlebt?
Athen ist ein sehr künstlerischer Ort, mit vielen Parallelen zu Berlin, verwaisten Plätzen, die neu bespielt werden müssen. Da es eine Anlaufstation ist für all die Menschen, die aus Syrien, Afghanistan und anderswo herkommen, herrscht dort viel Druck, aber auch viel Solidarität. Xenophobie gibt es zwar bestimmt auch, sie ist aber nicht so immanent zu spüren wie bei uns. Die Griechen haben in der sogenannten Schuldenkrise erlebt, was es bedeutet, ausgeliefert zu sein. Vielleicht können sie sich deshalb besser hineinversetzen, dass jemand, der geflüchtet ist, nicht flieht, weil er mal eben Urlaub in Europa machen will.
Ist „Athen“ ein politisches Album?
Nein, es ist aber eine Platte geworden, von der ausgehend man viel über Politik reden kann und wird. Meine Musik ist ein persönlicher, aber kein privater Ort: Es gibt einen Song über meinen Vater. Dazu eine Spiegelung, wie ich mit 17 war und wie mir dieses Ich jetzt wieder begegnet, in der Gestalt meines ältesten Sohns. Zum Album wird außerdem ein kleiner Essayfilm erscheinen, nichts Didaktisches, eher ein Zeugnis dafür, wie Bewegtbild in der Musik wieder an Wert gewinnt.
Woran liegt es, dass das lange totgesagte Musikvideo eine solche Renaissance erlebt?
Das kann ich nicht beantworten, ich sehe es aber an meinen Kindern. Wenn die fragen, „hast du das neue Lied schon gehört?“, suchen sie nicht bei Streamingdiensten, sondern auf Youtube. Diesen Reflex hätte ich nicht, das Lied automatisch mit dem Bild zu verbinden. Auch wenn man junge Rapper hört, sagen die, „ich veröffentliche morgen mein neues Video“.
Am Titelsong „Athen“ hat Tua mitgeschrieben, auf der zweiten Single ist der Leipziger Rapper Trettmann Ihr Gast. Wer wird außerdem auf der Platte zu hören sein?
Ich wollte weg von den klassischen Punchline-Momenten, um in meinem – für einen Hip-Hop-Musiker biblischen – Alter nicht in irgendwelche Coolness-Fallen zu tappen. Stattdessen sollte es sprachlich und erzählerisch spannend werden. Es gibt viele verschiedene Gäste: Dirk von Lowtzow von Tocotronic ist zum Beispiel auf dem Album zu hören, Dexter, der in Stuttgart lebt, hat zwei Beats beigesteuert, Yonii und Sugar MMFK singen mit, es gibt einen Song mit meiner Frau Joy, mein Sohn hat für den begleitenden Film einen Vers beigetragen.
Wird ein Teil der Gäste Sie live begleiten?
Dieses Mal will ich es ein bisschen mehr reduzieren und konzentrieren. Ich war auf einem Bon-Iver-Konzert und bei Kendrick Lamar: Wie beide es schaffen, eine ganze Arena in ihren Bann zu ziehen, hat mich sehr fasziniert. Der ein oder andere Gast hüpft live aber bestimmt mal heraus, auch in Stuttgart, wo ich ja ohnehin von Tua begleitet werde, der vor mir auftritt.
Blicken wir über die Musik hinaus: Im November wird es eine Ausstellung über Ihren Großvater Richard Herre geben, im Stuttgarter Stadtpalais, im Zuge des Bauhaus-Jahres. Wie kam es dazu?
Mein Großvater, der Vater meines Vaters, war Architekt, Gestalter, Typograf und Übersetzer. Seine produktivste Schaffenphase hatte er in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts. Er war der Publizist der Üecht-Gruppe um die Hölzel-Schüler Schlemmer und Baumeister. Als die Avantgarde in Stuttgart Einzug hielt, war er einer der prägenden Köpfe. Mein Vater hatte den Nachlass seines Vaters schon in einem Katalog gebündelt. Der stellt jetzt die Grundlage der Ausstellung dar.
Wie wurde Ihr Großvater zu einer der Bauhaus-Figuren in Stuttgart?
Nicht alles, was unter dem Stichwort neues Bauen subsumiert wird, ist ja wirklich Bauhaus. Der Werkbund ist im Schaffen von Richard Herre die wichtigere Bezugsgröße. Für die Ausstellung „Die Form“ hat mein Großvater 1924 das Plakat gestaltet.
Was wird in der Ausstellung zu sehen sein?
Das Haus von Max Taut, das Richard Herre in der Weißenhofsiedlung eingerichtet hat, wurde leider durch eine Bombe im Krieg zerstört. Es gibt aber noch Möbel von ihm. Ein Ensemble, das heute bei meinen Eltern steht, wird zu sehen sein. Dazu gibt es einen interessanten Briefverkehr zwischen ihm und Oskar Schlemmer, zwischen ihm und Willi Baumeister, der gezeigt wird, und vieles mehr. Mein Opa hat beispielsweise Le Corbusiers Modulor 1 und 2 übersetzt: Er war ein interdisziplinärer Künstler.
Ihr Vater Frank hat Richard Herres Erbe dann als Architekt weitergeführt.
Ja. Der künstlerische Geist, der in meiner Familie herrscht, ist sicher auch auf Richard Herre zurückzuführen. Mein Vater wollte eigentlich Maler werden. Aus purem Pragmatismus hat er sich dann für die Architektur entschieden. Mein Bruder ist übrigens auch Architekt geworden.
Sie sind das schwarze Schaf der Familie?
Den Begriff würde ich nicht gerade wählen (lacht). Ich bin aber auf jeden Fall ausgeschert – oder auch nicht. In der Idee des interdisziplinären Arbeitens fühle ich mich total zu Hause, in dem Ansatz, sich neben der Musik mit einer visuellen und gestalterischen Ebene auseinanderzusetzen: Die neue Platte wird es zum Beispiel auch als Doppelalbum auf Vinyl geben, verbunden mit einem 60-seitigen Foto-und- Text-Band über Athen.
Sind mit „Athen“ und der Ausstellung über Richard Herre dann alle Geschichten Ihrer Familie erzählt?
Nein. Die Geschichte meiner Mutter, ihrer zwölf Geschwister und meiner Großmutter, die aus einer jüdischen Familie in Berlin stammt, wurde noch nicht erzählt. Meine Oma hat eine Kurzgeschichte geschrieben, in der sie sich mit ihrer Rolle als sogenannte Halbjüdin in Berlin auseinandersetzt – über ihre Chance unterzutauchen, die ihr großes Glück war, die sie aber auch als Verrat an ihrer Identität empfunden hat. Das thematisiere ich in einer Strophe auf dem neuen Album. Meine Mutter ist später in der Waldorfschule auf der Uhlandshöhe aufgewachsen, zuerst in der Baracke, wie sie in der Familie genannt wird, dann im Lehrerhaus. Ihr Vater, der in den zwanziger Jahren in Athen gelebt hat, war Rektor und Präsident der Freien Waldorfschulen. Das ist dann für die nächste Platte vielleicht ein Thema . . .