Stuttgart wählt Direktmandat für die CDU nur Muster ohne Wert?

, aktualisiert am 23.02.2025 - 14:55 Uhr
Der Wahlkampf ist vorbei. An diesem Sonntag sind in Stuttgart 360 000 Bürger aufgerufen, ihre Stimme bei der Bundestagswahl abzugeben. Foto: Lg/Leif Piechowski

In der Landeshauptstadt sind rund 360 000 deutsche Staatsbürger zum Urnengang aufgerufen. Fast alle Kandidaten bangen um den Einzug in den Bundestag. Gegen 23 Uhr soll Klarheit herrschen.

Das Statistische Amt der Stadt Stuttgart, das die wegen des Ampel-Aus im November um fast acht Monate vorgezogene Bundestagswahl stemmen muss, hat Erstaunliches geleistet – bis am Dienstag der Kreiswahlausschuss das offizielle Ergebnis für die Landeshauptstadt verkünden wird, ist noch einmal Schwerstarbeit angesagt. Für 364 000 Bürger mit deutscher Staatsangehörigkeit wurden Wahlbenachrichtigungen und Stimmzettel verschickt sowie 3500 Ehrenamtliche für 265 Wahllokale rekrutiert.  

 

Briefwahl mit Dringlichkeit

Wer seinen Wahlbrief jetzt noch auf der Kommode liegen hat, sollte diesen nur noch in einen Briefkasten werfen: in den des Statistischen Amts in der Stadtmitte, Eberhardstraße 37. Das ist am Wahlsonntag bis 18 Uhr möglich. Auch diejenigen, die wahlberechtigt sind, aber ihre Benachrichtigungen verlegt haben, müssen nicht verzagen: Mit Reisepass oder Personalausweis kann man im Wahllokal abstimmen. Wer keine Wahlbenachrichtigung erhalten hat, sollte sich bei der Hotline des Statistischen Amts unter 216-92233 vergewissern, ob er oder sie tatsächlich ins Wählerverzeichnis eingetragen ist.

Endergebnis gegen 23 Uhr erwartet

Schon eine Dreiviertelstunde nach Schließung der Wahllokale lohnt sich der Blick ins Internet: unter www.stuttgart.de/wahlergebnisse kann man die Ergebnisentwicklung in den beiden Wahlkreisen verfolgen. Das vorläufige Endergebnis wird für 23 Uhr erwartet. Die Datenjournalisten unserer Zeitung berichten außerdem online auf unserer Webseite über die Ergebnisse aus jeder Kommune und jedem Wahlkreis in Baden-Württemberg in eigenen, detaillierten und in Echtzeit aktualisierten Artikeln.


Der Leiter des Statistischen Amts, Matthias Fatke, spricht von 135 000 Anträgen auf Briefwahl. 95 000 ausgefüllte Stimmzettel sind zurückgekommen. Das ist rund ein Viertel weniger als 2021 – weil die Zeit knapp war und die Wähler Sorge hatten, dass ihre Unterlagen nicht rechtzeitig ankommen. Der Briefwähleranteil war 2021 vor allem aber wegen der Pandemie explodiert. 

Der Wahlabend

Warten auf die Sitzverteilung

Die Stadtverwaltung präsentiert am Sonntag geladenen Gästen wie Kandidaten im Großen Sitzungssaal des Rathauses neben Fingerfood die aktuellen Zwischenstände. So mancher Bewerber muss sich wohl bis zum nächsten Tag gedulden müssen, um zu wissen, ob der Listenplatz für einen Sitz im Bundestag gereicht hat. Das gilt nun sogar auch für die Wahlkreissieger: Das geänderte Wahlrecht gewährt bekanntlich erstmalig nicht automatisch dem Gewinner oder der Gewinnerin eines Direktmandats einen Sitz im Bundestag. 

Die Aussichten

Die Ausgangsbedingungen haben sich gegenüber der Wahl vor vier Jahren geändert: Bundesweit, da die CDU nun deutlich vor SPD und Grünen rangiert, aber auch in Stuttgart, wo namhafte etablierte Bewerber, die 2021 den Wahlkampf prägten wie Landwirtschafts- und Bildungsminister Cem Özdemir (Grüne) oder der Ex-Linke-Chef Bernd Riexinger nicht mehr antreten.

Damals erlebte die CDU ein Desaster. Mit 20,7 Prozent der Zweitstimmen landete sie hinter den Grünen (25,1) und der SPD (21,1) sogar nur auf Platz 3. Beim Erststimmenergebnis war das Erstaunen noch größer: Seit 2009 hatte die CDU stets beide Direktmandate gewonnen. Zwar zog der Neuling und heutige Kreisvorsitzende Maximilian Mörseburg als Nachfolger von Karin Maag direkt, wenn auch mit hauchdünnem Vorsprung, in den Bundestag ein. Stefan Kaufmann allerdings unterlag Özdemir deutlich, nachdem er ihn zuvor bei drei Wahlen auf Abstand gehalten hatte. 

Die Listenplätze

Spannung in beiden Wahlkreisen

Über die Landeslisten schafften es vier Kandidaten in den Bundestag, von denen die FDP-Landesgeschäftsführerin Judith Skudelny und die Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt sowie die Beauftragte für Digitale Wirtschaft & Start-ups, Anna Christmann (Grüne) erneut antreten. Dirk Spaniel hat sich mit der AfD verkracht und war einem Ausschluss durch Austritt zuvorgekommen.

Im südlichen Wahlkreis Stuttgart I steht die CDU-Unternehmensberaterin Elisabeth Schick-Ebert vor der Aufgabe, der Abstand zu den Grünen von 16 Prozent bei den Erst- und rund acht Prozent bei den Zweitstimmen aufzuholen. Allerdings haben sich die Themenschwerpunkte verlagert: Klimaschutz war auf den Podien nur selten ein Thema. Es ging vor allem um Wirtschaft und Migration. Auch die Wohnungsnot stand nicht im Mittelpunkt der Debatten.

Die Özdemir-Nachfolgerin Simone Fischer, die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, hat vor allem mit sozialen Themen zu überzeugen versucht. Auf der Landesliste ist sie durch den Tod von Stephanie Aeffner auf Platz 15 vorgerückt. Dass sie damit ein Mandat holt, ist aber nicht sicher. Bei der Wahl im Jahr 2021 gab es mit 28,4 Prozent 18 Sitze für die Grünen.

Pantisano auf dem Sprung nach Berlin

Lucia Schanbacher hat für zwei Sitzungswochen in Berlin als Nachrückerin noch Bundestagsluft geschnuppert. Bekannter ist sie als Stadträtin für die SPD, die sich für Klimaschutz und Soziales stark macht. Sie muss auf Listenplatz 15 auf ein ordentliches Zweitstimmenergebnis ihrer Partei hoffen, sonst war Berlin nur ein Kurztrip. Vor vier Jahren reichte Platz 22 für ein Berlin-Ticket. Auf der Kippe steht auch Judith Skudelny. Sie hat zwar Platz eins auf der Landesliste, doch der Einzug in den Bundestag ist der FDP nicht sicher. Die Linke schaut zuversichtlicher drein, sie wird mit sieben Prozent gehandelt, was für den auf Rang zwei der Landesliste stehenden Stadtrat Luigi Pantisano ein Mandat bedeuten würde. Die Bewerber der AfD spielen keine große Rolle. Die Stadträte Michael Mayer und Steffen Degler stehen nicht einmal auf der Landesliste.

Mörseburg: Sieger und Verlierer zugleich?

Im nördlichen Wahlkreis Stuttgart II rechnet sich Maximilian Mörseburg gute Chancen aus, das Direktmandat für die CDU gegen die Grüne Anna Christmann (Platz 13) verteidigen zu können. Das allein reicht für einen Bundestagssitz aber nicht aus. Er steht wie die Parteifreundin Schick-Ebert wegen des neuen Wahlrechts in Konkurrenz mit seinen Parteifreunden im Land, die 2021 meist besser abgeschnitten hatten.

Das bedeutet unter Umständen: Zwei Wahlkreissiege bei den Erststimmen für die CDU, aber dennoch keine Vertreter in Berlin. Wenig aussichtsreich platziert sind Dietmar Bulat auf Platz 37 der SPD-Landesliste und Mark Wieczorrek (Platz 30 bei der FDP). Die Regionalrätin Aynur Karlikli findet sich nicht auf der Landesliste von Die Linke mit 20 Bewerbern.

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