Max Mutzke im Theaterhaus Stuttgart Ein Abend zwischen Lachen und Weinen

Max Mutzke nahm auf dem schwarzen Ledersessel Platz, sein Pianist Nick Flade am roten Keyboard. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Bei seiner „musikalischen Lesung“ im Stuttgarter Theaterhaus zeigt Max Mutzke, dass seine Biografie eine ähnlich große Range hat wie seine Stimme – von der witzigen Anekdote bis zu herzzerreißenden Momenten.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Bevor es richtig los geht, muss er erst einmal was abklären: „Hand hoch, wer dachte, dass das ein Max-Mutzke-Konzert ist?“ Ein paar Hände gehen nach oben im ausverkauften Saal T2 des Theaterhauses. „Ja, da muss man aufpassen“, sagt Max Mutzke, der an diesem Mittwochabend mit seinem charakteristischen schwarzen Hut auf der Bühne steht.

 

Der Sänger, der sonst oft mit dem ganz großen musikalischen Besteck wie der SWR Big Band auftritt, hat in Stuttgart nur den Pianisten Nick Flade dabei. Der sitzt an einem roten Keyboard, gegenüber ein schwarzer Ledersessel. Auf dem wird Max Mutzke sitzen, aber erst einmal ist die charakteristische soulige Stimme mit der gewaltigen Range, die vor 21 Jahren beim „Grand Prix d’Eurovision“-Casting von „TV Total“ schon Stefan Raab, Joy Fleming und Thomas Anders beeindruckte, nur Off Stage zu hören. Das Publikum vergisst, dass es ja ein Lesungspublikum sein soll, jubelt, als der 43-Jährige dann auf die Bühne schlendert, singt bei „Welt hinter Glas“ gleich mit und beklatscht ausgiebig eine lange Koloratur.

Seine Biografie ist so facettenreich wie seine Stimme

Aber: Das hier ist eben kein Max-Mutzke-Konzert (er war ja auch erst im Oktober da), sondern eine „musikalische Lesung“. Denn der Sänger hat ein Buch geschrieben, „So viel mehr“ heißt es und versammelt „biografische Anekdoten“, wie er selbst es nennt. Und die haben eine ähnlich große Range wie Mutzkes Stimme: Sie reichen von lustigen Episoden mit Opa Bernhard („meinem Lieblingsmenschen“), einem kernigen Schwarzwälder, der offenbar mit derbem Humor, einem harten linken Haken und einem großen Herzen ausgestattet war, bis hin zum niederschmetternden Schicksal seiner Mutter, die alkoholkrank war und 2013 starb. Dazwischen packt er seine Lieder, „Nimmst du mich in den Arm“ oder „Wenn ich mal nicht mehr da bin“.

Klebezettel markieren die Stellen, die Max Mutzke vorlesen will. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Wie in einem Kaleidoskop der Charaktere lässt Mutzke seine komplette Familie aufmarschieren, seine schwäbelnde Oma muss er dem Stuttgarter Publikum – „wie praktisch“ – natürlich nicht übersetzen. Es ist ein Abend zwischen Lachen und Weinen, wenn er schildert, wie er mit 14 beim Schwarzfahren mit einem Unimog erwischt wurde, wie er mit seinem Vater auf dem Motorrad zu Gynäkologie-Fortbildungen und danach zum Zelt-Musik-Festival nach Freiburg fuhr, wie seine Mutter das Krenkinger Pfarrhaus bis zu den Dachbalken mit Leben und Liebe füllte und Hühnchen in pinker Sauce kochte. Über seine „Mama“, Chou-Chou, die er „wie verrückt“ liebte, die unkonventionell, lustig, kreativ war, larger than life, aber auch „unheimlich krank“, wollte er ein Buch schreiben. Aus Rücksicht auf seine Geschwister, erklärt er an diesem Abend, wurde sein ambivalentes Verhältnis zu ihr im fertigen Buch dann aber nur ein Aspekt unter vielen.

Die vielleicht berührendste Stelle im Buch, wie er von seiner Mutter kurz vor ihrem Tod Abschied nimmt, „kann ich nicht vorlesen, weil ich sofort anfange zu heulen.“ Dafür singt er dann noch „Hier bin ich Sohn“, den Song, den er über seine Mutter und ihre Sucht geschrieben hat und in dem es heißt: „Manchmal fällt’s schwer dich zu lieben.“

Nach der Pause sind fast alle zurück (obwohl Mutzke selbst es bezweifelt hatte) und ein junger Fan nutzt eine kurze Stille auf der Bühne, die Bitte nach einem Selfie nach vorne zu rufen. Max Mutzke, der seinem Image als sympathisch gutmütiger Schwarzwälder an diesem Abend mehr als gerecht wird, verspricht, nachher noch im Foyer zu bleiben, „bis alle ein Foto und ein Autogramm haben“. Der junge Mann bleibt hartnäckig: Wo das denn sei später – Mutzke antwortet im breitesten Schwarzwälderisch: „Des sigsch dann glei!“

Gelesenes und Gesungenes wechselten sich ab. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Bei „Komm, wir träumen uns zusammen“ ist dem 43-Jährigen dann tatsächlich der Text entfallen, aber wie gut, dass sein Buch gleich auf dem Beistelltischchen liegt und er kurz nachspickeln kann. Dann geht das Saallicht an und Max Mutzke bittet zur Fragerunde. Wann das nächste Live-Album kommt, möchte jemand wissen, ein anderer, warum der Sänger so oft Hut trägt („wenig Haare – und es gefällt mir einfach“). Das Spannendste erfährt man aber ganz nebenbei: Dass der Vater des Pianisten Astronaut und auf der Raumstation Mir war – und dass Max Mutzke daheim im Schwarzwald (wo er immer noch wohnt, wenn er nicht gerade in Köln ist) ehrenamtlich Pistenraupe fährt.

Am Ende vergisst das Publikum glatt noch einmal, dass es doch ein Lesungspublikum ist und gibt Mutzke und Flade Standing Ovations. Und dann bleibt er wirklich so lange im Foyer, bis jeder sein Selfie gemacht und sein Autogramm abgeholt hat. Anschließend geht’s auf die A81 in Richtung Südschwarzwald. Die Kinder warten – und die Pistenraupe.

Die Setlist von Max Mutzkes „musikalischer Lesung“

  • Welt hinter Glas
  • Nimmst du mich in den Arm
  • Hier bin ich Sohn
  • Gute Geschichten
  • California Spider
  • Wenn ich mal nicht mehr da bin
  • Komm, wir träumen uns zusammen
  • Bedingungslos
  • So viel mehr

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