Maybrit Illner und der Lockdown Lauterbach: „Ausgangssperre ab 20 Uhr muss kommen“

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner wollte wissen, wie es weitergeht. Foto: ZDF und Jule Roehr/Jule Roehr
ZDF-Moderatorin Maybrit Illner wollte wissen, wie es weitergeht. Foto: ZDF und Jule Roehr/Jule Roehr

Rostocks Bürgermeister Madsen freute sich in der Talkrunde von Maybrit Illner über ein Lob der Kanzlerin. Und Karl Lauterbach verlangte, gegen die Corona-Variante B117 in ein „letztes, schweres Gefecht“ zu ziehen.

Politik: Christoph Link (chl)
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Stuttgart - Wie ein Wanderprediger zieht der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mit düsteren Prophezeiungen von einer Talk-Runde zur nächsten. Von Tag zu Tag wird sein Bild von der Pandemie dann grauenhafter. Noch am Mittwoch warnte Lauterbach bei Markus Lanz im ZDF vor bald bis zu 40 000 Neuinfektionen am Tag, am Donnerstagabend erhöhte er seine Warnung in der Talkrunde von Maybrit Illner im gleichen Sender auf bis zu 50 000 Neuinfektionen am Tag. „Panisch in der dritten Welle – Deutschland auf der Notbremse?“ hieß die Titelfrage der Sendung, und Karl Lauterbach – umgeben von vier eher Öffnungsschritten zugewandten Studiogästen – malte das Schreckensbild so präzise, dass er am Ende einen der Gäste auf seine Seite zog.

Das Virus schneidet wie ein warmes Messer durch die Butter

„Wir stehen jetzt am Anfang einer fulminanten Welle“, so Lauterbach. Die Virusmutation B117 sei gar nicht zu vergleichen mit dem altbekannten Corona-Virus von 2020. Auch Menschen zwischen 40 und 70 werden daran sterben oder chronisch daran erkranken. Und wie „ein warmes Messer durch die Butter“ werde das Virus auch „durch die Schulen schneiden“. Bei der Ministerpräsidentenkonferenz – bei der er anwesend war – sei er mit seinem Gegenvorschlag zum später gescheiterten Oster-Lockdown („der hätte eh nicht viel gebracht“) leider nicht durchgedrungen: „Wir müssen eine 14-tägige Ausgangssperre ab 20 Uhr machen.“

Ein Lockdown rettet Menschenleben

Das sei unpopulär und eine unbequeme Arznei, aber sie wirke und die Menschen würden das verstehen, sagte Lauterbach, denn am Ende werde ein Erfolg stehen. Auch in Portugal, Irland und England, teilweise sogar in Frankreich, habe der Lockdown gewirkt. „Wir müssen jetzt in ein letztes, schweres Gefecht gegen das Virus ziehen“, so Lauterbach. Einwände von anderen Studiogästen, man könne nicht allein mit Schließungen Corona-Politik machen, man müsse auch schauen, welche psychischen Belastungen der Lockdown bringe und was er mit den Kindern mache, ließ der Gesundheitsökonom Lauterbach nicht gelten.

„Wir sind doch nicht bei Jugend forscht“

Wobei ihn Worte des Rostocker Oberbürgermeisters Claus Ruhe Madsen man brauche „Angebote statt Verbote“ und sollte „das Virus und nicht die Menschen bekämpfen“ – besonders in Harnisch brachten: Die bisherigen Lockdowns in Europa, so konterte Lauterbach, hätten laut einer Studie des Londoner Imperial College in Europa Millionen von Menschenleben gerettet, in Deutschland allein 500 000. Im übrigen würde er auch die Modellversuche vom Saarland, über Rostock bis Tübingen sofort einstellen. „Wir sind doch nicht bei Jugend forscht“ – und erst bei niedrigen Inzidenzen wieder aufnehmen.

Die Menschen brauchen einen Fahrplan, sagt der Bürgermeister

Die Gegenrede kam von Bürgermeister Madsen, der zunächst sein Unverständnis über den geplanten Fünf-Tage-Lockdown über Ostern schilderte. Man habe doch wohl nicht annehmen können, „dass die Leute über Ostern fünf Tage auf dem Sofa sitzen und die Decke anstarren“. Die Menschen seien wie Wasser, die suchten sich ihren Weg. In Rostock werden mit einem ausgeklügelten Testsystem und Terminvergaben Läden und das Sportstadion für begrenzte Mengen geöffnet, trotzdem sind die Inzidenzzahlen dort niedriger als anderswo. Über ein von der Kanzlerin ausgesprochenes Lob, wonach es keinem Bürgermeister verboten sei, es wie in Rostock oder Tübingen zu machen, habe er sich sehr gefreut, so Madsen: „Wir waren ziemlich oft allein. Wenn Sie als Bürgermeister was Neues durchsetzen wollen, stoßen Sie erst mal auf Ablehnung.“ Im übrigen bedauere er, dass nach der gescheiterten Ministerpräsidentenkonferenz die Kanzlerin nicht gesagt habe, wie es weitergehe. „Die Menschen brauchen doch einen Fahrplan. Man muss ihnen eine Kerze hochhalten.“

„Wir sind keine Lemminge, die verimpft werden müssen“

Das empfand auch die Autorin Düzen Tekkal so, man müsse aus Wutbürgern wieder Mutbürger machen. „Wir 82 Millionen sind doch keine Lemminge, die verimpft werden müssen.“ Man brauche auch Mitsprache. Leider habe die verkorkste Ministerpräsidentenkonferenz den Vertrauensverlust in die Politik nur verstärkt, viele Bürger seien in der Corona-Krise am Limit, „aber ein emotionaler Aufbau von Menschen findet gar nicht statt“. Auch die Theologin Margot Käßmann forderte „einen Hoffnungsschimmer statt Lähmung“. Den erwartet sie sich zumindest in der Osterzeit, die Gottesdienste in Präsenz seien verantwortbar. Christen wollten ihre Angst zu Gott bringen, gerade Ältere und Einsame brauchten diese halbe oder dreiviertel Stunde des Gottesdienstes dringend: „Trost ist auch ein Lebensmittel – gerade an Ostern.“ Und die Lebensmittelgeschäfte hätten ja wohl auch geöffnet.

Smudo sieht seine Luca-App als Sandsack gegen die Flut

Der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) schwenkte am Ende der Sendung auf den Kurs von Karl Lauterbach, dem „Schattengesundheitsminister“ wie Moderatorin Illner ihn nannte, ein. „Ja, wir werden weitere Maßnahmen ergreifen müssen. Eine weitere Lockerung sehe ich nicht“, sagte der Berliner. Zuvor hatte Müller noch das Oster-Chaos der Ministerpräsidenten zu erklären versucht. Sämtliche Gruppen – Ärzte, Lehrer, Unternehmer – wollten ja in dieser Pandemie alle etwas anderes, da vollführten die Politiker dann oft eine Gratwanderung, um es allen recht zu machen: „Da kommt dann nichts Halbes und nichts Ganzes raus.“ Ganz auf dem Lockdown-Kurs ist aber auch Berlin nicht. Dort laufen neun Modellprojekte zur Öffnung in Kultur und Sport – unter anderem getestet mit der Luca-App, mit der eine digitale Nachverfolgung von Kontakten in Restaurants, Läden, Kinos oder im Friseursalon möglich ist.

Ein Mitentwickler der Luca-App, der Rapper Smudo, kam in der Sendung zugeschaltet zu Wort: Der App hätten sich jetzt schon 100 Gesundheitsämter und 40 000 Betriebe angeschlossen, es gebe 2,3 Millionen Downloads, sagte er. Am 31. März werde der für Sicherheitsfragen wichtige Quellcode veröffentlicht: „Unsere Luca-App ist ein Sandsack gegen die Flut der Pandemie“, meinte Smudo, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Michael Bernd Schmidt heißt.




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