Herr Rexhausen, berät McKinsey zum ersten Mal eine Kommune auf dem Weg zur Klimaneutralität?
Rexhausen: Nein, wir sind die führende Unternehmensberatung in Sachen Nachhaltigkeit. Wir haben allein in den vergangenen drei Jahren schon mehr als 1700 Projekte in diesem Bereich durchgeführt – für private Unternehmen und auch für den öffentlichen Sektor. Wir haben in England eine Großstadt beraten sowie Städte in Polen, China und dem Nahen Osten.
Welche waren das?
Rexhausen: Namen nennen wir aus Gründen der Vertraulichkeit nicht. Die Stadt Stuttgart hat selbst entschieden, es öffentlich zu machen, dass wir sie beraten.
Herr Kohlmeyer, warum hat sich die Stadt für eine Unternehmensberatung entschieden?
Kohlmeyer: Wir haben die Studie ausgeschrieben und auch Institute mit eher wissenschaftlichem Hintergrund ins Rennen geholt. McKinsey hat aber das beste Angebot abgeliefert. Wir wollten, dass Stuttgart mit seinen Konzernen und der Wirtschaftskraft betrachtet wird, mit seiner Kessellage und mit allem, was hier besonders ist. Das Projektteam sollte mit den Menschen sprechen, die in dem Bereich Klimaschutz und Klimaanpassung Expertise haben, also den Stakeholdern vor Ort. Das waren Fach-und Führungskräfte aus der Stadtverwaltung, zum Beispiel dem Amt für Umweltschutz, aber auch aus der Industrie, dem Handwerk und aus der Zivilgesellschaft.
Rexhausen: Wir verfolgen einen wissenschaftlichen Ansatz. Und wir investieren weltweit eine Milliarde Euro im Bereich Nachhaltigkeit, unter anderem in unabhängige Klimaforschung, um die neuesten Erkenntnisse in unsere Arbeit einzubringen.
Wie viel hat die Studie gekostet?
Kohlmeyer: 160 000 Euro, das haben wir als Preisobergrenze im Vergabeverfahren vorgegeben.
Wie viele Leute haben bei McKinsey an dem Projekt mitgearbeitet – und wie lange?
Rexhausen: Die Zahl alleine ist wenig aussagekräftig, weil über den Projektzeitraum immer wieder Spezialisten mitarbeiten, sich die Größe des Teams also verändert.
Kohlmeyer: McKinsey hatte rund vier Monate Zeit. Und bei mehr als 50 Interviews ist klar, dass es nicht nur zwei Leute waren, die daran gearbeitet haben.
Spielte bei der Datenerfassung auch künstliche Intelligenz eine Rolle?
Rexhausen: Wir haben allein 2021 drei Nachhaltigkeitsunternehmen gekauft, die auch über analyticsbasierte Modelle verfügen. Auf die haben wir bei dem Projekt auch zurückgegriffen.
Sollte die Klimaneutralität nicht bis 2035 erreicht werden, was dann?
Kohlmeyer: Wir setzen alles dran, dass es gelingt. McKinsey hat uns einen Weg aufgezeigt, mit dem Klimaneutralität 2035 möglich wird – und die notwendigen Investitionen auf diesem Weg rechnen sich für Stuttgart. Unsere Aufgabe ist jetzt die Umsetzung.
An der Studie überrascht nichts. Man könnte diese auch an eine andere Stadt verkaufen.
Kohlmeyer: Das ist ja gar nicht verkehrt. Der Weg zur Klimaneutralität ist allgemein bekannt: Wir müssen weg von fossilem Strom, weg von fossiler Wärme, weg von fossiler Mobilität. Was den Klimaschutz hemmt, ist die Sorge, dass sich unser Leben revolutionär verändert und wir künftig wie im Mittelalter leben müssten. Aber wir können Klimaschutz erfolgreich umsetzen, ohne dass für die breite Gesellschaft die Welt oder der Tagesablauf zusammenbricht. Das wird mit der Studie für die Stuttgarter Verhältnisse gezeigt. Einen derart konkreten Pfad hin zur Klimaneutralität hatten wir bislang noch nicht.
Rexhausen: Die Maßnahmen zur Klimaneutralität sind bekannt, die Technologien sind glücklicherweise auch verfügbar, etwa Batterietechnik oder Fotovoltaik. Das Projekt ist aber trotzdem nicht übertragbar auf eine andere Stadt. Die Individualität liegt darin begründet, dass man die Ausgangslage der jeweiligen Kommune betrachtet und etwa prüft: Wo kommt die Stadt her? Was sind die wesentlichen Emissionsquellen? Zu welchem Anteil muss man welche Maßnahme und welche Technologie nutzen, um zu Klimaneutralität zu kommen?
Liegt also die Annahme zugrunde, dass Stuttgart die Klimaneutralität erreichen kann allein durch technologischen Wandel?
Kohlmeyer: Das Ziel ist sehr ambitioniert; bis 2030 will Stuttgart 80 Prozent der Emissionen einsparen, bis 2035 wollen wir 95 Prozent einsparen. Da brauchen wir mehr als Technik.
Rexhausen: Im Stuttgarter Klima-Fahrplan steht zum Beispiel, dass wir mehr Elektromobilität brauchen, aber auch dass die Bürger motiviert werden müssen, unnötige Wege zu vermeiden und andere Verkehrsmittel zu nutzen.
Wie wollen Sie die Stuttgarter in zwölf Jahren dazu bringen?
Kohlmeyer: Es gibt viele motivierende Maßnahmen wie Fördermittel für Ladepunkte, Carsharing oder das Regio-Rad. Andere Maßnahmen sind regulierend. Kürzlich meinte ein Kollege, der sich das Papier von McKinsey angesehen hat: „Da müssen wir ja viel schneller werden. Das passt nicht zu dem, wie wir uns bisher ausgerichtet haben.“ Da habe ich gesagt: „Ja super. Genau.“
Aber darauf können Sie ja nicht bauen, dass jedem Mitarbeiter der Stadt auffällt, dass er schneller werden muss.
Kohlmeyer: Wenn es denen auffällt, die die Pläne machen, dann ist das eine große Hilfe. Auch Unternehmen und Kultureinrichtungen fragen bei uns an, welchen Beitrag sie für das neue Klimaziel leisten können.
Noch mal: Wie wollen Sie die Stuttgarter Bürger überzeugen?
Kohlmeyer: Einerseits gibt es Kampagnen und Fördermittel, zum Beispiel das Projekt „Stuttgart knackt die 10 Prozent“, in dessen Rahmen Mieterinnen und Mieter beim Energiesparen beraten werden. Das setzt auf einen Gesamttrend zu mehr Klimaschutz auf. Andererseits muss man sich fragen: Was kann beispielsweise ein Mieter überhaupt leisten? Große PV-Anlagen kann er sich nicht aufs Dach bauen.
Mieter haben aber meist auch einen kleinen CO2-Fußabdruck.
Kohlmeyer: Das stimmt. Wir kommunizieren darum auch viel mit Immobilienbesitzern. In Stuttgart gibt es über 100 000 Immobilien, manche haben mehrere Immobilien. Am Ende sind es etwa 20 000 bis 30 000 Menschen, mit denen wir in die Kommunikation einsteigen. Diesen Personen wollen wir aufzeigen, wie sich Maßnahmen zur CO2-Neutralität rechnen.
Haben Sie einen regelmäßigen Termin mit Immobilienbesitzern?
Kohlmeyer: Wir hatten schon viele Workshops mit der Immobilienwirtschaft. Es gibt das Bündnis für Wohnen und außerdem einen monatlichen Newsletter, der an über 10 000 Immobilienbesitzer geht. Kürzlich hatten wir mit der Hochschule für Technik das erste Klima- und Energieforum, in dem es um Gebäude und Quartiere ging. Unsere Kolleginnen und Kollegen erarbeiten eine Wärmeplanung bis Ende des Jahres. Da passiert gerade sehr viel.
Wie stark wird sich das Leben der Stuttgarter in den nächsten zehn Jahren verändern?
Kohlmeyer: Mich leitet ein gewisser Optimismus: Für Mieter kommt der Strom weiterhin aus der Steckdose; früher war das Strom aus fossilen Quellen, in zehn Jahren aus erneuerbarer Energie. Und eine jetzige Gasetagenheizung ist in zehn Jahren durch einen Anschluss ans Wärmenetz oder eine Wärmepumpe ersetzt. Da ist mein Leben nicht revolutionär anders. Bei der Mobilität ist es ähnlich: Ich persönlich bin bereits heute lieber zu Fuß und mit dem Rad unterwegs, künftig auch. Andere sind jetzt mit dem Auto unterwegs und fahren künftig vermutlich Elektroauto.
Ist das der Weg: vom Verbrenner zum E-Auto?
Kohlmeyer: Aber am wichtigsten für den Klimaschutz ist, dass wir Strom und Wärme aus erneuerbarer Energie erzeugen. Darüber hinaus wird das Elektroauto ein wichtiger Teil der Lösung, genauso wie Verkehr zu vermeiden und auf den ÖPNV oder aufs Rad umzusteigen. Im Idealfall entwickeln wir in den nächsten zehn Jahren ein ganz anderes Bewusstsein in der Gesellschaft, sodass wir jedes Mal überlegen: Brauche ich für diesen Weg ein Auto?
Gehen Sie wirklich davon aus, dass Autofahrer in Scharen auf den ÖPNV umsteigen?
Kohlmeyer: Wir erleben schon seit einigen Jahren einen Trend, dass nachhaltiges Verhalten attraktiver wird. Gleichzeitig gibt es Leute, die sich darin nicht wiederfinden. Und die werden 2030 oder 2035 immer noch mit dem Auto zur Arbeit fahren; dann hoffentlich elektrisch. Trotzdem zeigen Umfragen: Ein großer Teil der Bevölkerung denkt, dass es so, wie wir aktuell leben, nicht weitergehen kann.
Rexhausen: Der Klimafahrplan zeigt auch auf, dass es nicht nur darum geht, heutige Verbrenner durch Elektroautos zu ersetzen, sondern auch Alternativen zu schaffen. Und wenn die dann da sind, muss man sie attraktiv machen. Ich sehe das bei mir selbst: Ich hatte früher einen konventionellen Firmenwagen. Seit der Einführung der Elektroroller fahre ich damit von mir zu Hause bis zur Stadtbahn, dann nehme ich die Bahn. Oder ich nehme das Elektroauto. Ich will damit sagen, was es braucht, ist Veränderung. Nachhaltigkeit ist kein Pflichtprogramm, sondern etwas, das wir den zukünftigen Generationen schuldig sind.
Es gibt Leute in der Stadtverwaltung, die sagen: Die McKinsey-Studie hat wertvolle Zeit gekostet.
Kohlmeyer: Ich denke, dass wir eher Zeit und auch zusätzliche Unterstützung gewonnen haben. Im Juli waren viel mehr Mitglieder des Gemeinderats überzeugt als im Januar. Wir haben große Herausforderungen vor uns, da brauchen wir breite Unterstützung. Ich sage immer: erst grübeln, dann dübeln. Und die breite politische Mehrheit ist überzeugt von dem Weg, den wir gehen. Die Fraktionen haben aus dem Beschluss sogar einen Klimapakt gemacht und – abgesehen von der AfD – alle für das Klimaziel 2035 unterzeichnet.
Warum McKinsey die Stadt Stuttgart berät
Unternehmensberatung
In Stuttgart wurde 2019 das Klimaaktionsprogramm mit 200 Millionen Euro beschlossen. Parallel wurde die Stabsstelle Klimaschutz gegründet, um das Programm zu betreuen. Etwa zwei Jahre später diskutierten Mitarbeiter der Stadt mit dem Gemeinderat darüber, das Klimaaktionsprogramm neu aufzusetzen – auch damit es auf das künftige Ziel der Klimaneutralität einzahlt. Die Stadträte entschieden, dass eine externe Firma oder Institut ins Boot geholt werden soll. Etwa ein Dutzend Beratungen wurden zu einem Teilnahmewettbewerb aufgefordert sowie danach zu einem Angebotswettbewerb. Kurz vor Weihnachten 2021 erhielt McKinsey den Zuschlag. Die Beratung hatte bereits für Deutschland und für Europa Studien erstellt namens Net Zero, in denen aufgezeigt wird, wie Klimaneutralität aussehen kann.
Ziel
Im Januar 2022 erteilte der Gemeinderat der Stadt den Auftrag, zu prüfen, ob Klimaneutralität bereits bis 2035 möglich sein könnte – und nicht erst bis 2050, wie bis dahin geplant. Zu diesem Zeitpunkt war McKinsey bereits gesetzt. Bis Mai arbeitete die Unternehmensberatung ein Papier aus, das im Sommer 2022 als Klimafahrplan beschlossen wurde. Das Ziel lautet nun: Bis 2030 müssen in Stuttgart 80 Prozent der Emissionen gegenüber 1990 eingespart werden, bis 2035 sogar 95 Prozent. Um bis 2035 klimaneutral zu werden, sind laut Stadt Investitionen von 11 Milliarden Euro nötig. Diese sollen sich rechnen, weil sie durch Einsparungen mehr als ausgeglichen werden. Vonseiten McKinseys ist das Projekt abgeschlossen. (jub)