InterviewMediator aus Filderstadt „Konflikte werden oft bösartig“

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Der Mediator Udo Hertlein aus Filderstadt erklärt im Interview, wie sich festgefahrene Nachbarschaftsstreitereien lösen lassen – ehe die neunte und höchste Eskalationsstufe erreicht wird.

Udo Hertlein kennt sich mit verfahrenen Situationen aus. Foto: Redaktion
Udo Hertlein kennt sich mit verfahrenen Situationen aus. Foto: Redaktion

Filderstadt - Seit Jahren schwelt ein besonders drastischer Fall von Nachbarschaftsstreit in Bonlanden. Die Filder-Zeitung hat vor Kurzem darüber berichtet. Darüber, dass Nachbarn wegzogen, weil sie es nicht mehr aushielten. Dass Sachen beschädigt werden. Dass regelmäßig Anzeigen und Gegenanzeigen erstattet werden. Dass den Anwohnern, der Polizei und den Gerichten die Hände gebunden sind und weder Annäherungsverbote noch angedrohte Freiheitsstrafen für Frieden sorgen. Der Streit in Bonlanden ist ein Extremfall, aber Nachbarschaftskonflikte kennt quasi jeder. Udo Hertlein, Mediator aus Plattenhardt, erklärt, wie man den Knoten möglicherweise lösen kann.

Herr Hertlein, wo lauern im Alltag Konflikte?

Der Arbeitsplatz ist ein großes Thema, weil dort Leute sehr lang und eng zusammen sind. Der eine will das Fenster aufmachen, der andere nicht. Der nächste sagt: Ich kann dein Parfüm nicht ertragen. Und meint eigentlich: Du bist mir einfach nur zu eng. Dann natürlich im Immobilienbereich. Es geht um viel Geld, es geht beim Bau vor allem um Mängel. Und bei Nachbarn natürlich. Es geht um die Kehrwoche oder den berühmten Ast, der über den Zaun hängt.

Das sind Kleinigkeiten.

Ja, oft sind sie zwar der Auslöser, aber nicht die Ursache. Die Ursache kann ganz anderswo stecken. In der Regel im zwischenmenschlichen Bereich. Der Ast, der rüberhängt, ist nicht das Thema, sondern dass möglicherweise der Vater schon immer gegen den anderen Vater gewettert hat, weil der so blöd parkt und man selber nicht richtig in die Garage reinkommt. Wenn man das plötzlich feststellt, dann tun sich oft Türen auf.

Warum knallt es gerade zwischen Nachbarn so häufig?

Weil man zu eng aufeinandersitzt. Kanada ist ein beliebtes Synonym. Wer in Kanada wohnt, freut sich, ab und zu einen Nachbarn zu sehen, weil man beispielsweise nur alle zwei Wochen mal zum Einkaufen in den nächsten Ort geht und ansonsten in seiner eigenen Welt lebt. In dem Moment, in dem Menschen eng aufeinandersitzen, gibt es Konflikte, die oft bösartig werden.

Kleine Streits können also schnell aus den Fugen geraten. Was befeuert dies?

Das Nicht-miteinander-Reden. Da stauen sich Dinge auf, und plötzlich ist man nicht mehr in der Lage, dies zu sagen, weil dann platzt man. Und wenn man platzt, fühlt sich der andere getroffen. Dann schaukelt es sich hoch und endet in der Regel durch Umzug oder durch Anwalt.

Wie weit können Konflikte gehen?

Es gibt neun Eskalationsstufen. Nummer eins ist das Bruddeln. Bei neun ist man bereit, sein eigenes Leben zu zerstören, Hauptsache, das des anderen wird zerstört. Gemeinsam in den Abgrund gehen.

Was macht das mit den Menschen?

Es ist oft sehr belastend, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich auf den Balkon zu setzen, ohne drüber nachzudenken: Guckt der mich jetzt an? Kommt er wieder auf mich zu und kritisiert an mir rum? Das Verhalten ändert sich. Für viele ist das so belastend, dass es zum Lebensmittelpunkt wird. Und eigentlich wären es oft Kleinigkeiten, die aus dem Weg zu räumen wären durch Gespräche.

Was können Sie, was Anwälte und Gerichte nicht können?

Ich kann das Gespräch in Gang bringen. Dass Parteien wieder miteinander reden können, dass sie sich verstehen können. Das heißt nicht, dass sie sich akzeptieren müssen, aber dass sie verstehen, was der Beweggrund des anderen ist.

Wie machen Sie das?

Zunächst hat die Mediation mehrere Prinzipien. Zum einen ist da die absolute Offenheit. Die Medianten müssen ehrlich sein und alles ansprechen. Der Mediator muss allparteilich sein. Er muss in der Mitte sein, aktiv zuhören, empathisch sein. Die Menschen müssen freiwillig da sein. Es ist ganz wichtig, dass nicht einer an der Handschelle reingeführt wird und dasitzt und nichts sagt. Jeder muss einen Sinn darin sehen, warum er da ist. In beiderseitigem Einvernehmen werden Themen an eine Tafel geschrieben, über die die Parteien sich dann unterhalten. Allein schon die mehrfachen Übereinstimmungen sind oft ein Türöffner. Sie sind beide da, sie akzeptieren, dass sie offen sind, dass sie autonom sind. Dann gilt das Prinzip, jeden ausreden zu lassen.

Wo stoßen Sie an Ihre Grenzen?

Wenn jemand psychisch krank ist. Wenn Gewalt im Spiel ist oder bei einer Kindesentführung. Da ist eine Mediation so gut wie nicht mehr möglich. Mediation ist auch nicht das eierlegende Wollmilchschwein, aber sie ist eine super Möglichkeit, einen Konflikt zu bewältigen, bevor man andere Schritte geht. Vor Gericht gibt es eigentlich nur Verlierer




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