„Medicus 2“ im Kino Produzent Wolf Bauer: „Kino ist ein Erlebnis, das sich nicht ersetzen lässt!“

Wolf Bauer hat den Film „Der Medicus 2“ produziert. Foto: Constantin Film

Der aus Stuttgart stammende Produzent Wolf Bauer spricht über die aktuellen Themen, die „Der Medicus 2“ behandelt – und verrät, warum die Fortsetzung des Erfolgsfilms keine Serie ist.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Wolf Bauer gehört zu den profiliertesten deutschen Film- und Fernsehproduzenten und ist seit Jahrzehnten eine treibende Kraft hinter großen deutschsprachigen Filmproduktionen. Mit „Der Medicus 2“ ist Bauer, der 1950 in Stuttgart geboren wurde, zu einem seiner größten Erfolgsprojekte zurückgekehrt-

 

Herr Bauer, man hört Ihnen Ihre süddeutsche Herkunft noch an, obwohl Sie schon lange nicht mehr in Stuttgart leben.

Ja, das verliert man nie ganz. Diese Sprachmelodie bleibt. Ich finde das auch nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Man erkennt sofort, wo jemand herkommt. Ich habe lange als Journalist gearbeitet und mir damals angewöhnt, möglichst hochdeutsch zu sprechen, aber ganz weg bekommt man das Schwäbische eben nicht. Das gefällt mir.

Sie produzieren seit fast 45 Jahren Filme und Serien. Haben Sie je Bilanz gezogen, was da zusammengekommen ist?

Es gibt recht genaue Zahlen: rund 80 TV-Movies, dazu mehr als 20 Serien. Allerdings muss man unterscheiden. Ich war 27 Jahre CEO der UFA. In dieser Zeit habe ich nicht selbst produziert, sondern Produzenten geführt. Der Output lag damals bei etwa 2.000 Programmstunden im Jahr. Eigene Projekte konnte ich da nur sehr begrenzt umsetzen.

Irgendwann kam dann die bewusste Rückkehr zur kreativen Arbeit.

Genau. Ich habe gemerkt, dass mir das eigentliche Produzieren fehlt: Stoffe entwickeln, Drehbücher begleiten, am Set sein. Mit „Der Medicus“ bin ich dann wieder ins Kino eingestiegen – gemeinsam mit Nico Hofmann. Das war mein erstes großes Projekt nach dieser Phase, und ich habe sofort gemerkt, wie viel Freude mir diese Arbeit macht. Auch Philipp Stölzl war bereits vor 12 Jahren dabei, gemeinsam mit ihm habe ich dann Weiterentwicklung von „der Medicis 2“ mit großer Passion vorangetrieben.

Warum Kino – in einer Zeit, in der Streamingplattformen den Markt dominieren?

Weil Kino ein Erlebnis ist, das sich nicht ersetzen lässt. Im Kino sitzen viele Menschen gemeinsam im Saal, erleben dieselbe Geschichte, dieselben Emotionen. Das ist ein kollektives Erlebnis. Zu Hause ist man immer vereinzelter, selbst mit dem größten Bildschirm. Ich vergleiche das gern mit Fußball: Man kann ein Spiel auf dem Handy anschauen, aber es ist nicht dasselbe wie im Stadion mit 70.000 Menschen.

„Der Medicus 2“ setzt sehr bewusst auf dieses große Kinoformat. War eine Serie jemals eine ernsthafte Alternative?

Ja, durchaus. Nach dem Erfolg des ersten Films gab es die Überlegung, den Stoff als große Serie umzusetzen, mit etwa 24 Folgen entlang der Romanstruktur. Das hätte allerdings ein Budget von weit über 100 Millionen Euro erfordert. Das war in Europa nicht realisierbar. Deshalb haben wir uns entschieden, die Geschichte als Kinofilm weiterzuerzählen.

Allerdings ist es keine klassische Fortsetzung der Romanhandlung.

Richtig. Wir knüpfen an die Figur Rob Cole an, erzählen aber eine neue Geschichte. Ihn treibt weiterhin die Sehnsucht nach Wissen und Erkenntnis – ein sehr menschlicher Antrieb. Im zweiten Teil geht es nicht mehr nur um die Krankheit des Körpers, sondern auch um die Krankheit der Seele, um psychische Leiden und um die Frage, wie Heilung möglich ist.

Wolf Bauer (dritter von rechts) bei der Premiere von „Der Medicus 2“ in Köln Foto: Constantin Film

Viele Motive wirken erstaunlich aktuell: Flucht, Ausgrenzung, Machtmissbrauch.

Das war uns sehr wichtig. Historische Stoffe bieten die Möglichkeit, heutige Konflikte zugespitzt zu erzählen. Der Film spielt im 11. Jahrhundert, aber er spricht sehr deutlich über Themen, die uns auch heute beschäftigen: Angst vor dem Fremden, gesellschaftliche Spaltung, der Umgang mit Wissen und Macht.

Wie nähert man sich dem Thema psychische Heilung, ohne moderne Konzepte ins Mittelalter zu verlegen?

Wir haben uns sehr genau mit den Schriften von Ibn Sina beschäftigt. Er beschreibt medizinische Methoden, die wir heute als Hypnose bezeichnen würden, etwa aus den ägyptischen Schlaftempeln. Das ist historisch belegt. Uns war wichtig, keine moderne Psychoanalyse zu erfinden, sondern aus der damaligen wissenschaftlichen Perspektive heraus zu erzählen.

Zwölf Jahre liegen zwischen dem ersten und dem zweiten Film. Ist das nicht ein großes Risiko?

Natürlich. Jeder Film ist eine Wette. Aber „Der Medicus“ ist eine starke Marke. Das merken wir bis heute. Der Trailer von Teil zwei wurde über 4,6 Millionen Mal aufgerufen. Das zeigt, dass es ein anhaltendes Interesse an dieser Geschichte gibt.

Der Kinostart an Weihnachten ist bewusst gewählt.

Ja. Weihnachten ist eine Zeit, in der Familien und Freundesgruppen gemeinsam etwas erleben wollen. Unser Film ist ab zwölf Jahren freigegeben, er richtet sich an mehrere Generationen. Und am Ende soll man das Kino mit einem positiven Gefühl verlassen – mit der Hoffnung, dass die Welt heilbar ist.

Die Finanzierung war diesmal deutlich komplexer als beim ersten Teil.

Absolut. Die Finanzierungsmodelle haben sich stark verändert. Wir mussten neue Wege gehen. Am Ende ist es gelungen, ZDF und Amazon Prime Video als Partner zusammenzubringen – zwei Wettbewerber. Weitere wichtige Partner und Koproduzenten waren UFA Fiction, Constantin Film als Verleih sowie Beta Cinema für den Weltvertrieb und natürlich Zeitsprung Pictures als mein engster durchführender Produktionspartner. Das war ein langer, teilweise sehr harter Prozess, aber er hat gezeigt, dass solche Modelle möglich sind.

Wenn so viele Partner beteiligt sind, gibt es dann auch inhaltliche Einflussnahme?

Natürlich gibt es Diskussionen. Das gehört dazu. Aber die letzte Entscheidung muss immer beim Produzenten liegen. Gleichzeitig bin ich der Überzeugung, dass kluge, konstruktive Anmerkungen ein Projekt besser machen können. Niemand besitzt die Wahrheit allein.

Gedreht wurde erneut auf Englisch.

Das war eine bewusste Entscheidung. Ein deutsches Publikum allein reicht für solche Budgets nicht aus. Kino ist international, und dieser Stoff ist international angelegt. Ihn in Englisch zu erzählen, war für uns folgerichtig.

Wenn „Der Medicus 2“ ein Erfolg wird – ist ein dritter Teil denkbar?

Das Potenzial für weitere Geschichten ist definitiv da. Aber im Moment gilt: Erst einmal schauen, wie der zweite Teil beim Publikum ankommt.

Sie wirken jedenfalls nicht so, als würden Sie ans Aufhören denken.

Überhaupt nicht. Die Arbeit am Drehbuch, der Dreh, der Schnitt – das ist der Kern meines Berufs. Dafür mache ich das alles. Und solange mir das so viel Freude bereitet, mache ich weiter.

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