Medien und Wahrheit Wer guckt denn hier noch „Tagesschau“?
Früher war es schon schwer, Lügen wieder aus der Welt zu schaffen. Die Ereignisse in Großbritannien zeigen: Es ist seitdem nicht besser geworden, meint unser Kolumnist
Früher war es schon schwer, Lügen wieder aus der Welt zu schaffen. Die Ereignisse in Großbritannien zeigen: Es ist seitdem nicht besser geworden, meint unser Kolumnist
Vor ein paar Tagen ein nettes Gespräch zwischen mir und einem Dienstleister, den ich regelmäßig aufsuche: ein Endzwanziger, urban-europäisch-international geprägt, multikulturell verheiratet, gender-sensibel, stolz auf seine toughe Frau. Kurzum: Wären wir beide Amerikaner, wir würden beide sicher nicht Trump wählen.
Wir reden über Olympia und was es da alles schon zu sehen gab. Einen bestimmten Siegerlauf wollte er am Tag danach gern noch nachschauen, „aber ich hab da bei Youtube nix gefunden“. Ich sage „In der ARD Mediathek findet man eigentlich alles“. Er fragt: „Was ist jetzt ARD?“ Ich vermute zunächst Ironie im Spiel. Aber er meint es ernst. Weswegen ich verzweifelt nach einer Umschreibung für „ARD“ suche: „Na, das Erste. Im Fernsehen.“ Nein, Fernseher haben sie nicht mehr. „Wir streamen auf dem Monitor oder auf dem Tablet. Bei Youtube und auf Insta gibt es ja alles“.
Da sitz ich dann und lerne, wie weit sich die Art und Weise unserer Welt-Wahrnehmung inzwischen verändert hat. Ich sitze seit Jahr und Tag, wenn es sich denn irgendwie einrichten lässt, um 20 Uhr auf der Couch und lass mir in 15 ARD-Minuten erklären, was auf dem Globus seit dem gestrigen Abend alles so passiert ist – erstens, weil ich schon früh zum Grundvertrauen in die Kompetenz der „Tagesschau“-Redaktion erzogen wurde, und zweitens, weil ich 15 Minuten einen kommod begrenzten Zeitraum für diesen Tagesordnungspunkt finde.
Für inzwischen sehr viele Menschen – vor allem solche, die jünger sind als ich – ist diese Herangehensweise an die Frage „Was ist wichtig“ vollkommen obsolet. Weswegen es gar nicht verwundern kann, warum sich in England die Meldung, ein muslimischer Migrant habe in Southport tanzende Kinder ermordet, so hartnäckig hält, obwohl beispielsweise die BBC und andere Traditionsmedien recht schnell zu berichten wussten, dass es sich bei der Täterbeschreibung um mit bösesten Absichten verbreitete Fake News handelt. Die Folgen davon haben sich inzwischen völlig verselbstständigt und erschüttern das Land zutiefst.
Traditionell werden solche Deutungskonflikte auch auf Kulturseiten gern damit erklärt und scheinbar gelöst, indem man die Welt einteilt in „die Klugen“ und „die Dummen“, respektive „die Verdummten“. Aber dumm ist der von mir eingangs beschriebene Dienstleister ganz sicher nicht. In zwei Wochen sehe ich ihn wieder. Worüber reden wir dann? Und übrigens sind wir ja immer noch mitten im Kant-Gedenkjahr 2024: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedien“ – bis auf weiteres der einzige Anker.