Medienbildung im Kreis Böblingen Kinder brauchen Vorbilder statt Wlan

Die Zahlen zur Medienabhängigkeit unter Jugendlichen sind erschreckend Foto: Annette Riedl/dpa

Zwischen Kontrolle und Vertrauen: Der digitale Alltag verlangt Familien vieles ab. Mit reinen Verboten ist es aber nicht getan, kommentiert unser Redakteur.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Es ist längst keine theoretische Debatte mehr, sondern eine tägliche Herausforderung in den Wohnzimmern: Wie gehen wir mit Smartphones und sozialen Medien um – wir Erwachsene, unsere Kinder, unsere ganze Gesellschaft? Die Diskussion über ein pauschales Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren, wie es Bildungsministerin Karin Prien jüngst forderte, klingt zunächst nach Klarheit. Nach einer einfachen Lösung für ein komplexes Problem. Aber sie greift zu kurz.

 

Verbote allein lösen keine Probleme, sondern verschieben sie nur in eine andere Sphäre. Wer Kinder erst mit 16 Jahren in die digitale Welt lässt, riskiert, dass sie unvorbereitet in einem Umfeld landen, in dem Rücksicht, Schutz und Wahrhaftigkeit längst nicht mehr selbstverständlich sind. Außerdem sind die Verlockungen der digitalen Medien so groß, dass gerade junge Nutzer doch immer einen Weg finden, die Verbote zu umgehen – und seien sie noch so ausgeklügelt.

Wie überall ist auch im Landkreis Böblingen zu erleben, was das konkret bedeutet. Im Böblinger Jugendhaus Casa Nostra berichten Sozialpädagogen von Jugendlichen, die stumpf werden angesichts einer Flut brutaler Inhalte im Netz. Mehr als die Hälfte der Grundschüler habe bereits Videos gesehen, in denen Menschen oder Tiere gequält werden. Das ist kein „Randphänomen“ mehr. Gut zu beobachten auf Pausenhöfen, auf denen sich Trauben bilden um die Smartphone-Bildschirme, auf denen wahlweise aufregende oder eben auch schockierende Inhalte aus dem Netz gefischt wurden.

Riskanter Konsum steigt kräftig

Dazu passen die Zahlen zur Medienabhängigkeit unter Jugendlichen: Studien zeigen einen Anstieg riskanten Konsums bei Zehn- bis 17-Jährigen um über 120 Prozent seit 2019. Corona war ein Brandbeschleuniger, klar, aber das Problem ist geblieben und weitet sich aus. Wenn Kinder ihre Freizeit fast ausschließlich am Bildschirm verbringen, wenn Eltern kaum noch wissen, was im Kinderzimmer passiert, geht mehr als nur Freizeit verloren – es leidet die Bindung, die Kreativität, die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen.

Der schon länger geprägte Begriff des Smartphone-Zombies oder auch „Smombies“ kommt nicht von ungefähr: Der Rückzug in die digitale Blase macht aus geselligen Herdentieren quasi-autistische Einzelgänger. Diese Überspitzung sei erlaubt, wenngleich sie gar keine ist sondern erlebte tägliche Realität. Man sehe sich nur einmal am Bahnsteig um oder in einer Fußgängerzone: Dort gilt der Blick nicht der Umgebung, sondern dem vor die eigene Nase gehaltenen Bildschirm – Kollisionsgefahr inklusive. Doch es gibt Hoffnung.

Reflektierter Umgang in Medienwerkstatt

Das Jugendhaus Casa Nostra hat eine Medienwerkstatt eingerichtet, die den reflektierten Umgang schult. Der Landkreis bietet mit dem Digitalen Elternabend von Clemens Beisel Orientierung, gut aufbereitete Webinare sind gratis abrufbar. Die Nachfrage ist groß – ein Zeichen, dass einige Eltern nicht wegsehen, sondern Antworten suchen.

Was wir jetzt brauchen, ist ein doppelter Ansatz: Ja, die Politik muss regulieren – Social-Media-Anbieter dürfen nicht länger Narrenfreiheit genießen. Aber mindestens ebenso wichtig ist der familiäre Alltag. Eltern müssen hinschauen, sich einmischen, Alternativen schaffen. Kinder brauchen nicht nur Wlan, sondern auch Vorbilder.

Und da dürfen sich alle Erziehungsberechtigten mal an der eigenen Nase fassen: Wie oft starren sie selbst geistesabwesend in ihre Hosentaschen-Bildschirme? Und wollen dabei vom Nachwuchs keineswegs gestört werden? Die digitalen Medien sind zwar nicht wegzudenken. Doch der positive Umgang damit will gelernt sein – von Jung und von Alt.

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