Medienhaus in Gerlingen Das Telefonbuch bleibt – trotz Internet

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Vor 50 Jahren wurde der „Bleicher-Verlag“ gegründet. Heute engagiert man sich zunehmend in elektronischen Verbreitungskanälen – und firmiert als „Bleicher-Medien“. Mitte des Monats wird das halbe Jahrhundert des Bestehens gefeiert.

Drei Generationen der Familie Bleicher (von links): Sebastian Bartolitius, Thomas Bleicher, Evmarie Bartolitius und René Süßer. Vom Ölbild Foto: factum/Bach
Drei Generationen der Familie Bleicher (von links): Sebastian Bartolitius, Thomas Bleicher, Evmarie Bartolitius und René Süßer. Vom Ölbild Foto: factum/Bach

Gerlingen - Bei der Deutschen Postreklame hat alles angefangen: Da arbeitete Heinz Max Bleicher von 1950 an als Bezirksdirektor für Stuttgart. Das wollte er aber nicht sein Leben lang machen. Zusammen mit seiner Tochter Evmarie gründete er 1968 in Gerlingen den Bleicher-Verlag. Daraus entwickelte sich ein Medienhaus, das seit Jahren auch in den elektronischen Anwendungen aktiv ist. Neueste Angebote sind Werbespots und Liveaufnahmen im Operationssaal, aber auch die Personalsuche im Internet. Telefon- und Adressbücher bilden nach wie vor die Basis.

„Mein Sohn bezeichnet mich als die Konzernmutter“, sagt Evmarie Bartolitius (71) und lacht. Bleicher Medien ist eine Gruppe von Unternehmen geworden, die Daten veröffentlicht und Dienstleistungen anbietet im Bereich gedruckter und digitaler Produkte, auch mit Filmen. Deshalb haben die vier Menschen an der Spitze von Bleicher Medien beim Fototermin verschiedenste Dinge dabei: Minikamera, Adress- und Telefonbücher, einen Laptop und einen Kleincomputer für die Hosentasche – Symbole für die Aktivitäten. „Die Printprodukte werden gut ergänzt durch elektronische Medien“, sagt die Tochter des Firmengründers, die mit ihrem Bruder Thomas Bleicher (64) die Geschäfte führt. Die dritte Generation soll 2019 an die Spitze vorrücken: Sebastian Bartolitius und René Süßer, die Söhne von Evmarie Bartolitius und Thomas Bleicher.

Telefonbücher werden noch immer gebraucht

Die Vettern gehören zwar der Generation Internet und Smartphone an, sie kennen aber die Standbeine des Medienhauses, zu dem sich Bleicher in einem halben Jahrhundert entwickelt hat, sehr gut: Die Verzeichnismedien – so heißen Telefon- und Adressbücher in der Fachsprache. Wozu braucht ein Mensch noch ein Telefonbuch? Bei Bleicher kennt man diese Frage. „Jeder, der am PC sitzt oder ein Smartphone bedient“, sagt Thomas Bleicher, „sucht eine Telefonnummer online.“ Das Telefonbuch nehme der in die Hand, der nicht dauernd am Computer sitze. Telefonbücher seien in Orten wie Gerlingen in zwei Drittel aller Haushalte vorhanden.

Noch begehrter aber seien Adressbücher. Wie ist deren Herausgabe mit dem neuen Datenschutzrecht vereinbar? In „Verzeichnismedien“ dürften Namen, Vornamen, Wohnanschrift und Telefonnummer genannt werden, erklärt Bleicher.

Jüdische Schriftsteller verlegt

Mit diesen Medien hat der Firmengründer Heinz M. Bleicher zwar reüssiert, sein besonderes Anliegen aber war ein anderes: Er verlegte Bücher jüdischer Autoren wie Max Zweig, Simon Wiesenthal oder Martin Buber. Aber auch Schwaben wie Oscar Heiler oder Christoph Sonntag gehörten zum Autorenkreis. Rund 300 Bücher wurden in 30 Jahren verlegt, resümiert Sohn Thomas.

Darunter waren auch drei des Journalisten Karl Geibel, der Redaktionsleiter bei den Stuttgarter Nachrichten und der Leonberger Kreiszeitung war. Er habe eine Zeitlang „fast zur Familie gehört“, sagt Evmarie Bartolitius. Geibel fällt zu Heinz M. Bleicher „die internationale Reputation“ seines Verlags ein. Er habe Werke von Schriftstellern veröffentlicht, „die eigentlich verfolgt waren – das war ein Hammer“. Und Bleicher sei „im Mikrokosmos von Gerlingen ein namhafter Liberaler“ gewesen – auch als FDP-Stadtrat. Zudem engagierte er sich jahrzehntelang sehr für die Aussöhnung mit Juden. „Eine tolle Zeit“ sei das gewesen, sagt seine Tochter.

Ehrenamtlich sind auch Bleichers Kinder tätig: Thomas Bleicher unter anderem in der Lokalen Agenda und der SPD, bei den Freunden von Tata oder im Stadtmarketing, Evmarie Bartolitius beim Bund der Selbstständigen, in der FDP oder in Berufsverbänden. Vornedran aber steht die Firma. Noch immer, nach 50 Jahren.

Gründung
1968 gründet Heinz M. Bleicher mit seiner Tochter Evmarie den Bleicher Verlag. Basis ist die Herausgabe von Telefonbüchern.

1970
Der literarische Bereich des Bleicher Verlags wird begründet. Er wird die literarische Heimat von jüdischen Autoren deutscher Sprache.

1976
Thomas Bleicher, Sohn des Firmengründers, tritt in den Verlag ein.

1989
Neues Verlagshaus an der Weilimdorfer Straße.

2002
Der Verlagsbereich Literatur wird aufgegeben.

2004
Das Online-Zeitalter beginnt. Telefonbücher erscheinen jetzt auch im Netz.

2005
Am 9. März stirbt Heinz M. Bleicher.

2012
Thomas Bleichers Sohn René tritt in den Verlag ein.

2014
Die Firma übernimmt die TV Studios Leonberg. Sebastian Bartolitius wird Geschäftsführer.

2016/17
Aus dem Bleicher Verlag wird Bleicher Medien; Beteiligung an der Firma, die wichtige Telefonverzeichnisse in Deutschland herausgibt.

2018
50-Jahr-Jubiläum. Zum Ende des Jahres soll die junge Generation die Geschäftsführung übernehmen.




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