Medienmogul Murdoch will von Abhörpraktiken nichts gewusst haben. Während seiner Anhörung wurde er von einem Mann körperlich angegriffen.
London - Auf diesen Tag hatten die Briten mit Spannung gewartet. Es war der Tag, an dem der Medienmogul Rupert Murdoch mit seinem Sohn James Abgeordneten in Westminster Rechenschaft über seine Geschäftsaffären abgelegen sollte. Es sei, meldete sich Murdoch senior gleich einmal zu Wort, der "Tag der größten Demut meines Lebens". Das hinderte ihn freilich nicht daran, zu einigen der ihm gestellten Fragen den Kopf zu schütteln, ungeduldig mit der Handfläche auf den Tisch zu klopfen und mehrfach darauf zu verweisen, dass er ein Medienempire von gewaltigem Ausmaß befehlige - und nicht jedes letzte Detail und jeden einzelnen Mitarbeiter des Konzerns kennen könne.
Zwar wiederholte Murdoch, was er schon zuvor gesagt hatte: er sei "schockiert und entsetzt" gewesen von den Enthüllungen über Lauschaffären seines Skandalblattes "News of the World" und "schäme sich zutiefst dafür". Gefragt aber, ob er die Verantwortung für dieses Fiasko übernehme, antwortete er unzweideutig: "Nein." Er selbst sei von üblen Charakteren in der Firma betrogen worden. Was könne er schon wissen über den Skandal beim Revolverblatt "News of the World"? "Das hat ja weniger als ein Prozent meines gesamten Firmenbestandes ausgemacht!" Die elf Mitglieder des Kultur- und Medienausschusses des Unterhauses suchten ihre Befragung höflich zu halten - auch wenn sich gelegentlich ein ungehaltenes Wort einschlich. Die beiden Murdochs, der 80-jährige Vater und sein 43-jähriger Sohn, spielten ein Doppel, das sich nicht festnageln lassen wollte. Sie zeigten "ehrliche Reue", ohne eigene Verfehlungen einzuräumen.
Zahlungen an Lauschopfer seien bescheiden gewesen
Rupert Murdoch zeigte sich ein wenig schwerhörig und ließ sich Zeit zum Nachdenken. Nur im politischen Bereich kam er bereitwillig aus der Deckung. Durch die Hintertür der Regierungszentrale im Mai vorigen Jahres sei er spaziert, weil ihn Premierminister David Cameron darum gebeten habe, erklärte er. Im Übrigen habe er auch bei Camerons Vorgänger Gordon Brown öfter mal selbige Hintertür benutzt.
Sohn James, selbst in Bedrängnis geraten durch die Krise, suchte sich einzuschalten, wenn sein Vater verstummte. Selbst Zahlungen an Lauschopfer in Millionenhöhe seien zu bescheiden gewesen, als dass man den alten Herrn damit habe belästigen müssen: Der gute Ruf seines Vaters war offenkundig oberste Priorität. Mit größtem Geschick und selbst auferlegter Disziplin tappte James Murdoch durch die Schlingen, die ihm die Abgeordneten legten. Vater Rupert hieb dagegen immer mal wieder auf den Tisch. Es gehe schließlich um den Vorzug einer "wettbewerbsstarken Presse".
Zum Zeitpunkt dieses "Verhörs" befand sich Premier Cameron auf dem Weg von Afrika zurück nach London. Die lang geplante Afrikareise hatte der Regierungschef in wachsender Panik über die Ereignisse daheim auf zwei knappe Tage verkürzt, um sich nicht plötzlich in Westminster in der politischen Wüste wiederzufinden. Dass er sich am Sonntag überhaupt auf den "dunklen Kontinent" abgesetzt hatte, während in London der Skandal um Murdoch-Presse, Polizei und Regierungszentrale gefährlich brodelte, hatten ihm seine eigenen Parteigänger schon äußerst negativ angerechnet.
Einige Labour-Abgeordnete forderten Camerons Rücktritt
Ein Tory-Abgeordneter munkelte davon, dass Cameron sich zur Unzeit "aus dem Land gestohlen" habe. Der Verband der Tory-Hinterbänkler im Unterhaus mochte sich mit dem Auftritt eines Cameron-Stellvertreters bei seiner wöchentlichen Zusammenkunft nicht begnügen. Er verschob das Treffen auf Mittwoch, um sich Cameron selbst vorzuknöpfen. Derweil verlangten einige Labour-Abgeordnete erstmals offen Camerons Rücktritt.
Wettlustige Briten konnten am Montag bereits darauf wetten, dass Cameron bis Freitag die Koffer in No.10 Downing Street gepackt hätte. Das, fanden die meisten Beobachter, sei nun allerdings wirklich übereilt. Einige Kommentatoren wiesen aber darauf hin, dass sich vor zwei Wochen niemand hätte vorstellen können, dass die zwei Toppolizisten des Landes zurückgetreten, die Generaldirektorin von News International verhaftet, die größte britische Zeitung eingestellt und Rupert Murdoch vors Parlament zitiert worden wäre. Ausgerechnet in Murdochs "Times" wurde Innenministerin Theresa May, die unerschütterliche "Eiskönigin" der Konservativen, als "die Erfolgsfigur der Regierung" in dieser Krise herausgestrichen. Sie sei, spekulierten manche Parlamentarier am Dienstag schon, eine denkbare Nachfolgerin für Cameron.
Update 18.15 Uhr: Während der Anhörung wurde Rupert Murdoch von einem Mann attackiert, die Anhörung kurzzeitig unterbrochen.