Medikament Aimovig zugelassen Neue Hilfe gegen Migräneattacken

Migräneattacken machen den Betroffenen das Leben sehr schwer. Foto: Mauritius

Ein Medikament namens Aimovig ist jetzt auch in der EU erhältlich. Das Mittel kann bei einem bestimmten Teil der Patienten Häufigkeit und Schwere von Anfällen verringern – löst aber nicht das grundlegende Problem der Krankheit.

Berlin - Migräne raubt den Betroffenen sehr viel Lebensqualität. Daniela Reger, 49 Jahre alt, hat seit ihrem sechsten Lebensjahr Migräneattacken und weiß nur zu gut, was dies bedeutet. Im Monat hat sie drei bis vier davon. Sie dauern zumeist jeweils zwei bis drei Tage. Während einer Attacke sind all ihre Sinne betroffen: Sie ist sie sehr geruchsempfindlich und mag es nur dunkel, kalt und leise. Am liebsten würde sie sich in ein Erdloch mit Deckel verkriechen und erst wieder herauskommen, wenn die Attacke vorbei ist, sagt sie. Aber das geht im Alltag natürlich nicht, vor allem nicht, wenn man als Speditionskauffrau voll berufstätig ist.

 

Mit den Triptanen – Wirkstoffen zur Migränebehandlung – verbesserte sich die Situation. „Sie machen allerdings auch müde. Man fühlt sich abgeschlagen, hat eine Art leichten Muskelkater. Das Luftholen schmerzt in der Lunge. Händewaschen geht nur mit kaltem Wasser“, schildert Reger die Nebenwirkungen. Um Attacken vorzubeugen, nahm sie früher einen Betablocker ein – sehr unangenehme Nebenwirkungen inbegriffen.

Aimovig soll die Zahl der monatlichen Attacken und deren Schwere verringern

Dann keimte Hoffnung in ihr auf, ihren Migräneattacken besser vorbeugen zu können. Ihr behandelnder Arzt, Axel Heinze von der Schmerzklinik in Kiel, fragte sie 2017, ob sie an einer Studie zu Aimovig teilnehmen wolle. Seit dem 30. Juli 2018 ist das vorbeugend wirksame Aimovig nun in der EU zugelassen. Bereits sechs Wochen zuvor hatte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung für den US-Markt erteilt, Anfang Juli folgte die Schweiz. Nun also auch die EU. Aimovig soll die Zahl der monatlichen Attacken und deren Schwere verringern. Die Zulassung gilt ab vier Migräneattacken pro Monat.

Hinter Aimovig steckt ein zielgerichteter (monoklonaler) Antikörper namens Erenumab. „Migräne ist eine sehr komplexe Erkrankung, bedingt durch 38 interagierende Risikogene. Dadurch gibt es mannigfaltige Entstehungsmechanismen, die zu verschiedenen Ausprägungen der heute bekannten 45 verschiedenen Migräneunterformen führen“, erklärt der Neurologe, Schmerztherapeut und Psychologe Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik in Kiel. Da Erenumab den Rezeptor für ein Protein namens Calcitonin Gene-related Peptide, kurz CGRP, blockiert, wird das Medikament nur all jenen Migränepatienten mehr oder weniger gut helfen, bei denen CGRP eine Rolle bei der Attacken-entstehung spielt. CGRP wird als Botenstoff in den Hirnhäuten freigesetzt. Es macht die Nerven überempfindlich, ist stark gefäßerweiternd und an der Schmerzverarbeitung beteiligt.

Patienten erhalten dreimal im Abstand von je einem Monat zwei Spritzen

Daniela Reger überlegte nicht lange und sagte ihre Teilnahme an der Studie zu. Sie erhielt dreimal im Abstand von jeweils einem Monat zwei Spritzen. „Es brachte mir rein gar nichts – nicht mal einen Placeboeffekt”, sagt sie. Nach drei Monaten Placebo-Pillen erhielt sie dann Aimovig für ein ganzes Jahr. „Ich habe am 30. August 2017 die erste Spritze erhalten. Drei Tage danach hatte ich am Wochenende noch eine starke Migräneattacke. Das war’s dann“, berichtet Reger. „Ich fühle mich wie neu geboren. Es ist ein ganz neues Lebensgefühl.“ Sie braucht derzeit weder Triptane noch Betablocker. Allerdings muss sie ihren erhöhten Blutdruck nun separat behandeln. Die einzigen Nebenwirkungen von Aimovig seien bislang Juckreiz, Rötung an der Injektionsstelle und eine leichte Verstopfung. „Dagegen nehme ich Flohsamen ein“, sagt sie.

Nur ein Teil der Patienten reagiert sehr gut auf das Mittel

Daniela Reger ist einer der Glückspilze, bei denen Aimovig optimal hilft. „Ich bin seitdem viel agiler, lebensfroher, habe nicht mehr die Angst, dass immer dann, wenn ich mich ganz besonders auf etwas freue, eine Migräneattacke einsetzt.“ Tatsache ist aber, dass nur ein Teil der Patienten sehr gut auf Aimovig ansprechen. Im Schnitt verringerten sich die monatlichen Migräneattacken in der Aimovig-Gruppe um etwa zwei Tage im Vergleich zu Placebo. „Bei den Durchschnittspatienten ist die Wirksamkeit ähnlich wie bei den gängigen Prophylaxemedikamenten“, sagt Göbel.

Ein Teil der Patienten spricht nämlich gar nicht auf Aimovig an. Die in Studien ermittelten Werte seien Durchschnittswerte, so Göbel, in die auch diejenigen Patienten eingerechnet werden, die keine Reaktion auf das Medikament zeigen.

Aimovig löst nicht das Problem der Migräne – aber es ist eine Hilfe gegen die Symptome

Im Detail: In den US-Studien für die Zulassung von Aimovig reduzierte hochdosiertes Erenumab (140 mg) bei 955 Betroffenen mit episodischen Attacken die monatlichen Migräneattacken im Mittel um 3,7 Tage im Vergleich zu 1,8 Tagen bei einem Placebo. Das bedeutet, dass Aimovig im Durchschnitt ein bis zwei zusätzliche migränefreie Tage bringt. Erfreulicherweise konnten 50 Prozent der Patienten, die hochdosiertes Aimovig einnahmen, ihre Migränetage um die Hälfte verringern. Die Betroffenen benötigten auch weniger Medikamente zur akuten Schmerzlinderung.

Eine zweite Studie mit 667 Patienten, die an chronischer Migräne leiden und mit dem hochdosierten Mittel behandelt wurden, hatten innerhalb von drei Monaten im Schnitt 6,6 Migränetage weniger. Das sind 2,5 Migränetage weniger als bei Patienten, die ein Placebo erhielten. Die Schwere der Attacken verringerte sich auch hier. Göbels Fazit: „Aimovig löst das Migräneproblem nicht. Es ergänzt jedoch die bisherigen medikamentösen Therapiemöglichkeiten.“

Es könnte bald bessere Wirkstoffe geben, die sich direkt gegen die Erkrankung richten

Drei weitere, noch nicht durch die FDA zugelassene Antikörper richten sich direkt gegen CGRP. Einer der Aspiranten ist Fremanezumab. Aber auch für dieses gut verträgliche und wirksame Medikament gilt, dass sein Effekt im Durchschnitt nicht größer ist als jener der herkömmlichen Prophylaxemedikamente. Doch wie bei Aimovig gibt es eine Untergruppe von Patienten, die einen viel größeren Nutzen haben. „Beide Antikörper sind zudem viel besser verträglich und wirken bereits nach ein paar Tagen“, sagt Göbel. Bei den gängigen Medikamenten würden zwei bis drei Monate vergehen, bis sie wirken – was zu einer hohen Abbrecherquote führt. Das ist bei Aimovig anders. Bisher ist aber nicht klar, ob das Mittel über mehrere Jahre so wirksam bleibt wie am Anfang und ob langfristig nicht doch Nebenwirkungen auftreten.

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