Medikamentenmangel im Kreis Böblingen Die Lage spitzt sich weiter zu
Apotheken im Landkreis haben noch immer mit Lieferengpässen zu kämpfen. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.
Apotheken im Landkreis haben noch immer mit Lieferengpässen zu kämpfen. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.
Der Engpass bei Medikamenten spitzt sich weiter zu. Die Liste der fehlenden Arzneimittel ist noch länger geworden. „Es gibt derzeit mehr als 400 Präparate, die wir normalerweise auf Lager haben, aber über den Großhandel oder auch über den Hersteller nicht beziehen können“, erklärt Jürgen Gaupp, Apotheker der Paracelsus Apotheke Berliner Platz in Böblingen. Waren es im vergangenen November noch 305 fehlende Arzneimittel, so sind es nun laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rund 440 Präparate. Nicht auf der Liste stehen freiverkäufliche Medikamente.
„Die letzten drei Monate waren geprägt von starken Erkältungen bei Jung und Alt und somit waren Antibiotika hoch gefragt und häufig Mangelware“, erklärt Jürgen Gaupp. Auch Fiebersäfte, Fieberzäpfchen und Hustensäfte für Kinder seien schon seit Oktober rar, ergänzt der Apotheker. Ebenso Medikamente gegen Bluthochdruck, Schmerzen, Cholesterin oder Herzschwäche. Wenn ein Hersteller wieder liefern könne, sei das Präparat oft innerhalb einer halben Stunde beim Großhandel leergekauft, beschreibt Gaupp die Situation.
Auch der deutsche Pharmagroßhändler Noweda, der von Böblingen aus Apotheken in großen Teilen Baden-Württembergs versorgt, spürt die Lieferkrise derzeit besonders. „Unsere Einkaufsabteilung arbeitet täglich unter Hochdruck daran, Arzneimittel zu beschaffen, die knapp sind. Da wir nicht Produzent sind, sind uns jedoch die Hände gebunden, wenn es keine Vorräte mehr gibt und ein Produktionsproblem vorliegt“, so eine Pressesprecherin des Unternehmens.
Der tägliche Aufwand sei nicht nur für den pharmazeutischen Großhandel, sondern insbesondere für Apotheken immens, da diese im Fall der Nicht-Verfügbarkeit versuchten, eine Alternative zu finden und für diese wieder Rücksprache mit dem behandelnden Arzt führen müssen. Solche Rücksprachen mit Großhandel und Ärzten seien in Apotheken an der Tagesordnung und sorgten dort für erheblichen Mehraufwand, so die Sprecherin von Noweda.
Auch Apotheker Gaupp kennt die Situation. Für seine Mitarbeiter sei die aktuelle Lage sehr unbefriedigend. Gestern noch hätten sie mit Kunden lange diskutiert, wie man einen Medikamentenmangel ausgleichen könne– und am Tag drauf erhalte man dann das fehlende Medikament. „Man bekommt von den Herstellern meist keine Auskunft mehr, wann etwas lieferbar ist. Wir verbringen täglich Stunden mit der Suche, wo man Ware herbekommt, die schon lange fehlt“, erklärt Gaupp das Dilemma.
Als Ursachen für den Medikamentenmangel nennt Noweda zum einen die Abhängigkeit von Rohstoff- und Wirkstofflieferungen etwa aus Asien. „Für viele Wirkstoffe gibt es heute nur noch einige wenige große Hersteller. Fällt einer von ihnen aus, sorgt das für weltweite Wirkstoffknappheit“, so die Unternehmenssprecherin. Speziell in Deutschland seien Lieferengpässe darüber hinaus auf das System der Rabattverträge zurückzuführen. Krankenkassen würden dazu jedes Jahr Wirkstoffe ausschreiben – die günstigsten Anbieter erhielten den Zuschlag. Unternehmen, die den Zuschlag nicht bekämen, würden nicht selten aus der Produktion aussteigen, da alles andere für sie unwirtschaftlich sei. Die Konsequenz sei, dass nur noch ein oder zumindest sehr wenige Hersteller für den ausgeschriebenen Wirkstoff übrig blieben.
Auch Björn Schittenhelm, der Inhaber der Alamannen-Apotheke in Holzgerlingen, ist der Meinung, dass sich die Situation bald noch verschlimmern könnte. „Am 7. April laufen Bestimmungen aus, die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführt wurden“, sagt er. So darf Apothekenpersonal derzeit noch ein anderes Arzneimittel mit dem rezeptierten Wirkstoff ersetzen, die Packungsgröße ändern oder Teilmengen aus Packungen abgeben – und zwar ohne dafür Rücksprache mit einem Arzt halten zu müssen. „Gelten ab dem 8. April wieder die Regeln wie vor Corona – das heißt, werden die gelockerten Abgaberegeln wieder verschärft – dann schlittern wir geradewegs vom Lieferengpass in einen Versorgungsengpass. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, unsere Kunden adäquat zu versorgen“, bringt es der Apotheker auf den Punkt. Sei dann das Medikament auf dem Rezept eines Kunden nicht zu haben, so müsse das Apothekenpersonal den Kunden wieder zum Arzt schicken, damit ihm dieser ein neues, erhältliches Präparat verschreibe.
Das Arzneimittel-Lieferengpass Bekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz, das Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf den Weg bringen will, habe teilweise ganz gute Ansätze, müsse aber dringend überarbeitet werden, so Schittenhelm. Zudem brauche es bis dahin eine Übergangslösung. Aus Sicht des Apothekers bekämpfe das geplante Gesetz in keinster Weise die Problematik der Lieferengpässe bei der Wurzel und stelle somit auch nicht die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicher. „Die Lage ist komplex und wirklich unbefriedigend, weil wir deutlich mehr Aufwand betreiben müssen und gleichzeitig mit Kürzung unserer Marge bestraft werden“, sagt auch Gaupp. „Eigentlich müssten wir Personal reduzieren, aber dann würden wir die Herausforderungen in dieser Situation gar nicht mehr schaffen.“
Gründe
Zu den wichtigsten Gründen gehören die erhöhte Nachfrage, unzureichende Produktionskapazitäten und Probleme bei der Herstellung. Insbesondere im Bereich der Kinderarzneimittel herrschte zuletzt Knappheit. Medikamente mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen sind vielerorts nicht zu bekommen. Auch bei Krebsmedikamenten kommen Lieferengpässe vor.
Übersicht
Das Bundesinstitut für Arzneimittel bietet auf seiner Homepage eine Übersicht zu aktuellen Lieferengpässen an. Am 8. März waren 444 verschreibungspflichtige Medikamente gelistet.