Medikamentenmangel Viel zu lange nur herum gedoktert

Der Medikamentenmangel macht Patienten und Apothekern zu schaffen. Foto: dpa/Jens Büttner

Hunderte Medikamente sind derzeit nicht lieferbar. Das geht zu Kosten von Patienten – und auch Apotheken, kommentiert Bettina Hartmann.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

„Ärzte und Apotheker warnen vor Lieferengpässen“, „Hustensäfte gehen aus“, „Keine Antibiotika mehr vorrätig“ – so und ähnlich lauteten vergangenen Winter die Schlagzeilen. In der bevorstehenden Erkältungs- und Grippesaison wird es wohl zu einem Déjà-vu kommen. Denn trotz großspuriger Ankündigungen aus der Politik hat sich die Lage nicht verbessert. Im Gegenteil.

 

Ob Cholesterin- und Blutdrucksenker, Fiebersäfte, Antibiotika, Schmerzmittel oder Antidepressiva: Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind derzeit mehr als 500 Medikamente nicht oder nur eingeschränkt lieferbar. Waren es zunächst in erster Linie Eltern, die von Apotheke zu Apotheke rennen mussten, um ihre Kinder zu versorgen, müssen nun auch Patienten die auf Krebs-, Herz-Kreislauf- und Diabetestherapeutika angewiesen sind, bei jedem Apothekengang bangen. Zum Vergleich: 2013 gab es gerade mal 42 Engpassmeldungen. Ein Armutszeugnis für eine immer noch reiche Industrienation wie Deutschland. Und erschreckend, dass trotz zahlreicher Warnungen seit Jahren nichts dagegen unternommen wird. „Gesprochen wird seit Jahren, ohne dass etwas passiert“, klagte kürzlich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Kritik, die er auch an sich selbst üben müsste.

Gemeinsame Lösungen müssen her

Dazu geführt haben vereinfacht gesagt eine Mischung aus multipeln weltweiten Krisen, schlechter Planung, Abhängigkeiten von Lieferketten, Abwanderung heimischer Hersteller wegen Preisdumping, Verlagerung der Arzneimittelproduktion in unzuverlässige Länder und fehlenden staatlichen Eingriffen. Doch wie könnten Rezepte gegen den Mangel aussehen?

Klar ist, dass sich die strukturellen Probleme nicht kurzfristig lösen lassen. Das Thema ist zu komplex. Umso wichtiger, dass nicht noch mehr Zeit verschenkt wird. Statt sich gegenseitig Versagen vorzuwerfen, sollten Krankenkassen, Pharmaindustrie, Großhändler und Politik endlich gemeinsam mit Ärzten- und Apothekenverbänden an Lösungen arbeiten.

Immerhin, langsam kommt Bewegung in die Sache. So sicherte Lauterbach in einem Fünf-Punkte-Plan jetzt unter anderem Apotheken dauerhafte Austauschmöglichkeiten zu. Denn Lieferengpass heißt nicht Versorgungsstopp. Oft lassen sich adäquate Ersatzpräparate finden – teils mit großem Mehraufwand, den die Apotheker bislang nicht vergütet bekommen. Und auch die Patienten sind gefordert. Es ist zwar verständlich, sich Vorräte zuzulegen. Hamstern verschärft aber die Lage auf Dauer nur.

Grundsätzlich ist es immer richtig, unabhängiger zu werden

Mittel- und langfristig soll ein im Juni im Bundestag beschlossenes Gesetz unter anderem den durch Sparkurse aufgebauten Kostendruck auf die Pharmahersteller senken sowie mit Preisregeln Schluss machen – um so den Verkauf von Medikamenten in Deutschland wieder lohnenswerter zu machen. Zudem sollen für Hersteller Anreize geschaffen werden, die Produktion nach Europa zurückzuverlagern. Ein EU-Vorstoß zielte vor wenigen Tagen in die gleiche Richtung. Denn die Engpässe sind europaweit ein Problem.

Grundsätzlich ist es immer richtig, unabhängiger zu werden. Doch ob die angekündigten Maßnahmen die gewünschten Erfolge bringen? Man kann es nur hoffen. In den vergangenen zehn Jahren haben bundesweit 3000 Apotheken geschlossen, was die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung schon jetzt erschwert. Wie in vielen Branchen leidet auch diese unter Personalnot. Der Nachwuchs wandert in die Pharmaindustrie ab. Steuert die Politik nicht gegen, könnte es in Zukunft nicht nur einen Mangel an Medikamenten, sondern auch an Apotheken geben – erneut auf Kosten der Patienten.

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