Sehr viele Patienten betroffen
Die Aufregung um den Fiebersaft-Engpass ist groß, auch in den Medien. Sehr viele Menschen sind davon betroffen, noch dazu Kinder. Für andere Patienten hingegen ist die Lage schon seit Jahren dramatischer. Wenn etwa ganz bestimmte Antidepressiva fehlen, auf die jeweils die Patienten genau eingestellt sind, kann das Rückfälle in die Depression provozieren. Nur für eine Schlagzeile reicht das Dauerproblem nicht.
275 fehlende Medikamente führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte diese Woche in seiner ständig aktualisierten Liste auf – und damit ist noch nicht einmal ein Spitzenwert erreicht. Dass sich die Aufmerksamkeit zurzeit darauf lenkt, hat eher damit zu tun, dass neben den Fiebersäften auch weit verbreitete Medikamente für die Reiseapotheke wie Durchfallmittel betroffen sind.
„Medikamente sind immer öfter nicht verfügbar“, so lautete aber schon die Überschrift eines Artikels aus unserer Zeitung vom Januar 2020, also noch vor Corona. Diese Entwicklung gibt es seit Jahren. Betroffen sind weit überwiegend Nachahmerpräparate, sogenannte Generika, wo der Patentschutz abgelaufen ist und sich die Produktion aus Kostengründen oft nach China oder Indien verlagert hat.
„Medikamente unter Patentschutz sind nur mit weniger als zehn Prozent vertreten“, sagt ein Sprecher des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA). Hier ist der Kostendruck nicht so groß und die Produktion in Deutschland oder Europa weiterhin rentabel. Krebsmedikamente gehören dazu, weil es hier in den vergangenen Jahren immer noch Innovationen gegeben hat.
In einem harten Preiswettbewerb stehen hingegen die Generika: Wer längerfristig Arzneimittel einnimmt, erlebt immer wieder, wie das von gesetzlichen Kassen für eine bestimmte Anwendung bezahlte Präparat immer wieder von unterschiedlichen Herstellern kommt. Wenn unter diesem Druck dann Lieferanten aus dem Markt aussteigen, kann die Versorgung prekär werden.
Lücken bei Präparaten
Während in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft die Pandemie an der Wurzel des Problems liegt, passt diese Theorie für den Pharmamarkt nur zum kleinen Teil. Letztlich reicht das Problem auf dem Arzneimittelmarkt viel weiter zurück. Die Ursachen und Akteure sind dabei vielfältig: Von auf Preis und Rendite schielenden Pharmaunternehmen, einer die Konzentration auf wenige Hersteller in Indien oder China fördernden Globalisierung bis hin zu Festpreisregelungen und Rabattverträgen der Krankenkassen reichen die Wurzeln der Misere.
Druck der Gesundheitspolitik
Letztlich kommt der Druck aber von der Gesundheitspolitik: Medikamente sind einer der Bereiche, in denen vor allem in den vergangenen 15 Jahren gerade bei den gesetzlichen Krankenkassen auf möglichst niedrige Preise geachtet wurde. Der Anteil an den Gesamtkosten des Gesundheitswesens konnte so konstant gehalten werden.
Denn auch im Bereich der Medikamentenherstellung gilt, wer besser zahlt, bekommt auch noch zu Krisenzeiten, was er braucht: „Lieferketten der forschenden Pharmaunternehmen sind recht robust, und sie waren es auch im ultimativen Stresstest der Coronakrise. In der Generikabranche mit ihrem brutalen Preiswettbewerb sieht das teilweise anders aus“, sagt ein Sprecher des Verbandes der forschenden Arzneimittelunternehmen (VfA). Bei lukrativen Lieferverträgen für Arzneimittelrohstoffe gehe es etwa für Indien und China um strategische Industrien, wo alles getan werde, um die Lieferungen sicherstellen zu können.
Wer hat die Verantwortung?
Viele Faktoren und Beteiligte, das bedeutet auch, dass sich die Verantwortung leicht hin- und herschieben lässt. Beim Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV), der die gesetzlichen Kassen vertritt, sieht man den durch die Krankenkassen ausgeübten Kostendruck nicht als das Problem. „Die Festbeträge werden ausgehend von den realen Wettbewerbspreisen bestimmt. Sie sind somit kein einseitiges Preisdiktat der Krankenkassen, sondern bilden vielmehr die tatsächliche Marktlage ab“, sagt ein Sprecher. Es sei keineswegs so, dass sich damit die Preisschraube ausschließlich nach unten drehe. Das gelte auch für den Vorwurf, Rabattverträge seien schuld an Lieferengpässen: „Dies ist generell nicht haltbar. Ausschreibungen sind in jedem Markt üblich, ohne dass Unternehmen davor geschützt werden müssen, wirtschaftlich nicht tragbare Angebote vorzulegen.“ Zudem würden in Deutschland diese Verträge dezentral von den einzelnen Kassen unterschiedlich abgeschlossen – die dann auch die Aufträge auf verschiedene Hersteller verteilten.
Nachahmerpräparate besonders betroffen
Pro Generika, der Verband der Hersteller von Nachahmerpräparaten, sieht dies ganz anders: „Die politische Vorgabe an die Krankenkassen ist, dass diese vor allem nach einem Prinzip einkaufen sollen: möglichst billig“, sagt ein Sprecher: „Unternehmen, die in robuste Lieferketten oder in eine klimaneutrale Produktion investieren, haben in dieser Form von Wettbewerb keine Chance. Das ist absolut widersinnig.“ Die Lösung aus Sicht dieser Hersteller? „Die politische Vorgabe muss sich ändern: Nicht das Unternehmen, das alle anderen unterbietet, bekommt einen Versorgungsauftrag von den Krankenkassen. Sondern diese müssen bei ihrer Einkaufsentscheidung auch die Investitionen von Unternehmen in stärkere Liefersicherheit berücksichtigen.“