Medikamentensucht "Es war so einfach, an Nachschub zu kommen."

Von Marie-Astrid Langer 

Joachim Müller hat lange gebraucht, bis er um Hilfe gebeten hat, lange, um überhaupt zu erkennen, dass er sie braucht. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an das Medikament, benötigt immer mehr, um die erwünschte Wirkung zu erreichen. Den Hinweis im Beipackzettel, das Mittel könne schnell abhängig machen, ignoriert er, sein Hausarzt zunächst auch. Erst nach einem Jahr besteht der Mediziner darauf, von Tropfen auf Tabletten umzustellen. Diese werden nicht direkt von der Mundschleimhaut aufgenommen, wirken also langsamer und machen nicht so leicht süchtig. "Das hat mir bei den Tabletten viel zu lang gedauert, bis ich den Kick hatte", sagt Müller.

Er beginnt, ein System aus Tricks und Lügen aufzubauen: Zusätzlich zu den Tabletten besorgt er sich bei anderen Ärzten Tropfen. Bei seinem Hausarzt behauptet er, das Rezept verloren zu haben. "Es war so einfach, an Nachschub zu kommen." Die quälenden Schmerzen seiner Nervenkrankheit verschwinden - vorübergehend. Lässt die Wirkung der Medizin auf Gehirn und Rückenmark nach, fühlt er einen Druckschmerz "wie 30 Kilo Gewicht auf einem Zentimeter Rücken". Angstzustände und Schweißausbrüche kommen hinzu. Er steigert die Dosis. Als Pfleger im Altenheim sitzt er eigentlich an der Quelle, aber stehlen will er nicht.

Eine stille Sucht

Die meisten abhängig machenden Medikamente sind verschreibungspflichtig. Wie lange es dauert, bis man nicht mehr loskommt, ist bei jedem Patienten unterschiedlich. "Die Sucht gelingt nur mit Hilfe von Ärzten und Apothekern", sagt Gerd Glaeske, Facharzt für Sucht an der Uni Bremen. "Aber diese unerwünschte Nebenwirkung ist vielen Medizinern nicht bewusst." Der Medikamentenabhängige hat keine Fahne oder gelbe Fingernägel. Unruhe und Angstzustände lassen sich gut verbergen. Es ist eine stille Sucht. Nur rund ein Prozent dieser Süchtigen werden therapiert.

Zuletzt, nach zwanzig Jahren Suchtkarriere, nimmt Müller täglich mehr als 1000 Milligramm Tramal; die empfohlene Tageshöchstdosis liegt bei 400. Im Juli 2010 erleidet er einen Schlaganfall, Anfang Oktober dann einen zweiten. Ob sie auf die Sucht zurückzuführen sind, ist aus medizinischer Sicht zwar fragwürdig, aber bei einer Aufzeichnung seiner Gehirnströme, einem sogenannten EEG, hätten die Ärzte auch gesehen, dass seine Gehirnfunktionen deutlich verlangsamt seien, erzählt Müller. "Da hab' ich gemerkt, dass ich was ändern muss." Mit Hilfe seiner Familie will er jetzt eine Entzugskur beginnen; doch der Gedanke, seinen Alltag ohne Droge bewältigen zu müssen, macht ihm Angst.

Unsere Empfehlung für Sie