Medikamentensucht Die verordnete Abhängigkeit

Von Marie-Astrid Langer 

Medikamente können, je nach Konsum, schädlicher als Alkohol sein. Das Suchtpotenzial der Arzneimittel unterschätzen viele.  

Wenn Medikamente die Identität bestimmen, muss der Arzt reagieren.  Foto: dpa
Wenn Medikamente die Identität bestimmen, muss der Arzt reagieren. Foto: dpa

Stuttgart - Mit einem Schlag zerstört Joachim Müller das Kartenhaus, das er sein Leben nennt. Nachdem er zu Bett gegangen ist, fällt sein Medikamentenspiegel. Entzugserscheinungen lassen ihn hochfahren. Er ist nicht bei sich, seine Frau will ihn beruhigen. Da schlägt er sie. "Ich dachte immer, mit Tramal habe ich alles unter Kontrolle", sagt Müller (Name geändert) heute über die Situation. Damals, vor zehn Jahren, macht er sich und seiner Frau klar: Er ist ein Junkie, aber einer, den man nicht sofort erkennt.

Seine Frau hat schon länger vermutet, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Jetzt gesteht er ihr seine Sucht. Sie droht, mit den drei Töchtern auszuziehen, und besteht darauf, die Tabletten zu verwalten. Ihr Mann willigt ein - und legt sich Geheimverstecke im Keller an: Ein ausgewaschenes Terpentinfläschchen, ein Blumentopf mit doppeltem Boden. "Für den Notfall", sagt er sich, bei Stress in der Arbeit oder Streit in der Familie. Er lügt sich und andere an - und macht weiter.

Die Gedanken kreisen ständig um das Medikament

Dabei fing alles ganz harmlos an: Der Krankenpfleger aus dem Schwarzwald, konnte nachts nicht mehr schlafen, seine Beine zuckten unentwegt und schmerzten. Der Arzt diagnostizierte eine Nervenkrankheit. Ein Schmerzmittel namens Tramal sollte Joachim Müller helfen, und es half - vielleicht zu gut. Zwanzig Jahre später sitzt er mit zittrigen Händen am Tisch, der Blick ist durchdringend, das Gesicht merkwürdig angespannt. Seine Gedanken würden ständig um das Medikament kreisen, um das warme, erlösende Gefühl, das es ihm verschaffe, sagt der 57-Jährige.

Müller ist ein Sonderfall: Meistens sind es Frauen und Ältere, die von ihrer Arznei nicht mehr lassen können. Rund 1,9 Millionen Menschen sind in Deutschland von Medikamenten abhängig - genauso viele wie vom Alkohol. Doch im Gegensatz zu anderen Süchten wird diese Abhängigkeit in der Gesellschaft unterschätzt. "Sehr viele Menschen leiden unter dem Phänomen, kommen aber gar nicht auf die Idee, dass sie abhängig sein könnten", sagt Rüdiger Holzbach, Leiter der Abteilung Suchtmedizin der Westfälischen Kliniken Warstein und Lippstadt. Setzt der Patient nach einigen Wochen das Mittel ab, treten Entzugserscheinungen auf, die oft den vorherigen Krankeitssymptomen gleichen: Schlafstörungen, Schmerzen, Angstzustände. "Die Patienten ziehen daraus den Fehlschluss, dass sie wieder krank sind", sagt Holzbach.