Lange Zeit führte sie ein unbeachtetes Dasein in der Esoterikecke. Dann traten die Wissenschaftler auf den Plan und attestierten ihr positive Einflüsse auf die Gesundheit. Mittlerweile ist die Achtsamkeitspraxis hierzulande so verbreitet, dass sich immer mehr Gedanken um ihr Gefahrenpotenzial machen. Große Zeitungen wie die „FAZ“ oder „Die Zeit“ haben wiederholt Anläufe gemacht, die wissenschaftlichen Ergebnisse infrage zu stellen. Die „Süddeutsche Zeitung“ warnte bereits vor drei Jahren davor, die Praxis „befeuere den eigenen Geltungsdrang“. Und nun haben es die Risiken und Nebenwirkungen sogar auf die „Spiegel“-Titelseite geschafft.
Unter der Überschrift „Völlig losgelöst“ schweben Menschen im Schneidersitz und mit entrücktem Blick in Seifenblasen gen Himmel. Im Bericht dient eine „anonyme Christine“ in einer bizarren Yoga-Pose als Einstieg, worauf eine Auflistung der „Schattenseiten eines Wohlfühltrends“ folgt. Die Autoren warnen, dieser könnte „womöglich ein Heer von Egoisten“ hervorbringen und „den Lärm der Welt so nachhaltig verstummen lassen, dass das eigene Ego komplett in den Mittelpunkt rückt“. Ein paar Absätze weiter heißt es: „Noch ist schwer abzusehen, ob aus dem Trend ein Schaden für die Gesellschaft entstehen könnte.“
Es scheint, als hätte die Achtsamkeitswelle das Zeug, die Gesellschaft zu spalten in ein Lager von begeisterten Anhängern und angewiderten Gegnern. Dabei rutschen Letztere leicht ab auf dem Grat zwischen sachlicher Kritik und spöttischer Polemik. Menschen, die still zu sitzen versuchen, bieten dafür reichlich Angriffsfläche. Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Rückblick darauf, woher der Begriff Achtsamkeit stammt und was damit ursprünglich gemeint war.
Glücklich zu sein ist im Bauplan des Menschen nicht vorrangig
Schon vor Jahrtausenden hat ein gewisser Siddhartha Gautama, Begründer des Buddhismus, erkannt, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen tragen wir Menschen einen Denkapparat mit uns herum, der zwar unserer Spezies im Überlebenskampf lange Zeit dienlich war, der aber unseren Blick auf die Wirklichkeit verzerrt. Deshalb betrachten wir beispielsweise das Glas tendenziell als halb leer – Wissenschaftler nennen das Negativity-Bias. Deswegen geben wir uns mit Erreichtem selten zufrieden, wollen stattdessen schneller, höher, weiter. Deswegen hat der Mensch ein Ego entwickelt, „eine Art optische Täuschung des Bewusstseins“, wie einst Albert Einstein schrieb, das von der Devise „Ich zuerst“ gesteuert wird, sich entsprechend isoliert von anderen wahrnimmt und seine Mitmenschen wie sich selbst einteilt in Identifikationen wie Rasse, Nationalität, Religion, politische Überzeugung, Geschlecht. Dauerhaft glücklich zu sein und sich als Teil eines Ganzen zu begreifen war im Bauplan des Menschen nicht vorrangig.
Damals im fernen Indien blieb es nicht bei der bloßen Feststellung, dass wir an den Folgen unserer Natur leiden. In seinen Lehrreden hat Siddhartha Gautama auch erklärt, wie sich diese Verblendung neudeutsch gesagt „hacken“ lässt. Dabei ist immer wieder die Rede davon, die innere wie äußere Welt „achtsam“ zu beobachten, um gefärbte Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle wie auch deren vorübergehenden Charakter als solche zu erkennen und klüger zu gewichten. Diese Methode hat der Religionsstifter allerdings eingebettet in ein ganzes Bündel an Empfehlungen auf dem Weg zum eigentlichen Herzstück der buddhistischen Lehre, nämlich der Erkenntnis, die später auch Einstein hatte, dass es kein isoliertes Ich gibt, sondern die Ich-Empfindung ein kognitives Konstrukt ist. „Erleuchteten“, so die Verheißung im Buddhismus, stehe dann nichts mehr im Weg, ihr Potenzial an Weisheit und ihr Mitgefühl mit anderen Lebewesen voll zu entfalten.
Das Herzstück der buddhistischen Lehre wurde ausgespart
Als die buddhistische Lehre in den 70er Jahren in die westliche Welt rüberschwappte und erste Ahnungen entstanden, dass einige der fernöstlichen Praktiken den von Stress geplagten Menschen guttun könnten, machte man allerdings einen Bogen um das schwer vermittelbare Herzstück, das stark im Gegensatz zu westlichen Werten wie Eigenständigkeit und Individualität steht. Stattdessen pickten sich Wissenschaftler ein paar Techniken heraus, darunter die Achtsamkeitspraxis, entkoppelten sie von der buddhistischen Lehre und belegten eindrücklich, dass die Praxis tatsächlich etliche positive Effekte auf die psychische und physische Gesundheit haben kann. Die Achtsamkeitswelle nahm ihren Lauf, allerdings mit der Zielausrichtung, uns – bei völlig intaktem Ego – gesünder zu machen.
Daraus ist längst ein Hype entstanden, der, wie jeder andere auch, seine Blüten treibt: Geschäftstüchtige verdienen damit viel Geld, etwa die Gründer der Meditationsapps Headspace und Calm. Scharlatane versuchen, Verzweifelte oder Leichtgläubige mit überzogenen Heilsversprechen zu ködern, oft, ohne auf die Risiken für Menschen mit psychischen Erkrankungen hinzuweisen. Und Unternehmen bieten nun den Mitarbeitenden neben Betriebssport auch Achtsamkeitskurse an, und das nicht ganz uneigennützig.
Aber ist deswegen zu befürchten, dass die Achtsamkeitswelle das Zeitalter der Egomanen einläutet? Wäre nicht denkbar, dass – abgesehen von den üblichen Trittbrettfahrern, abgesehen von den narzisstisch veranlagten Menschen, die sich für einen Instagram-Post kurz mal in den Lotossitz begeben – hier gerade eine wünschenswerte Entwicklung vonstattengeht, die vielen Menschen den Leidensdruck nimmt?
Es kann schon vorkommen, dass unter den Anfängern einzelne Kandidaten zu Selbstbezogenheit oder Überheblichkeit neigen. Wer erstmals nach innen schaut und erkennt, dass wir unseren Gedanken und Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern damit umgehen können, kann leicht in Euphorie geraten. Auf einmal löst sich der Ärger darüber auf, im Stau zu stehen. Der Nacken entspannt sich, man schläft wieder durch, hört dem Partner besser zu, isst bewusster.
In dieser Phase treten viele in eine altbekannte Falle: Man will mehr von diesen neuen Qualitäten, mehr vermeintliche Kontrolle über das Leben, und schon dient die Achtsamkeitspraxis genau der Instanz, welche die Praxis ursprünglich entlarven sollte: dem Ego. Hier holt die westliche Welt ein, dass die Achtsamkeitspraxis aus dem Kontext genommen wurde. Vor den Folgen warnte bereits in den 70er Jahren der buddhistische Lehrer Chögyam Trungpa Rinpoche, der das Phänomen als „Spirituellen Materialismus“ bezeichnete.
Wer sich einmal darauf einlässt, bleibt dabei
Es kann eine Weile dauern, bis man begreift, dass eine vom Ego befeuerte Praxis in eine Sackgasse führt, vor allem, wenn man ohne professionelle Begleitung praktiziert. Das Gefühl, etwas erreichen zu wollen, ist so vertraut, dass auch Geübte immer wieder darüber stolpern. Der Kunstgriff besteht darin, auch das Verlangen nach angenehmen Gefühlen zu erkennen, ebenso wie unsere Widerstände gegen unangenehme Zustände. Achtsamkeit bedeutet laut Jon Kabat-Zinn, einem Begründer der modernen Achtsamkeit, bewusst und ohne Wertung im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen mit allem, was da kommt. Konsequent betrieben, kann der Praktizierende nach und nach erkennen, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Momenten und Wahrnehmungen ist, zu denen auch gehört, die Ich-Empfindung zu spüren und das Gebaren des Egos zu durchschauen.
Von all den buddhistischen Meditationspraktiken konnte die Achtsamkeitspraxis mit ihren raschen und nachweisbaren Effekten in unserer leistungsorientierten Kultur am ehesten Fuß fassen. Und: Die meisten Menschen, die einmal damit angefangen haben, gehen den Weg weiter, über erste Wohlfühleffekte hinaus, wie der MBSR-Verband beobachtet, der mit mehr als 1200 Lehrenden bundesweit ein führender Anbieter von Achtsamkeitskursen ist. „Die wenigsten belassen es bei einem einzigen Kurs“, sagt Günter Hudasch, Mitbegründer des deutschen Verbandes. Oft folgt danach der Besuch in Schweigeretreats. Oder man sucht sich eine lokale Meditationsgruppe. „Wer sich einmal darauf eingelassen hat, spürt das Potenzial, das die Kultivierung unseres Geistes birgt, trotz aller Stolperfallen und Umwege.“ (MBSR steht für Mindfulness Based Stress Reduction oder Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion und gehört zu den am meisten erforschten Achtsamkeitsprogrammen.)
So könnte der Hype statt ein Heer von Egoisten auch ein Heer von freundlichen und besonnen handelnden Menschen hervorbringen, die das Gemeinwohl im Sinn haben und immun sind gegen Spaltungen. „Das Zeitalter des Ego könnte möglicherweise zu einem Ende kommen“, schreiben Peter Baumann und Michael Taft in ihrem Buch „Das Ego und warum wir es nicht länger brauchen“. Der nächste kognitive Schritt der Menschheit könnte darin bestehen, uns von unserem Steinzeitgehirn endgültig zu lösen. Den Krisen auf diesem Globus nach ist unsere Spezies davon leider noch weit entfernt.