Medius Klinik Nürtingen Wie eine Schraube aus dem 3D-Drucker Patienten hilft

Die netzartige Struktur der Titanschraube beschleunigt die Verknöcherung. Foto: Medius Kliniken

In der Wirbelsäulenchirurgie des Kreiskrankenhauses wurde erstmals in Deutschland ein neues Verfahren angewandt. Was sich die Mediziner davon versprechen.

In der Medius Klinik Nürtingen ist deutschlandweit zum ersten Mal eine spezielle Titanschraube zur Behandlung eines Kreuzbeinbruches implantiert worden: Sie stammt aus einem 3D-Drucker und zeichnet sich durch ihre besondere Beschaffenheit aus. Der Eingriff bei einer älteren Frau wurde von einem Expertenteam unter der Leitung von Thomas Kaminski, dem Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie, durchgeführt.

 

Eine Fraktur am Kreuzbein – das ist der Bereich der Wirbelsäule, der zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem ersten Steißbeinwirbel liegt – ist eine schmerzhafte Verletzung im Beckenbereich, die meist konservativ, also mit Schmerzmitteln, kurzer Bettruhe und früher Mobilisation behandelt werden kann. Im schlimmsten Fall aber ist eine Operation notwendig. So wie bei der 80-jährigen Patientin, die sich bei einem Sturz das Kreuzbein beidseitig gebrochen hatte. Kein seltener Fall: Im Alter brechen die Knochen meistens leichter.

Kreuzbeinfrakturen stellen eine zunehmende Herausforderung in der Medizin dar, insbesondere mit Blick auf die alternde Bevölkerung. „Wir beobachten einen Anstieg der Kreuzbeinfrakturen in den vergangenen Jahren“, berichtet Kaminski. Etwa 50 Operationen dieser Art werden pro Jahr in der Medius Klinik Nürtingen durchgeführt. Deshalb setzt der Chefarzt auf das neuartige Implantat, das in der Wirbelsäulenchirurgie wegen seiner Vorteile künftig zum Standard werden soll. „Mit der neuen Methode können wir den Patienten noch schonender und effektiver helfen, ihre Frakturschmerzen zügig zu überwinden“, erläutert der erfahrene Neurochirurg.

Knochenwachstum wird beschleunigt

Die Schraube aus dem 3D-Drucker zeichnet sich durch eine spezielle Beschaffenheit aus. Ein Teil der Schraube besteht aus einer Struktur, die das Einwachsen von Knochen in die Zwischenräume des spinnennetzartigen Implantats begünstigt – vergleichbar mit dem natürlichen Wachstum von Efeu entlang der Fassade eines Gebäudes, erklärt Kaminski. Dadurch wird die gewünschte Verknöcherung – das ist der Prozess, bei dem der Körper an einer verletzten Stelle neuen Knochen produziert, um die Verletzung zu heilen – um etwa 50 Prozent beschleunigt. „Die Patienten können sich somit deutlich schneller erholen und dank der minimal-invasiven Operationstechnik bereits am ersten Tag nach der Operation schon wieder aufstehen und sich belasten“, sagt der Mediziner. „Schmerzen werden reduziert und die Mobilisierung beschleunigt.“

So ein „Meisterwerk der Ingenieurskunst“, wie Kaminski die neuartige Schraube bezeichnet, bekommt man natürlich nicht im Baumarkt. Nach Angaben des Krankenhauses stammt die innovative Technologie aus der Raumfahrtwissenschaft. Auf das Implantat aufmerksam geworden ist Kaminski im vergangenen Dezember beim Jahreskongress der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft in Stuttgart. Dort wurde es von der polnischen Herstellerfirma präsentiert, es hat gerade erst Marktreife erlangt. „Die komplexe Schraube wurde speziell für Kreuzbeinfrakturen entwickelt und kann auch nur dort eingesetzt werden. Für die restliche Wirbelsäule werden teilweise bereits spezielle 3D-Implantate verwendet“, erläutert Kaminski, der seit anderthalb Jahren Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie ist. Das Haus auf dem Nürtinger Säer setze damit „einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Zukunft der Medizin auf internationalem Spitzenniveau“, ist er überzeugt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen 3D-Drucker Kreis Esslingen