Stuttgart - Eine Pille gegen den Sturm im Kopf: Die Aussicht ist für viele Menschen, die seelisch in der Krise stecken, eine große Hoffnung. Wer psychisch erkrankt, muss meist lange auf einen Termin für eine Psychotherapie warten – nicht erst seit der Coronapandemie. Viele Menschen, die an Depressionen, an Angstzuständen oder psychosomatischen Beschwerden leiden, wenden sich also erst einmal an ihren Hausarzt.
Und oft liegt dann der Griff zum Rezeptblock nahe, Antidepressiva schaffen vielen Patienten schnelle Linderung. „Bei schweren Depressionen sind sie Placebos klar überlegen, auch bei Ängsten und Zwängen sind sie sehr wirkungsvoll“, sagt Jan Dreher, Chefarzt der Klinik Königshof Krefeld, einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie. Heute gebe es aber aus vielen Ecken – oft von Ärzten mit alternativem Ansatz oder Heilpraktikern – massive Kritik an Antidepressiva. Dabei seien es durchaus wertvolle Medikamente, sagt Dreher. Nur: Allen Betroffenen helfen sie nicht.
Trotz der Kritik an den Mitteln: Antidepressiva sind Placebos überlegen
Im Jahr 2018 veröffentlichte ein internationales Forscherteam die bisher größte Metaanalyse zur Wirksamkeit von Antidepressiva mit mehr als 100 000 Patientendaten. Sie untersuchten 21 gängige Antidepressiva – alle waren kurzfristig wirksamer als Placebo. Allerdings profitierten nur zwei von drei Patienten von den Arzneimitteln.
Weil die Nebenwirkungen der Medikamente bei Patienten teils heftig sind – zum Beispiel ständige Übelkeit oder eine starke Gewichtszunahme –, wollen viele Patienten gar keine Antidepressiva mehr nehmen. Aus Drehers Sicht ist das häufig keine so schlechte Strategie: Bei leichten und erlebnisreaktiven Depressionen verschreibe er auch keine mehr. „Wenn ein Mann von seiner Frau verlassen wird, braucht er gute Freunde und Zeit – kein Medikament“, so der Psychiater. Das sei auch die Leitlinien-gerechte Therapie zur Behandlung von Depressionen.
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Aus seiner Sicht würden Antidepressiva heutzutage zu schnell und leichtfertig verschrieben. Viele Patienten gingen eben erst zum Hausarzt und fühlten sich dann besser, wenn sie zumindest mit einem Rezept in der Hand die Praxis verlassen. Dreher wiederum wartet inzwischen bei Beschwerden, die auf Konflikte im Job oder im Privatleben zurückzuführen sind, erst einmal vier bis sechs Wochen ab, ob sich der Patient nicht von selbst stabilisiert.
Psychotherapien versprechen oft langfristige Erfolge
Eine Psychotherapie gelte – abgesehen von schweren, chronischen Depressionen – langfristig als bessere Methode, um Depressionen, Ängste oder Stimmungstiefs dauerhaft bewältigen zu können, weil sie über die Therapie hinaus wirkten. Das ist bei Antidepressiva nicht der Fall. „Die Lebensumstände ändern, Konflikte angehen und lösen – das ist der bessere Weg“, sagt Dreher.
Mit der Medikamentenvergabe ist er auch vorsichtiger geworden, weil in den letzten Jahren immer mehr bekannt wurde, dass Patienten teils starke Probleme beim Absetzen der Mittel haben.
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Ängste, Depressionsanfälle, Schwindel und Magen-Darm-Beschwerden, Brainzaps oder Panikattacken: Die Liste der Beschwerden und Symptome, die viele Patienten bekommen, wenn sie ein Antidepressivum absetzen, ist lang. „Das wurde tatsächlich von Ärzten lange verkannt“, sagt Dreher. Die Absetzerscheinungen würden häufig in den ersten sechs Wochen auftreten; oft auch bei jeder erneuten Reduzierung der Dosis. Diese könnten oft sehr schwerwiegend sein und verleitete die Patienten häufig dazu, das Medikament wieder zu nehmen. „Gefährlich sind die Symptome aber nicht. Das muss man auch wissen“, sagt Dreher. Allerdings gebe es Mittel wie zum Beispiel den selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Venlaflaxin, die oft heftigere und sehr lange Absetzwirkungen haben.
Forscher um den italienischen Psychologen Giovanni Fava berichteten in Übersichtsarbeiten ebenfalls von heftigen Absetzsymptomen. Sein Forscherteam stellte die massivsten Beschwerden auch bei Venlaflaxin fest. Sie stellen die Vergabe von SNRI deshalb komplett in Frage.
Erforscht werden Verfahren zur Hirnstimulation
In den vergangenen Jahren wird verstärkt auch an neuen Ansätzen zur Behandlung von Depressionen geforscht – insbesondere mit Blick auf jene Patienten, die auf eine klassische Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie nicht ansprechen. Da sind zum Beispiel Methoden, bei denen bestimmte Bereichen des Gehirns durch elektrische Impulse angeregt werden sollen. Untersucht wird zudem auch, ob es helfen könnte, den Vagusnerv gezielt zu stimulieren – jenen Nervenstrang, der eine Rolle bei der Kommunikation zwischen Gehirn und Körper spielt.
Als gut erforscht und sehr wirksam ist inzwischen die Elektrokrampftherapie etabliert. Bei dieser Methode werden im Gehirn durch Stromimpulse leichte Krämpfe ausgelöst, die wiederum das Zusammenspiel der Nervenzellen und dadurch auch die chemischen Vorgänge im Gehirn verändern. „Viele dieser Verfahren sind allerdings aufwendig und werden nicht leichtfertig eingesetzt“, sagt Isabella Heuser-Collier, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité.
Behandlung von Depressionen mit Ketamin und Psilocybin
Hoffnung setzt sie daher auch in neue Formen von Medikamenten. Für viel Aufmerksamkeit sorgt seit einiger Zeit zum Beispiel Ketamin. Eigentlich ist das ein Narkose- und Schmerzmittel, doch inzwischen ist die Substanz auch für die Behandlung schwerer Depressionen in der EU zugelassen – in Form eines Nasensprays. „In unseren Untersuchungen hat sich bei etwa einem Drittel der Patienten das Empfinden durch die Gabe eindrücklich verändert“ sagt Isabella Heuser-Collier. Allerdings halte der Effekt der stimmungsstabilisierenden Substanz nicht unbedingt lange an.
Anders könnte das bei Psilocybin sein, hofft die Psychiaterin – einer Substanz aus einem Pilz, die früher als Hippiedroge bekannt war. „In geringer Dosierung wirkt die Substanz nicht halluzinierend, löst aber eine Bewusstseinsänderung aus. Patienten haben dann das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein und angstfrei – oft noch Monate nach einer Dosis“, so Heuser-Collier. Die Patienten werden nach der Gabe von zwei speziell ausgebildeten Therapeuten über acht Stunden hinweg begleitet.
Isabella Heuser-Collier hält den Einsatz psychodelischer Substanzen bei der Behandlung von Depressionen für vielversprechend. Deren Erforschung stünde allerdings noch ziemlich am Anfang, sagt sie. „Depression ist nicht gleich Depression – und je nach Krankheitsbild können unterschiedliche Ansätze sinnvoll sein.“