Bei einer Tagung in Stuttgart stellen Mediziner neue Konzepte zur Behandlung von Tumoren vor. Deutlich wird dabei, dass es zunehmend darum geht, die Patienten individuell und ganzheitlich zu betreuen.

Wissenschaft: Klaus Zintz (Zz)

Stuttgart - Die Fortschritte bei der Erforschung der molekularbiologischen Ursachen von Tumorerkrankungen sind so rasant wie beeindruckend. Und sie führen zu völlig neuen Therapiemöglichkeiten, an die früher niemand zu denken wagte. Zwar prägen nach wie vor Stahl, Strahl und Chemo die Behandlung der meisten Patienten – also die chirurgische Entfernung von Tumorgewebe, die Bestrahlung von erkranktem Gewebe sowie die chemische Bekämpfung von Tumorzellen, die oft genug den gesamten Körper stark in Mitleidenschaft zieht. Doch inzwischen gibt es zum Beispiel Medikamente, welche die molekularen Signale von Tumorzellen zu deren Bekämpfung ausnutzen oder das körpereigene Immunsystem gezielt auf die Krebszellen ansetzen.

Die auf die Tumorbehandlung spezialisierte Medizin, die Onkologie, muss sich daher „zunehmend komplexeren Herausforderungen stellen“, wie es Gerald Illerhaus anlässlich des zweiten Symposiums des Krebszentrums am Klinikum Stuttgart formulierte. Illerhaus ist Leiter des Stuttgart Cancer Center, das vor zwei Jahren gegründet wurde (siehe Informationskasten). Mit dem Symposium will das Zentrum nicht nur über die eigenen Aktivitäten berichten, sondern sich von Experten aus der ganzen Bundesrepublik über die neuesten Entwicklungen in der Krebstherapie informieren lassen – und darüber diskutieren.

Bei Krebserkrankungen wie der Blutkrebsart chronische lymphatische Leukämie (CLL) „hat die Zukunft bereits begonnen“, betont Michael Hallek von der Uniklinik Köln. Bei dieser Tumorart sei das Gleichgewicht zwischen dem Überleben und dem Tod von Zellen gestört – und die zugrunde liegenden Prozesse verstehe man immer besser, so Hallek. Allerdings könnten dabei eine ganze Reihe von „Schaltern“ gestört sein. Aber für viele dieser Schalter würden jetzt Medikamente entwickelt, um sie gegebenenfalls hemmen und damit das Gleichgewicht neu einstellen zu können.

Andere Tumore sind weitaus zäher

Wie erfolgreich die Molekularbiologen und Mediziner auf diesem Weg sein können, zeigt die chronische myeloische Leukämie (CML), eine andere Blutkrebsart. Sie lässt sich heute so behandeln, dass manche Patienten ganz ohne Medikamente in normaler Lebensqualität leben können, wie Andreas Neubauer vom Uniklinikum Marburg berichtet. Auch die generelle Überlebensrate dieser früher meist tödlich verlaufenden Krankheit ist heute beeindruckend: In einer deutschen Studiengruppe überlebten dank des Medikaments Imatinib, eines hochspezifischen Hemmstoffes, 92 Prozent der Teilnehmer die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

Leider stehen den beeindruckenden Erfolgen bei den Bluttumoren bislang eher moderate Fortschritte bei den soliden, also fest umrissenen Gewebetumoren gegenüber. Lungenkrebs etwa sei „weitaus zäher“, meint Hallek und führt dies nicht zuletzt auf die vielen Variationen zurück. Die medizinischen Folgen liegen auf der Hand: „Chemo ist nicht out“, betont Neubauer – vielmehr sei sie immer noch bei fast allen Tumoren der Standard. Allerdings gilt auch hier zunehmend die Erkenntnis, dass der Krebs individuell behandelt werden muss – die personalisierte Medizin wird auch über mögliche genetischen Vorbelastungen der Patienten hinaus immer wichtiger.

Besonders vielversprechend sind dabei Ansätze, die mehrere Behandlungsmöglichkeiten kombinieren, also neben der Operation molekularbiologische, immuntherapeutische und chemotherapeutische Ansätze sowie die Bestrahlung. Auch diese wird immer ausgeklügelter und zielgerichteter, wie Jürgen Debus von der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie der Uni Heidelberg berichtet. Und nicht nur Kinder profitieren davon, dass die Patienten heute viel schonender bestrahlt werden können als noch vor wenigen Jahren.

Immer wieder wurde auf dem Symposium betont, wie wichtig gerade bei der Krebsbehandlung eine enge Zusammenarbeit der Disziplinen ist. Gerne wurde die Arbeit der Onkologen mit Mannschaftssportarten wie Fußball oder Rudern verglichen. Hervorgehoben wurde aber auch die wachsende Bedeutung der „neuen Krebsmedizin“, der eher ganzheitlichen Betreuung der Patienten. Dazu zählen etwa die psychologische Unterstützung von Betroffenen und Familienangehörigen oder die Ernährungsberatung. Aber auch eine angemessene sportliche Betätigung gehört dazu. So haben Studien gezeigt, dass Krebspatienten mit richtig dosierten Bewegungsprogrammen sehr geholfen werden kann.

Das Stuttgarter Krebszentrum

Zentrum
Fächerübergreifende Zusammenarbeit zum Wohle des Krebspatienten: das ist das oberste Ziel des Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl (SCC). Angesiedelt ist das Zentrum am Klinikum Stuttgart in der Kriegsbergstraße 60. Es wird von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung Waiblingen mit 1,5 Millionen Euro unterstützt.

Bündelung
Nach Angaben des Klinikums Stuttgart werden dort jährlich mehr als 11 000 Krebspatienten behandelt. Die entsprechenden Fachdisziplinen und Einrichtungen sind in mehr als 50 Kliniken und Instituten des Klinikums bereits vorhanden. Aufgabe des Krebszentrums ist es, Abläufe und Behandlungsprozesse zu optimieren. Außerdem sollen Erfahrungen, die an den einzelnen Einrichtungen gemacht werden, gesammelt und allen Beteiligten zugänglich gemacht werden. Betreut werden auch Patienten mit einem selten auftretenden Krebs.

Zertifizierung
Derzeit koordiniert das SCC die Arbeit von sieben durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifizierten Organzentren sowie drei zertifizierten Schwerpunktzentren. Dazu gehören Krebserkrankungen der weiblichen Brust, der Prostata, des Darmes, der Bauchspeicheldrüse, der oberen Verdauungsorgane, an Kopf und Hals sowie an der Schilddrüse, ferner gynäkologische und neuroonkologische Tumore sowie Lymphome und Blutkrebs.