In die Gentherapie und die Behandlung mit Stammzellen hatten Herzspezialisten einmal große Hoffnungen gesetzt. Doch daraus ist vorerst nichts geworden. Auf ihrer Jahrestagung in Mannheim diskutieren die Mediziner nun neue Ansätze.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)

Mannheim - Stammzellen können Menschenleben retten – so oder so ähnlich wurden vor etwas mehr als zehn Jahren in den Medien Experimente des Düsseldorfer Kardiologen Bodo Eckehard Strauer gefeiert. Er hatte Stammzellen aus dem Knochenmark eines Patienten direkt in dessen krankes Herz gespritzt und dem Mann ging es gleich viel besser – zumindest eine gewisse Zeit. Stammzellen, also Zellen, die sich in alle anderen Zelltypen des Körpers verwandeln können, sollten kranke Herzen stärken und den Herzmuskel regenerieren. „Damals dachten wir, dass alle möglicherweise auftretenden Probleme bis zum Jahr 2013 gelöst sein werden“, sagte Gerd Hasenfuß, der Leiter der kardiologischen Abteilung der Universität Göttingen, diese Woche auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim, bei der sich internationale Herzspezialisten getroffen haben. Doch diese übertriebenen Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Dennoch, so Hasenfuß, sei man optimistisch in Sachen Zelltherapie am Herzen. Man müsse nur umdenken.

Studien mit Knochenmarkszellen wurden seitdem immer wieder durchgeführt, derzeit nehmen weltweit etwa 2000 Patienten an derartigen Untersuchungen teil. „Die Studien kamen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, mal positiv, mal negativ“, berichtete der Göttinger Kardiologe. Eine zusammenfassende Analyse schließlich habe ergeben, dass die Stammzellgabe zu einer geringfügigen Verbesserung des Herzleidens führe. Allerdings halte dieser Effekt nicht sehr lange an, nach gut einem Jahr war er wieder verschwunden. „Diese Zellen aus dem Knochenmark hatten vermutlich einen pharmakologischen Effekt. Sie setzen Substanzen frei, welche die noch verbliebenen Herzzellen unterstützen, weil sie dem Körper etwa bei der Bildung neuer Blutgefäße helfen. Aber sie bilden keine neuen Herzmuskelzellen“, so Hasenfuß. In dieser Richtung könne man weiterforschen, um eben aus dieser pharmakologischen Wirkung für die Medikamentenentwicklung zu lernen. Doch als eine Form der Therapie sieht er dies nicht: „Aus meiner Sicht lohnt sich die Prozedur nicht, zumal sie für den Patienten belastend ist.“

Die Forschung steht erst am Anfang

Die Herzforscher setzen mittlerweile auf andere Stammzellen, zum Beispiel auf die embryonalen Stammzellen, die sich tatsächlich zu Herzmuskelzellen entwickeln können. Dieser Ansatz wird vor allem in den USA verfolgt, in Deutschland sind diese Zellen ethisch umstritten, und die Therapie damit ist nicht erlaubt. Hierzulande setzen Wissenschaftler auf die sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen. Diese Zellen, für die der Japaner Shinya Yamanaka im vergangenen Jahr den Nobelpreis erhalten hat, werden beispielsweise aus Hautzellen sozusagen rückprogrammiert und in den anpassungsfähigen Zustand einer Stammzelle versetzt. Daraus soll sich dann eine Herzzelle entwickeln. „Man könnte für jeden Patienten Herzzellen mit eigenem Profil züchten“, erklärte Hasenfuß. Allerdings dauere dies zu lange, um etwa nach einem Infarkt sofort reagieren zu können. Er sehe die Zukunft weniger im Zellansatz, sondern vielmehr in der Züchtung von Herzgewebe. Das Ziel sei die Produktion von künstlichem Herzgewebe, das man auf ein geschädigtes Herz nähen oder kleben könnte: „Eine Art funktionelles Herzgewebepflaster.“

Dieses Gewebe müsste nicht für jeden Patienten einzeln angefertigt werden. Hasenfuß könnte sich vorstellen, dass man etwa 100 verschiedene immunologische Subtypen züchtet und mit dieser Auswahl an Gewebearten alle Patienten versorgt. Durch die Züchtung im Labor könne man auch das Tumorrisiko kontrollieren, das diese Zellen in sich tragen, sagte Hasenfuß. Am Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung ist es bereits gelungen, Zellverbände herzustellen. Diese werden in Tierversuchen getestet, und Hasenfuß rechnet damit, dass man in etwa fünf Jahren mit Untersuchungen am Menschen beginnen kann, so dass bis zum klinischen Einsatz mindestens zehn Jahre vergehen.

In der Gentherapie war der Enthusiasmus noch größer als in der Stammzelltherapie. Man glaubte, alle Krankheiten genetisch behandeln und heilen zu können. Das hat sich in keiner Weise auch nur im Ansatz bestätigt, so dass es um die Gentherapie ruhig geworden ist. Doch es gibt sie, und seit dem Jahr 2011 beispielsweise ist die erste gentherapeutische Behandlung bei der seltenen Form einer Fettstoffwechselerkrankung zugelassen. „Auch am Herzen wird gentherapeutisch geforscht“, sagte Patrick Most, Leiter der molekularen Kardiologie an der Medizinischen Klinik der Universität Heidelberg. In Heidelberg möchte man mit Genen bei einer Herzmuskelschwäche den Herzmuskel regenerieren. „Der Herzmuskel funktioniert nur, wenn bestimmte Proteine in ausreichender Menge vorhanden sind. Funktionieren diese nicht mehr, lässt die Herzleistung nach“, erklärte Most. Man könne nun Gene dieser defekten Proteine direkt ins Herz schleusen, so dass diese wieder korrekt gebildet werden. Dazu nutze man abgeschwächte Viren als Gen-Taxi.

Manchmal behindert das Immunsystem die Gentherapie

Im Gegensatz zur oberflächlich wirkenden medikamentösen Behandlung könne mit Genen direkt in der Zelle angesetzt werden, sagt Most: durch eine gezielte ­Korrektur defekter Schlüsselfaktoren der Herzfunktion. Dazu gibt es derzeit zwei erfolgreiche Ansätze in den USA, die jedoch auch Mängel gezeigt haben: Man erreicht mit dieser Methode nicht alle erkrankten Herzmuskelzellen und man kann nicht einschätzen oder steuern, wie viel genetisches Material gebildet wird. Zudem kann nicht jeder Patient mit dem viralen Gen-Taxi behandelt werden, da etwa 30 Prozent der Patienten Antikörper gegen diese Fähren bilden, so dass diese sofort zerstört werden.

In Heidelberg nun versucht man diese drei Faktoren auszuschalten: Man benutzt neue Viren als Taxi, die resistent gegenüber Antikörpern sind. Die Wirkstärke können die Heidelberger Wissenschaftler mit einem Gen-Schalter steuern: „Durch die zusätzliche Gabe einer Substanz wird die Therapie angeschaltet“, so Most. Man könne sich vorstellen, dass mit einer Tablette das An- oder Abschalten der Proteinbildung gesteuert werden könnte. Zudem gebe man die Viren gewissermaßen durch die Hintertür, die Venen, und nicht durch die bei Herzleiden verstopften Arterien. Das sei sehr viel effektiver. Es gebe noch viel zu erforschen in dieser Richtung, meinte Most. Doch es gehe weiter, ohne übertriebenen Hype, doch erfolgreich.

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