Medizin Impfung gegen Typ-1-Diabetes?

Von Gerlinde Felix 

Im Kampf gegen Diabetes Typ 1 gibt es Neuigkeiten: Forschern zufolge könnte es bald möglich sein, die Krankheit mit einer „Impfung“ hinauszuzögern oder sogar ganz zu vermeiden.

Womöglich müssen Diabetiker eines Tages nicht mehr spritzen. Foto: dapd
Womöglich müssen Diabetiker eines Tages nicht mehr spritzen. Foto: dapd

Stuttgart - Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die Produktion des Hormons Insulin wegen einer Zerstörung der Betazellen der Bauchspeicheldrüse versiegt. Eine Impfung mit Insulin als Nasenspray oder über den Mund aufgenommen soll dies künftig verhindern.

Bei Typ-1-Diabetes wird das Insulin produzierende Gewebe der Bauchspeicheldrüse ständig von körpereigenen Immunzellen attackiert und entzündet sich chronisch. In der Folge gehen die Betazellen allmählich zugrunde. Sind rund 80 bis 90 Prozent der Betazellen zerstört, bricht die Erkrankung aus. Die versiegende Insulinproduktion hat kritische Folgen: Ohne Insulin können die Körperzellen den Blutzucker nicht aufnehmen. Zu den typischen Symptomen gehören ein starkes Durstgefühl, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Muskelschwäche und Gewichtsabnahme. Betroffene müssen, um den Blutzuckerspiegel zu normalisieren und eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung zu vermeiden, ihr ganzes Leben lang Insulin spritzen. Die Erkrankung beginnt oft bereits im Kindesalter. „In Deutschland gibt es jährlich 2400 Neuerkrankungen in der Altersklasse zwischen 0 und 14 Jahren. Insgesamt sind hierzulande rund 25 000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren von Typ-1-Diabetes betroffen“, sagt die Münchner Typ-1-Diabetes-Expertin Anette-Gabriele Ziegler.

Kaiserschnitt kann Risiko erhöhen

Die Ursachen für die Autoimmunerkrankung sind noch nicht ganz geklärt. Vieles spricht dafür, dass Umweltfaktoren wie Infektionen und manche Nahrungsbestandteile, Stoffwechselprodukte von Darmbakterien oder eine Entbindung per Kaiserschnitt, die die kindliche Darmflora verändert, eine Rolle spielen. „Wenn die Beschaffenheit der kindlichen Darmflora verändert ist, wirkt sich dies auf das Immunsystem aus, da die Darmbakterien wichtige Botenstoffe produzieren, die die Immunantwort steuern“, erklärt Anette-Gabriele Ziegler. Und es gibt einen starken genetischen Einfluss. So entwickeln rund drei bis acht Prozent der erstgradig Verwandten von Personen mit Typ-1-Diabetes im Laufe ihres Lebens selbst Typ-1-Diabetes. Gegenüber Menschen ohne familiäre Belastung ist das Risiko damit um mehr als das Zehnfache erhöht. Haben beide Eltern Typ-1-Diabetes, liegt das Erkrankungsrisiko für Kinder bei 15 bis 40 Prozent. Ist nur die Mutter erkrankt, beträgt es zwei bis vier Prozent, bei einem Vater mit Typ-1-Diabetes vier bis acht Prozent. Hat ein eineiiges Zwillingsgeschwister Typ-1-Diabetes, steigt das Risiko auf 30 bis 40 Prozent an.

Nun könnte es aber Abhilfe geben: Im Tiermodell konnte bereits vor einigen Jahren nachgewiesen werden, dass sich durch die Aufnahme von Insulin über die Schleimhäute der Ausbruch von Typ-1-Diabetes verzögern oder sogar verhindern lässt. Seit Anfang 2010 testen Mediziner unter Leitung von Anette-Gabriele Ziegler am Lehrstuhl für Diabetes der Technischen Universität München/Helmholtz Zentrum eine Insulinimpfung bei Kindern. Im Rahmen der internationalen Pre-POINT-Studie (primary oral/intranasal insulin trial) wurden in Deutschland bisher zehn von insgesamt 144 Kindern im Alter zwischen zwei und sieben Jahren über etwa 18 Monate behandelt. Für die Studie nahmen sie täglich Insulin als Pulver über den Mund auf und wurden regelmäßig untersucht. Diese „Impfung“ soll das Immunsystem trainieren. „Die Pre-POINT-Studie richtet sich an Kinder mit einem Geschwisterkind oder mindestens zwei an Typ-1-Diabetes erkrankten Verwandten ersten Grades, die bestimmte Diabeteshochrisikogene besitzen und noch keine Diabetes-typischen Autoantikörper im Blut aufweisen“, sagt die Münchner Diabetologin. Zwei von fünf teilnehmenden Kindern erhalten ein Placebo. Die Zuteilung, die Ärzten und Probanden unbekannt ist, erfolgt durch eine unabhängige Stelle. Bisher ist noch keines der an Pre-POINT teilnehmenden deutschen Kinder erkrankt.

Mit dem Spray gegen den Zucker

Eine zweite internationale Studie, die INIT-II-Studie (Intranasal Insulin Trial), richtet sich an Probanden zwischen vier und 30 Jahren, die bereits eine Immunreaktion gegen die körpereigenen Insulin produzierenden Zellen bilden. „Die Teilnehmer haben mindestens zwei positive Inselautoantikörper und die Impfung mit einem Insulinspray soll den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder hinauszögern“, sagt die Medizinerin. Eine Vorläuferstudie hatte gezeigt, dass das Nasenspray sicher ist und die Immuntoleranz positiv beeinflusst. Mit beiden Studien wird nach der geeigneten Darreichungsform und optimalen Insulindosis gesucht.

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