Esslingen - Am 7. September 2001 wurde einer 68-jährigen Patientin in Straßburg die Gallenblase entfernt. Na und? Ist nicht sonderlich spektakulär. Doch. Der Clou dabei: Der Operierende Jacques Marescaux befand sich in New York. Die erste Long-Distance-OP über den Atlantik hinweg. Möglich durch den Einsatz eines Medizin-Roboters. Was kann der noch? Einiges, meint Professor Ludger Staib – zum Beispiel Leistenbrüche oder Lungen operieren. Denn einer dieser Medizin-Roboter ist während einer 14-monatigen Testphase am Klinikum Esslingen im Einsatz.
Eine Deutschland-Premiere
Der steril gekleidete Chirurg, der mit seinem Team am OP-Tisch steht. Nein, das war gestern. Die Zukunft könnte so aussehen: Der Arzt sitzt vor einem Bildschirm, auf dem die betroffenen Organe messerscharf zu sehen sind, bedient mit dem Fuß eine Art „Gaspedal“ zur Aktivierung des Systems und hält zwei Konsolen in den Händen. Damit dirigiert er die drei Roboterarme, die über einen zentralen Knotenpunkt koordiniert werden. OP-Schwestern und Assistenzärzte werden dadurch aber nicht arbeitslos, wie Ludger Staib im Pressegespräch betont. Sie müssen die Roboterarme vorab ausrichten, deren Funktion während der OP kontrollieren, Instrumente austauschen, dem Mann an den Konsolen assistieren. Die Erfahrungen mit den Roboter-Operationen in Esslingen sind bisher positiv. Allen 42 Patienten ging es danach gut, so Professor Staib: „Auch der deutschlandweit erste Lungeneingriff konnte mit dem System durch die Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie durchgeführt werden.“
Reaktion der Patienten
Die Reaktionen auf die neue Methode sind unterschiedlich: „Das habe ich im Fernsehen gesehen. Das finde ich toll.“ – „Entscheiden Sie als Arzt, ob das die bessere Methode ist.“ – „Nein, machen Sie es lieber wie immer.“ Und einige Patienten meinen in gut schwäbisch-pragmatischer Manier: „Ich bin für alles Neue aufgeschlossen, solange ich es nicht bezahlen muss.“ Kranke, so erklärt Ludger Staib, werden behutsam auf den möglichen Einsatz eines OP-Roboters vorbereitet. Ob sie diese Methode oder die alt bewährte Handarbeit vorziehen, entscheiden die Patienten aber selbst. Dabei hat die Hightech-Neuerung aus Sicht des Arztes viele Vorteile: Bei den minimal-invasiven Eingriffen sind nur kleine Schnitte nötig. Die zu operierenden Organe können auf dem Bildschirm exzellent visualisiert und vergrößert werden, der Eingriff kann durch den Einsatz von Hochtechnologie mit höchster Präzision durchgeführt werden.
14 Monate Testphase
Der Nachteil: Die Operationszeiten ziehen sich durch die langen, aufwendigen und ungewohnten Vorbereitungen in die Länge. Doch das könnte laut Ludger Staib auch an der Erprobungsphase liegen und sich nach längerer Gewöhnungszeit ändern. Jedenfalls besteht zunächst eine Unternehmenspartnerschaft des Klinikums Esslingen mit der US-amerikanischen Herstellerfirma, die über 14 Monate läuft. Danach muss der Aufsichtsrat entscheiden, ob ein Kauf des etwa zwei Millionen teuren Roboter-Systems wirtschaftlich vertretbar ist.
Teamwork Mensch und Maschine
Stecker in die Steckdose. Einschalten. Loslegen. So einfach ist es selbstverständlich nicht. Der OP-Roboter wurde in einem umfangreichen Verfahren in Augenschein genommen. Zu Jahresbeginn wurden Schulungen und Trainingsprogramme in Mailand besucht, am 7. Januar wurde das System im Zentral-OP am Klinikum in Esslingen installiert, und am 3. Februar wurde der erste Patient vor Ort an einem Leistenbruch operiert. Corona legte die Hightech-Methode zunächst lahm, doch am 29. Mai wurde das Programm fortgesetzt. Durch das Teamwork Mensch und Maschine wurden nach Angaben von Ludger Staib Gallenblasen entfernt, eine Anti-Reflux-OP gegen Sodbrennen durchgeführt, Mägen verkleinert oder ein Teil des Darms entfernt: „Geplant sind weitere komplexere Eingriffe der Enddarm-, der Oberbauch-, der Lungen- und eventuell auch der Kinderchirurgie, denn für das System werden sehr feine Drei-Millimeter-Instrumente angeboten.“
Keine Gefährdung der Patienten
Klingt futuristisch. Und aufregend. So aufregend, dass sogar ein abgeklärter, nüchterner Arzt wie Ludger Staib von einer „neuen Ära in der Chirurgie“ spricht. Und dabei outet er sich und seine Berufsgruppe als „konservative Menschen“, die alles Neue zuerst einmal mit Blick auf Finanzierbarkeit und Patientenwohl kritisch beäugen. Doch durch das Roboter-System sei das Patientenwohl in keiner Weise gefährdet (siehe Kasten). Ein Terminator im OP-Saal ist es also nicht.
Wenn der Computer ausflippt...