Medizin Ionenstrahlen im Kampf gegen Krebs

Von Martin Schäfer 

Mit Partikelstrahlen können Tumorzellen gezielt zerschossen werden. In Marburg sollten mit der Ionenstrahltherapie schon vor Jahren erste Patienten behandelt werden, doch die Anlage konnte aus Kostengründen nicht in Betrieb genommen werden. Mit Hilfe aus dem Heidelberger Uniklinikum ist dies nun gelungen.

Nach jahrelanger Verzögerung kann die Anlage in Marburg in Betrieb gehen. Foto: dpa
Nach jahrelanger Verzögerung kann die Anlage in Marburg in Betrieb gehen. Foto: dpa

Stuttgart - Partikelstrahlen sollen Krebspatienten neue Hoffnung geben. Nun ging die neue Ionenstrahlanlage in Marburg in Betrieb. Mediziner würden dazu allerdings sagen: Eine schwierige Geburt, da der Neubau mit einem Kostenfaktor von 120 Millionen schon vor dem wirtschaftlichen Aus stand. Die Heidelberger Uniklinik sprang zur Hilfe ein. Jetzt wollen die Forscher und Mediziner herausfinden, was in den Partikelstrahlen steckt.

Neben der Chemotherapie mit Medikamenten, dem Bestrahlen mit Röntgenlicht und der Operation steht den Medizinern mit der Partikeltherapie eine weitere Behandlung zur Tumorbekämpfung zur Verfügung. Schon seit mehr als 60 Jahren haben anfangs Physiker, später Mediziner an der therapeutischen Wirkung von Teilchenstrahlen geforscht – seit den 1990er Jahren verstärkt in der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt. Die Teilchen dringen bis zu 30 Zentimeter in das Gewebe ein und können auf den Millimeter genau ein Ziel fokussieren. „Damit können wir jede Stelle im Körper erreichen“, sagt Thomas Haberer, der an der GSI über solche Zielverfahren promovierte und jetzt als wissenschaftlich-technischer Direktor der Ionenstrahl-Therapiezentren in Heidelberg (HIT) und Marburg (MIT) fungiert.

In den Tumorzellen zerschießen die Partikel – entweder sind das Wasserstoffkerne (Protonen) oder Kohlenstoffkerne – das Erbmolekül, die DNA. Die Zelle verfügt zwar über ein breites Arsenal, den Schaden zu reparieren. Eine weitere Bestrahlung kommt dem aber zuvor. Übrig bleibt ein zerstörtes Tumorgewebe. „Wie eine Art Matsch“, erläutert Andrea Wittig, leitende Ärztin in der Strahlentherapie in Marburg. Der Körper baut diesen Zellmatsch ab. Zurück bleibt allenfalls eine Narbe im Gewebe. So hoffen zumindest die Mediziner. Ein Vorteil der Partikelstrahlen soll sein, dass sie kaum Nebenwirkungen aufweisen. Doch das muss in Studien am MIT und der baugleichen Anlage in Heidelberg erst nachgewiesen werden.

Falsche Kalkulation

Der Weg bis zur Inbetriebnahme war holprig. Die Betreiber beim Projektstart vor neun Jahren, das Rhön-Klinikum als privater Eigner der Uniklinik Marburg und der Konstrukteur Siemens, hatten sich bei den Patientenzahlen eklatant verkalkuliert. Die Annahmen lagen bei 2000 bis 2500 Patienten im Jahr. Die Gewinne sollten sprudeln. Das lockte. Spätere Kalkulationen mit Patienten unter 1000 im Jahr sahen dann die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben. „Das war zu ambitioniert“, sagt die Medizinerin Rita Engenhart-Cabillic, die in Marburg die Strahlenmedizin leitet. Da stand der 120-Millionen-Neubau aber schon. Röhn zog sich zurück, Siemens wollte die Anlage abbauen, wie dann auch in einem ähnlichen Fall in Kiel geschehen. Das Land Hessen drängte auf eine Lösung. Die Heidelberger Uniklinik, die mit dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) seit dem Jahr 2009 erfolgreich eine ähnliche Anlage betreibt, kam mit ins Boot. Die Heidelberger übernahmen dann Ende 2014 die Geschäftsführung und 75,1 Prozent der Anteile an der Marburger Betreibergesellschaft MIT.

Eine Besonderheit der Partikelstrahlen ist, dass die Teilchen auf ihrem Weg zum Tumor das umliegende Gewebe kaum schädigen – im Unterschied zur Röntgenstrahlung der klassischen Strahlentherapie. Erst im Zielpunkt, dem sogenannten Bragg-Peak, entlädt sich die Energie. Mit dieser Treffsicherheit wollen die Mediziner sowohl schwer zugängliche als auch äußerst widerstandsfähige Tumore bekämpfen, berichtet die Krebsmedizinerin Engenhart-Cabillic. Dazu zählen Tumore an der Schädelbasis und den Speicheldrüsen. Kritisch sind auch Tumore im Auge. Der Teilchenstrahl kann sie zielsicher erreichen, ohne etwa den Sehnerv oder die Netzhaut zu schädigen. Auch krebskranke Kinder profitieren von der neuen Therapie: Ihr Körpergewebe ist weitaus empfindlicher gegen Strahlen als das von Erwachsenen. Das um den Tumor liegende gesunde Gewebe wird in der Partikeltherapie besser geschont. Die Uniklinik Heidelberg hofft nun, durch den Betrieb der zweiten Partikelzentrums in Marburg die Patientenzahlen auf jährlich insgesamt 1500 Patientinnen und Patienten zu verdoppeln. Dadurch ließen sich vergleichende klinische Studien schneller und besser durchführen, teilt die Uniklinik Heidelberg mit.

Eine Behandlung kann lange dauern

Eine Behandlung kann sich schon über 20 Bestrahlungssitzungen und etliche Wochen hinziehen. Die Therapie kostet 25 000 Euro, egal ob nur achtmal oder 20-mal bestrahlt wird, erklärt Irmtraut Gürkan, die kaufmännische Leiterin der Uniklinik Heidelberg. Auf diesen Betrag haben sich die Betreiber mit den Krankenkassen geeinigt. Die bisherigen Ergebnisse der Heidelberger Anlage sind ermutigend. Rund 800 Patientinnen und Patienten wurden dort pro Jahr behandelt. Bei manchen Krebsarten sind die Therapieerfolge schon überzeugend. Bei welcher Indikation die Partikeltherapie als Methode der Wahl anzusetzen ist, muss in Studien untersucht werden. Im Blickpunkt der Mediziner stehen auch Kombinationen aus Partikeltherapie, klassischer Strahlentherapie und Chemotherapie.

Von der großtechnischen Anlage, die immerhin die Maße eines Fußballfelds einnimmt, bekommen Patientinnen und Patienten nichts mit. Im Gegenteil, die Architektur, die Empfangshalle, die Vorbereitungsräume und die drei Bestrahlungsplätze sind so gestaltet, dass sie bei Patienten Stress abbauen und beruhigen. Das Gebäude liegt beschaulich in einem ans Uniklinikum Marburg grenzenden Waldstück. 2013 erhielt das MIT und seine Architekten als „herausragender Gesundheitsbau“ einen Architekturpreis.