Medizin Neuer Therapieansatz für hohen Blutdruck

Von Gerlinde Felix 

Die amerikanische Sprint-Studie ist vorzeitig abgebrochen worden, um die Ergebnisse schnell präsentieren zu können – so überzeugend fanden die Forscher sie. Das machte deutsche Kollegen zunächst skeptisch. Jetzt sind die Ergebnisse schneller publiziert worden als gedacht. Sie könnten

Die Sprint-Studie setzt auf einen Cocktail von Medikamenten und eine Änderung des Lebensstils. Allerdings sind die möglichen Nebenwirkungen nicht zu unterschätzen. Foto: dpa
Die Sprint-Studie setzt auf einen Cocktail von Medikamenten und eine Änderung des Lebensstils. Allerdings sind die möglichen Nebenwirkungen nicht zu unterschätzen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Daten der bereits vor Wochen vorzeitig beendeten Sprint-Studie (Systolic Blood Pressure Intervention Trial-Studie) sind jetzt – schneller als erwartet – im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht worden. Während die aktuellen europäischen Leitlinien die Absenkung des Blutdrucks auf den Wert 140 mmHg als Ziel vorgegeben hatten, wurden in dieser Studie die Blutdruckwerte auf 120 mmHg abgesenkt.

Sprint hat nämlich festgestellt, dass ­bei einer bestimmten Gruppe von Bluthochdruckpatienten über 50 Jahren bei diesem Wert fast ein Viertel weniger Todesfälle und knapp ein Drittel weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzversagen auftreten. Die Deutsche Hochdruckliga spricht von einem Paradigmenwechsel in der Therapie für Patienten mit einem bestimmten Krankheitsbild. „Die Ergebnisse werden Eingang in die weltweiten und deutschen Leitlinien finden und diese maßgeblich verändern“, sagt der Karlsruher Hochdruck-Experte Mar­tin  Hausberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga in einer Pressemitteilung. Florian Limbourg, Koordinator des Hypertoniezentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sieht eine Art „Soft-Erweiterung“ der Leitlinien als wahrscheinlicher an. Die Studie selbst sei aber, so Limbourg, ziemlich gut.

Probandengruppe war nicht repräsentativ

Die Ergebnisse der Studie betreffen aber nur einen Teil der Bluthochdruckpatienten. Die Probanden der Studie waren alle mindestens 50 Jahre alt, hatten ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko oder eine eingeschränkte Nierenfunktion. Auch Patienten über 75 Jahre nahmen teil. Diabetes war ein Ausschlusskriterium. Es handelt sich also um eine Gruppe mit einer ganz bestimmten Kombination gesundheitlicher Probleme. Die Probanden waren in zwei Gruppen eingeteilt: Bei Gruppe 1 wurde der systolische Blutdruck auf 120 mmHg abgesenkt, Gruppe 2 war die Vergleichsgruppe mit einem Blutdruck von etwa 140 mmHg als Zielwert. Für die radikale Blutdruckabsenkung in Gruppe 1 nahmen die Patienten drei Medikamente ein. Hier liegt allerdings auch der größte Nachteil der Empfehlung: Patienten, die auf diese Weise therapiert werden, müssen mit extremem Abfall des Blutdrucks, Kreislaufkollaps sowie akuten Nierenschäden oder Nierenversagen rechnen – und das gilt sogar bei zuvor nierengesunden Probanden.

Ist der Nutzen also größer als diese potenziellen Nebenwirkungen? Zwei australische Mediziner, die die Studie kommentierten, sind eher skeptisch: „Es ist unwahrscheinlich, dass dieses höhere Risiko an unerwünschten Ereignissen den Nutzen der Therapie überwiegt.“ Das Fazit: man muss jeden Patienten einzeln betrachten. „Für manche Patienten, für die die Sprint-Ergebnisse in Frage kommen, dürfte 130 mmHg besser sein, für andere 120 mmHg. Die Ärzte müssen das mit ihren Patienten diskutieren“, sagt der Bluthochdruck-Experte Florian Limbourg.

Die Probanden aus Gruppe 1 wurden während der Therapie engmaschig kontrolliert – einerseits, um sicherzustellen, dass der Zielblutdruck wirklich erreicht wird, andererseits, um mögliche Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen. „Wir brauchen ein gutes Bluthochdruckmanagement“, betont Limbourg. Hierzu können häufigere Kontrollen gerade am Anfang der Therapieintensivierung nötig sein.

Vorteile des neuen Therapieansatzes zeigen sich schnell

Er sagt aber auch: „Der Vorteil der intensiven Blutdrucksenkung, die in der Sprint-Studie innerhalb von wenigen Wochen erreicht wurde, hat sich bereits nach einem Jahr in einer verbesserten Ereignisrate im Vergleich zur Standardtherapie bemerkbar gemacht.“ Das zeige, wie wichtig der Faktor Zeit sei.

Limbourg rät allen, ihren Blutdruck daheim zu messen. Bei einem Blutdruck über 135 mmHg sollte man unbedingt zum Arzt gehen. „Bluthochdruckpatienten sollten ihren Arzt fragen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, den Blutdruck weiter abzusenken. Das Risiko für Folgeschäden wie Schlaganfälle steigt linear mit dem Blutdruck an. Und dieser Zusammenhang gilt bereits bei Werten von 110 mmHg“, sagt Limbourg mit Nachdruck. Er warnt: „Gerade junge Menschen, deren systolischer Blutdruck nicht mehr bei 110 oder 120 mmHg liegt, müssen frühzeitig etwas tun.“ So könnten sie verhindern, dass ihre Gefäße schon im mittleren Alter verhärten.