Wie sieht der Alltag in den diakonischen Hilfseinrichtungen für psychisch Kranke aus? Eine Begegnung mit drei betroffenen Männern.

Lokales: Nicole Höfle (höf)

Stuttgart - Marc Decker schafft es seit zwei Jahren, in einer eigenen Wohnung in Stuttgart-Rot zu leben. Seine Diagnose: Schizophrenie mit starken Depressionen. Konstantinos Savvidis montiert bei der gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten GmbH (GWW) in Magstadt Halterungen für die Heckscheiben der Mercedes E-Klasse. Nach Ansicht der Ärzte leidet Savvidis an einer paranoiden Psychose. Am anderen Ende der Region, in einem idyllisch gelegenen Wohnheim der Samariter-Stiftung in Nürtingen, kümmert sich Georgios Sokolakis um eine Ziegenherde. In seiner Krankenakte ist eine paranoide Schizophrenie festgehalten. Eine Rundfahrt der Diakonie Württemberg führt zu den drei kranken Männern und in den Alltag der Psychiatrie.

"Psychische Erkrankungen haben sich seit 1998 im gesamten Krankenstand fast verdoppelt, von sieben auf mehr als zwölf Prozent", sagt Matthias Kneißler, Referent für Psychiatrie beim Diakonischen Werk, und verweist auf Statistiken deutscher Krankenkassen. Vor allem im Vormarsch: Demenz und Depressionen. Marc Decker war 19 Jahre alt, als Ärzte bei ihm Angstzustände und schwere Depressionen feststellten. Seither hat der freundliche Mann viele Monate in Kliniken verbracht, viele Antidepressiva getestet und auf richterlichen Beschluss hin einige Jahre in einem geschlossenen Wohnheim der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart-Freiberg gelebt.

Jetzt sitzt der 40-Jährige im Hippie-Look in seiner mit Bildern voll gehängten kleinen Dachwohnung im Stadtteil Rot, raucht eine selbst gedrehte Zigarette und freut sich darüber, dass er es geschafft hat, für die Besucher aufzuräumen. Mit größter Selbstverständlichkeit erzählt er von schwieriger Kindheit, Drogensucht, Selbstmordversuchen. Einmal warf er einen Föhn in die Badewanne, ein andermal sprang er von einer Eisenbahnbrücke. Er hat überlebt, geblieben ist ihm eine Verletzung am Bein, die ihn lebenslang hinken lässt. "Ich bin stabil", sagt Decker, der umgeben ist von Selbstporträts und Frauenbildnissen.

Die Diakonie beklagt Einsparungen

Was ihm geholfen hat, sind Medikamente und die intensive Betreuung in dem geschlossenen Heim. "Wenn es mir schlecht ging, war immer jemand da", erzählt Decker. In der Einrichtung hat er auch die Kunst für sich entdeckt. Heute bemalt er Schrankwände, die er auf dem Sperrmüll sammelt, und experimentiert mit Farben, die ihm die Betreuer schenken. Arbeiten kann Decker bis heute nicht, genauso wenig, wie er mit dem Geld umgehen kann, das der Staat dem Hartz-IV-Empfänger jeden Monat zur Verfügung stellt. Noch immer gibt es Tage, die er im Bett verbringt, noch immer erlebt er Zeiten, in denen er unfähig ist, alltägliche Dinge zu tun und beispielsweise für sein Essen zu sorgen. Aber meist kommt Marc Decker klar - und wenn nicht, helfen ihm die Sozialarbeiter der Evangelischen Gesellschaft (Eva), die regelmäßig vorbeischauen, um die Medikamente und das Taschengeld zu bringen und auch mal mit ihm einkaufen zu gehen. "Ich bin dankbar dafür", sagt Decker.

Tatsächlich sind die Hilfen für psychisch Kranke in den vergangenen vier Jahrzehnten systematisch ausgebaut worden, eine Entwicklung, von der auch Marc Decker profitiert. "Bis in die 70er Jahre hinein wurden die psychisch Kranken vorwiegend in großen Kliniken versorgt, wo sie in riesigen Schlafsälen untergebracht waren", sagt Matthias Kneißler von der Diakonie. Außerhalb gab es lediglich die Behinderteneinrichtungen, die auf psychisch Kranke nicht eingestellt waren. Erst die sogenannte Psychiatrie-Enquete des Bundes stieß grundlegende Reformen an. 1982 wurden in Stuttgart die ersten Sozialpsychiatrischen Zentren (SPZ) eingerichtet, 1986 folgte der flächendeckende Ausbau.

Vom sozialpsychiatrischen Zentrum Freiberg aus wird auch Marc Decker ambulant betreut. "Wir haben eine gute Versorgung der Kranken", bilanziert Matthias Kneißler. Doch die Zeit des steten Aufbaus ist längst vorbei. Inzwischen beklagt die Diakonie Einsparungen beispielsweise bei den SPZs, deren Finanzierung sich seit 2002 verschlechtert hat, weil die Krankenkassen aus der Grundversorgung ausgestiegen sind und das Land seine Zuschüsse halbiert hat. "Wir merken, dass viele Kranke zu Hause nicht mehr so intensiv betreut werden können", sagt die evangelische Kirchenrätin Heike Baehrens und fordert eine auskömmliche Pauschalfinanzierung der ambulanten Grundversorgung. Die Kirchenvertreter setzen sich außerdem für ein Landespsychiatriegesetz ein, das einheitliche Qualitätsstandards festschreiben soll. "Fünf Jahre nach der Verwaltungsstrukturreform stellen wir fest, dass die psychisch Kranken unterschiedlich gut versorgt werden, je nachdem, in welchem Stadt- oder Landkreis sie leben." Gut sei die Versorgung erfahrungsgemäß in großen Städten wie Stuttgart, weniger gut in einzelnen ländlichen Gebieten, sagt Baehrens.

Die Zahl der psychisch Kranken steigt

Grund, über seine Versorgung zu klagen, sieht Konstantinos Savvidis nicht. Der gebürtige Grieche hat als Rangierarbeiter bei der Bahn gearbeitet und als Leiharbeiter sein Geld verdient, er ist straffällig geworden und per gerichtlichem Beschluss in der Psychiatrie gelandet. Inzwischen ist Savvidis Werkstattrat bei der GWW in Magstadt im Landkreis Böblingen.

Der 42-Jährige pilgert mit den Besuchern durch die Werkhallen und wirkt dabei selbstbewusst und zufrieden. Er montiert Halterungen, kümmert sich um Endkontrollen und vertritt darüber hinaus die Interessen der Mitarbeiter. Sein Arbeitsplatz sieht nicht anders aus als der in einem normalen Industriebetrieb. Trotzdem kann sich Savvidis eine Arbeit außerhalb der behüteten Werkstatt nicht vorstellen. "Sie schauen mir vier Stunden bei der Arbeit über die Schulter und fragen sich, warum ich hier arbeite. Aber schon am nächsten Tag geht vielleicht nichts mehr. Man sieht es den Menschen nicht an."

Die Chancen für psychisch Kranke auf dem ersten Arbeitsmarkt sind ohnehin bescheiden. "Die Betriebe stellen lieber Behinderte ein, weil sie sie für berechenbarer halten", sagt Andrea Stratmann, die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten GmbH. Weil aber die Zahl der psychisch Kranken steigt, wächst auch der Bedarf an Arbeitsplätzen in den geschützten Werkstätten. Zugleich steigt der Wettbewerbsdruck. "Wir nehmen wie alle anderen Unternehmen an den Bieterverfahren teil und müssen genauso Qualität zum günstigen Preis abliefern", sagt Stratmann, deren Werkstätten Firmen wie Daimler und Gardena beliefern. "Bei uns wird nicht für den Weihnachtsmarkt gebastelt. Wir produzieren, was der Markt braucht." Allerdings arbeiten die meisten psychisch Kranken in Teilzeit. Und deren Verdienst ist mit durchschnittlich 461 Euro im Monat vergleichsweise bescheiden, obwohl die GWW 70 Prozent ihrer Erlöse als Lohn ausschüttet und damit deutlich mehr zahlt als der Durchschnitt der Sozialunternehmen.

Auf zwei Betroffene kommt ein Betreuer

Von einem Job in einer Werkstatt ist Georgios Sokolakis weit entfernt. Der 30-Jährige gilt zumindest im Moment als arbeitsunfähig, auch wenn er von einem Halbtagsjob in einem Café träumt. "In ein bis zwei Jahren will ich aus dem Wohnheim ausziehen", sagt er. Vorerst aber wird Sokolakis rund um die Uhr in einer idyllisch gelegenen Einrichtung in Oberensingen im Landkreis Esslingen betreut. Im Garten grast eine Herde Ziegen, die morgens von den psychisch Kranken in den Garten getrieben wird und jeden Abend wieder zurück in den Stall. Die Betreuer sprechen scherzhaft vom Almabtrieb und Almauftrieb, um den sich die Ziegengruppe kümmert. In der Wohnstätte Oberensingen gibt es auch noch eine Gartengruppe, eine Outdoor-Gruppe, eine Kochgruppe, die dazu da sind, die Tage zu strukturieren. Das Nürtinger Idyll freilich hat seinen Preis: 3000 bis 4000 Euro im Monat kostet ein Platz in einer stationären Einrichtung. "Deshalb fragen die Kostenträger auch immer wieder nach, ob eine stationäre Unterbringung wirklich sein muss", sagt Wolfgang Bleher von der Samariter-Stiftung.

Auf zwei Betroffene kommt ein Betreuer. "Die meisten Bewohner waren zuvor mehrfach länger in Kliniken", sagt Oktavia Eichel, die die Wohnstätte leitet und nicht gern über die Krankenakten der 24Bewohner redet. "Wir haben Menschen mit 20 verschiedenen Diagnosen, und wir haben Bewohner, die mich fragen, wie sie ihre Diagnose je wieder los werden sollen." Das Krankheitsbild von Georgis Sokolakis ist da vergleichsweise eindeutig: paranoide Schizophrenie. "Ich habe eine Kamera in den Augen", erzählt er. Inzwischen ist Almabtrieb in Oberensingen. Georgios Sokolakis treibt die Ziegen an - und lerne dabei, Verantwortung zu übernehmen, wie seine Betreuerin anmerkt. Sokolakis nickt: "Ich lerne, mein Leben zu organisieren."

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