Medizin Sepsis, die unterschätzte Gefahr

Auslöser einer Sepsis sind meistens nicht offene Wunden, sondern Ursachen im Körperinneren wie  Bakterien,  Viren oder Pilze, wie der hier abgebildete Pilz Candida albicans. Foto: Mauritius
Auslöser einer Sepsis sind meistens nicht offene Wunden, sondern Ursachen im Körperinneren wie Bakterien, Viren oder Pilze, wie der hier abgebildete Pilz Candida albicans. Foto: Mauritius

Die umgangssprachlich Blutvergiftung genannte Krankheit ist eine der häufigsten Todesursachen.

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Nürnberg - Wegen einer Schürfwunde auf der Intensivstation mit dem Tod ringen? Das ist leider möglich, wenn der Betroffene eine Sepsis bekommt. Umgangssprachlich wird sie noch immer als Blutvergiftung bezeichnet, medizinisch korrekt ist der Begriff Sepsis. Die Sepsis tritt in Deutschland inzwischen jährlich rund 280 000-mal auf und verläuft in 68 000 Fällen tödlich. Trotzdem tappen auch Ärzte bisweilen im Dunkeln.

„Wenn jemand mit Fieber, schnellem Puls, schneller Atemfrequenz und einer erhöhten Anzahl weißer Blutkörperchen zum Hausarzt kommt, könnte das genauso gut eine Grippe sein. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass diese Patienten mit fiebersenkenden Medikamenten nach Hause geschickt werden“, so der Intensivmediziner Stefan John, Leiter der Abteilung Internistische Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg-Süd.

Nur in etwa sechs Prozent der Fälle geht eine Sepsis ursprünglich von einer äußeren, entzündeten oder eitrigen Wunde aus. In den anderen Fällen liegt der Ausgangspunkt im Körperinneren: Virale Lungenentzündungen, im ungünstigen Fall überlagert von einer bakteriellen Infektion, Entzündungen der Harnblase oder der Gallenblase, Magen-Darm-Infektionen, eine Hirnhautentzündung, schwere Mandelentzündungen sowie vereiterte Zähne. Aber ganz unabhängig davon, ist der Ablauf immer derselbe: Die für die Entzündung verantwortlichen Erreger gelangen in großer Zahl über die Blutbahn in den ganzen Körper. Oft sind es Bakterien wie etwa Staphylokokken oder auch mal Legionellen, es können aber auch Viren und Pilze sein. Infektionen mit Pilzen wie Candida albicans haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. „Tatsächlich steigt auch die Zahl der von Staphylokokken verursachten Sepsisfälle massiv an. Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau“, sagt John. Möglicherweise liegt es daran, dass viele Fremdkörper wie zum Beispiel Stents und Herzklappen eingepflanzt und Zugangsschläuche für Dialyse und für künstliche Ernährung verwendet werden, so John.

Auch gesunde Menschen können an Sepsis erkranken

Diese Fremdkörper können trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mit Erregern besiedelt sein. „Ein Krankenhaus ist wie eine kleine Brutstation“, bedauert John. Es kann aber auch sein, dass erst viel später ein Problem auftritt. Der Nürnberger Mediziner nennt ein Beispiel: Nach einer Herzklappen-OP hat der Patient eine eitrige Zehe, weil der Zehennagel eingewachsen ist. Staphylokokken gelangen ins Blut und bleiben beispielsweise auf der Herzklappe hängen. Diese Herzklappe ist nicht durchblutet. Deshalb kommt das Immunsystem nicht an die Bakterien ran. Sie können sich ungestört vermehren, bis sie zum Angriff auf den Organismus blasen. „Das kann noch nach Jahren der Fall sein, besonders wenn das Immunsystem altersbedingt oder durch Kortisoneinnahme, Chemotherapeutika oder durch Rauchen geschwächt ist. Auch wer eine chronische Erkrankung wie Diabetes oder eine Leberentzündung hat, ist gefährdet ebenso wie Kinder“, sagt Michael Bauer vom Zentrum für Sepsis und Sepsisfolgen der Universitätsklinik Jena.

Gesunde Menschen können ebenfalls eine Sepsis bekommen, wenn eine Infektion nicht oder nicht ausreichend behandelt wurde. „Außerdem haben manche Menschen eine starke genetische Komponente, die die Funktion von Immunzellen ungünstig verändert. Bei diesen Menschen kann eine Sepsis wiederholt auftreten“, erzählt Bauer. Er erinnert sich sehr gut an einen 33-jährigen Mann, der aufgrund einer Schürfwunde am Unterarm eine Sepsis mit Multiorganversagen ­bekam. Den Unterarm musste man amputieren. Der Mann lag vier Wochen auf der Intensivstation. Und es war bereits seine zweite septische Episode.

Spätfolgen können Depressionen oder Organschäden sein

Die Kaskade, die schließlich zur Sepsis führt, verläuft rasant. Sie beginnt mit dem ersten Unwohlsein, führt zum Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems (septischer Schock) und endet dann mit der Fehlfunktion eines oder mehrerer Organe oder sogar mit deren Versagen. Dazwischen erfolgt ein komplexes Wechselspiel zwischen Erreger und Immunsystem, das völlig aus dem Ruder läuft. „Der Blutdruckabfall unter 100 mmHg, eine beschleunigte Atmung und eine eingeschränkte Bewusstseinslage, das heißt, der Patient ist fahrig, verwirrt, schläfrig und nicht mehr ansprechbar, deuten auf einen septischen Schock hin“, sagt Bauer. Von einer Sepsis spricht man neuerdings erst, wenn die Organe nicht mehr richtig arbeiten.

Selbst dann, wenn ein Patient die nötige lange Intensivbehandlung überlebt, hinterlässt diese oft Spuren: Beispielsweise Depressionen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, manche Organe funktionieren nicht richtig, Extremitäten müssen amputiert werden. Um derartige Folgeschäden zu vermeiden, muss möglichst frühzeitig erkannt werden, dass ein Patient auf eine Sepsis zusteuert. Und natürlich braucht der Betroffene umgehend geeignete Medikamente. Ein Medikament gegen Sepsis gibt es jedoch noch nicht. „Wir können nur die Erreger medikamentös bekämpfen, zum Beispiel Bakterien mit den geeigneten Antibiotika“, sagt John.

Derzeit wird zunächst mit einem Breitbandantibiotikum behandelt, solange der genaue Bakterienstamm und etwaige Resistenzen noch unbekannt sind. „Das ist suboptimal“, sagt Bauer. Deshalb arbeiten Forscher in Jena auch an Tests, die nicht nur den Erreger schnell identifizieren können, sondern auch aufzeigen, welche Resistenzen gegen Antibiotika bestehen. Ein vom Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart kürzlich entwickelter Test kann den Erreger nun innerhalb von 24 Stunden identifizieren.

„Antibiotika können das Problem Sepsis nur bedingt lösen. Deshalb müssen wir uns von dem Ansatz verabschieden, dass der jeweilige Erreger auf Teufel komm raus eliminiert werden muss“, so Bauer. Es geht vielmehr darum, die Abwärtsspirale hin zur Sepsis zu stoppen, das ursprüngliche Gleichgewicht zwischen Wirt und Erreger wieder herzustellen. Aber dafür müsse man herausfinden, an welcher Stelle in der Sepsis-Kaskade die Vorgänge aus dem Ruder laufen und wie man das ändern kann. Dann könnte es klappen, so die Hoffnung, mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, diese Signalwege an kritischen Stellen zu hemmen. In Jena setzt man auf die Stimulation der zelleigenen Stressantwort durch niedrig dosierte Chemotherapeutika. Dort durchgeführte tierexperimentelle Versuche lieferten gute Daten. Auch ein aus der Krebsforschung bekanntes Molekül namens Programmed Death (PD-1), das entscheidend zum Absterben von Zellen und zum Organversagen beiträgt, soll künftig in Jena untersucht werden. Wenn es gelingt, PD-1 auszuschalten, könnte der zur Sepsis führende Signalweg unterbrochen werden.

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