Medizin Beschneidung bleibt beim Arzt oft unerkannt

Wenn die Beschneidung vom Arzt nicht erkannt wird, kann das Folgen für die Frauen haben. Foto: dpa

Knapp 50 000 beschnittene Frauen sollen derzeit in Deutschland leben. Das Problem: Ärzte erkennen beschnittene Frauen oft nicht. Das wiederum hat Folgen für Geburten – und den Aufenthaltsstatus.

Genf - Über die Beschneidung von Frauen gibt es ein tief eingebranntes Bild: Wenn der Arzt eine solche Schamregion sieht, schaut er in Filmen bestürzt. Und die Betroffenen weinen sofort. Aber diese Idee von der Genitalverstümmelung ist ein Stereotyp. Als eine deutsche Frauenärztin die Guineerin A. Makeba (Name geändert) untersucht, sagt sie, sie sehe da nichts Auffälliges. Makeba erinnert sich jedoch gut an die schmerzhafte Prozedur als junges Mädchen. 97 Prozent der Frauen in ihrer Heimat sind beschnitten. Später stellt ein darauf spezialisiertes Zentrum in Deutschland den Eingriff bei ihr auch fest.

 

Die Wahrheit ist, dass viele Ärzte gar nicht genau wissen, wie unterschiedlich eine beschnittene Vagina aussehen kann. Und nur wenige Spezialisten erkennen alle Formen der Beschneidung. Dabei wäre das sehr wichtig für ihre Patientinnen. Denn eine beschnittene Frau gebärt anders. Manche haben gesundheitliche Probleme. Der Geschlechtsverkehr kann schmerzen, das Entleeren der Blase so gut wie unmöglich sein. Ist eine zugewanderte Frau aufgrund einer Beschneidung traumatisiert, kann das unter Umständen ihr Recht auf Asyl begründen. Nicht zuletzt sollten Ärzte Beschneidungen auch deshalb erkennen, weil sie hierzulande strafbar sind. Knapp 50 000 beschnittene Frauen sollen nach Schätzungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) derzeit in Deutschland leben.

„Die Ärzte wissen nicht genau, wie eine solche Vaginalzone aussieht“

Wie verheerend die Lage ist, macht eine Studie der Gynäkologin Jasmine Abdulcadir am Universitätsklinikum in Genf aus dem Jahr 2014 deutlich. Sie wertete die Gesundheitsdateien von 129 beschnittenen Frauen aus, die bei mindestens einem Frauenarzt oder einer Hebamme gewesen waren. Bei 37,2 Prozent war der Eingriff nicht vermerkt. Bei 21,7 Prozent war die Klassifikation falsch. Es gab also mehr fehlende und falsche Diagnosen als richtige, und zwar unabhängig vom Beschneidungstyp, so Abdulcadir: „Die Ärzte wissen nicht genau, wie eine solche Vaginalzone aussieht. Im Studium wird das nicht gelehrt.“

Die Spezialistin Annette Kuhn vom Inselspital in Bern bestätigt: „Typ 1 könnte sogar mir entgehen, wenn ich nicht genau hinschaue. Denn diese Manipulation kann äußerlich wie eine intakte Vagina aussehen.“ Etliche Frauenärzte haben auch Hemmungen, einen Verdacht anzusprechen. „Eine Kollegin sagte mir, sie sei froh, wenn die Patientin auf dem Behandlungsstuhl läge und sie nicht mehr viel sagen muss“, sagt Kuhn.

Es ist ein hochemotionales Thema, sagt die Psychotherapeutin Fana Asefaw aus Winterthur, die sich dafür engagiert, Beschneidungen wertfrei anzusprechen. In den Heimatländern der Frauen sei die Praxis oft traditionell verknüpft mit der Ehre und der Heiratsfähigkeit. Entsprechend erschütternd ist es für viele der so aufgewachsenen Frauen zu erfahren, dass sie hierzulande als verstümmelt und sexueller Gefühle beraubt gelten. Dabei wäre wenigstens auf dem Behandlungsstuhl des Arztes eine nüchterne, medizinische Betrachtungsweise nötig.

Wie sich die Beschneidung auf die Geburt auswirkt

Denn je nach Beschneidungsform verläuft auch die Geburt eines Kindes anders. Wissen die Geburtshelfer das nicht, kann es zu unnötigen Kaiserschnitten und Komplikationen kommen. Beschnittene Frauen verlieren in unkundigen Händen mehr Blut und haben stärkere Geburtsverletzungen, wies Abdulcadir 2016 nach. Frauen, deren Scheideneingang nach Typ 3 künstlich verkleinert wurde, müssen Ärzte spätestens während der Geburt mit kleinen Schnitten eröffnen. „Die sogenannte Deinfibulation dauert bei uns etwa eine halbe Stunde unter Narkose“, erklärt sie. „Wenn eine Patientin wünscht, dass wir dabei nach der Klitoris suchen, die manchmal noch intakt unter dem vernarbten Gewebe liegt, kann es auch bis zu zwei Stunden in Anspruch nehmen.“

Doch dieses Wissen um die Deinfibulation haben nur wenige Ärzte. Immer wieder, sagt Kuhn, würden Ärzte sie um Hilfe bitten, weil sie beschnittene Schwangere betreuen und sie nicht zu behandeln wissen. In einer Erhebung von 2009 zeigte sie, dass die Frauen bei kundiger Behandlung genauso sicher gebären wie nicht beschnittene Frauen. Einzig: Sie haben öfter schwere Dammrisse, da das infolge der Beschneidung entstandene Narbengewebe weniger elastisch ist.

Abdulcadir und Kuhn bieten Schulungen an, um dem Unwissen der Ärzte und Hebammen entgegenzuwirken. Denn auch nach der Entbindung sei Aufklärungsarbeit nötig, mahnt Abdulcadir. „Viele Frauen sind geschockt, dass wir sie nach der Geburt nicht wieder zunähen. Sie stellen sich mitunter vor, dass die Vagina dann so groß bleibt wie der Kindskopf.“ Sie hat deshalb ein Beratungsangebot entwickelt, das bis zu einem Jahr dauert. Mit Zeichnungen und viel Ruhe erklärt die Frauenärztin die Anatomie des weiblichen Körpers, dass sich die Scheide elastisch verkleinert und Risse im Gewebe auch hierzulande genäht werden. „Wir beziehen in die Gespräche immer den Mann mit ein, weil die Frauen sonst manchmal fürchten, der Mann könnte ihre nun anders aussehenden Genitalien abstoßend finden.“

Abdulcadir hat dabei nie den Unterton des Vorwurfs. Sicher auch, da sie selbst Tochter eines somalischen Arztes ist und viele nach Typ 3 beschnittene Tanten hat, von denen sie weiß, dass der schmerzhafte Eingriff mit anderen Vorstellungen verbunden sein kann, als dies hierzulande der Fall ist. „Es ist eine Frage des Wissens und des Denkens“, sagt sie. Ihre Aufklärungsarbeit trägt Früchte. „Unter 196 beschnittenen Frauen hatte ich in all den Jahren nur eine, die partout nach der Geburt wieder zugenäht werden wollte. Sie kam, nachdem sie diesen Eingriff in Eritrea vornehmen ließ, reumütig wegen einer Blutung nach dem Geschlechtsverkehr wieder zu mir.“

Die Typen weiblicher Beschneidung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vier Typen weiblicher Beschneidung anatomisch beschrieben. Die häufigsten Formen bei beschnittenen Frauen weltweit sind Typ 1 und Typ 2.

Typ 1: Bei Typ 1 wird der Klitorismantel gekürzt oder entfernt und manchmal die Klitoris zum Teil oder ganz.

Typ 2: Sind zusätzlich die inneren Schamlippen gekürzt oder weggeschnitten, ist dies Typ 2.

Typ 3: Am bekanntesten in der westlichen Welt ist aber Typ 3, bei dem alle Schamlippen samt Klitoris gekappt werden und das Gewebe bis auf eine kleine Öffnung für den Abfluss von Urin und Monatsblut vernäht wird.

Typ 4: Daneben gibt es zahlreiche Mischformen und Variationen, welche die WHO unter Typ 4 zusammenfasst.

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