Medizin Weichmacher greifen das Immunsystem an

Von Gerlinde Felix 

Sie sind in unserer modernen Kunststoffwelt allgegenwärtig: Weichmacher, sogenannte Phthalate. Forscher fanden nun Hinweise, dass sie während der Schwangerschaft das spätere Allergierisiko der Kinder erhöhen können.

Chemie im Spielzeug kann ungesund für Kinder sein –  der TÜV Rheinland hatte 2012 Urlaubsmitbringsel und Spielzeug getestet und zu viele Weichmacher entdeckt. Eltern können vom Hersteller aber Auskunft über bedenkliche Inhaltsstoffe verlangen. Foto: dpa/TÜV Rheinland
Chemie im Spielzeug kann ungesund für Kinder sein – der TÜV Rheinland hatte 2012 Urlaubsmitbringsel und Spielzeug getestet und zu viele Weichmacher entdeckt. Eltern können vom Hersteller aber Auskunft über bedenkliche Inhaltsstoffe verlangen. Foto: dpa/TÜV Rheinland

Dessau-Roßlau - Weichmacher sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Sie werden seit Jahren als „Cocktail“ Kunststoffen wie Polyvinylchlorid (PVC) zugesetzt, damit Bodenbeläge, Kinderspielzeug oder Folien für die Lebensmittelverpackung elastisch und geschmeidig sind. Mittlerweile sind die Phthalate, wie diese chemische Stoffgruppe heißt, sehr umstritten. Weichmacher sind nicht an die umgebende Plastikstruktur gebunden, sondern nur lose davon eingeschlossen. „Deshalb können sie sich leicht aus den Kunststoffen lösen. Kommen diese Plastikprodukte in Kontakt mit Lebensmitteln, lagern sie sich an diese an und werden besonders im enthaltenen Fett und Öl gelöst“, schildert Andreas Gies, der Leiter der Abteilung Umwelthygiene am Umweltbundesamt, die Zusammenhänge.

Zudem dünsten die Weichmacher aus Kunststoffoberflächen aus und gelangen über die Luft auf die Haut und in die Lunge. Innerhalb von wenigen Tagen werden sie im Körper abgebaut und mit dem Urin ausgeschieden. Zuvor hinterlassen sie aber Spuren im Organismus, weshalb Unternehmen in Europa vier dieser Phthalate seit Februar 2015 nur noch nach einer schwierig zu erlangenden Ausnahmegenehmigung herstellen oder verwenden dürfen.

„Aber in importierten Waren sind sie weiterhin enthalten. Und diese werden kaum kontrolliert“, sagt der Biologe Gies. Für eines dieser Phthalate, das Benzylbutylphthalat (BBP), gilt es als relativ gesichert, dass es das menschliche Hormonsystem und die geschlechtliche Entwicklung von Jungen vorgeburtlich beeinflusst. „Das BBP führt zu verkleinerten Geschlechtsteilen und zu einer verminderten Spermienproduktion“, so Gies. Als wäre das nicht schon genug, hat eine kürzlich im Fachblatt „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ publizierte Studie ergeben, dass BBP auch auf das Immunsystem einwirkt.

Weichmacher verstärken die Neigung zu Neurodermitis

Dabei kann dieser Weichmacher bei Neugeborenen das Risiko für Allergien wie allergisches Asthma signifikant erhöhen. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und der Uni Leipzig stellten fest, dass das Risiko für allergisches Asthma erhöht ist, wenn die Mutter während der Schwangerschaft besonders stark mit Phthalaten belastet war.

Die Studienteilnehmer gehörten alle zur Mutter-Kind-Studie LINA, die den Lebensstil und die Umweltschadstoffbelastung schwangerer Frauen und ihren Einfluss auf das Allergierisiko der Kinder untersucht. „Wir haben geschaut, welche Abbauprodukte von Weichmachern im Urin der Schwangeren zu finden sind“, berichtet Tobias Polte, der Leiter der Helmholtz-Universitätsforschungsgruppe „Experimentelle Allergologie und Immunologie“.

Es sei ein deutlicher statistischer Zusammenhang zwischen der Belastungshöhe der Mütter und dem Risiko für ein Auftreten allergischen Asthmas bei Kindern zu beobachten gewesen. „Kinder von stärker mit BBP belasteten Müttern hatten vermehrt Entzündungen der Atemwege und damit ein höheres Risiko für allergisches Asthma im Alter bis zu sechs Jahren“, berichtet Irina Lehmann, die die LINA-Studie und die Abteilung Umweltimmunologie des UFZ leitet. Und sie ergänzt: „Die Neigung zu Neurodermitis im Alter von ein oder zwei Jahren war ebenfalls erhöht.“

Tierversuche bestätigen die Bedenken der Forscher

Die statistischen Ergebnisse wurden an der Universität Leipzig in Mäusen experimentell überprüft. Die Vorteile: Einflussfaktoren wie Rauchen und eine mögliche genetische Vorbelastung der Eltern fallen weg. Die Ergebnisse bei den Mäuseversuchen bestätigten die zuvor bei der LINA-Studie festgestellten Zusammenhänge. „Sie lassen die Schlussfolgerung zu, dass das sich noch entwickelnde Immunsystem des Ungeborenen während der sensiblen Phase der Schwangerschaft durch BBP beeinflusst wird“, fasst der Umweltimmunologe Tobias Polte zusammen.

Bei der Analyse des Erbmaterials haben die Forscher sogenannte epigenetische Veränderungen entdeckt, die durch Anhängen von Methylgruppen an die Erbinformation fixiert werden. Auf diese Weise können Umweltfaktoren die Funktion der Gene beeinflussen. Bei den Mäusejungen entdeckten die Forscher an manchen Genen ungewöhnlich viele Methylgruppen. Tatsächlich korrelierte die Zahl der angehängten Methylgruppen bei den Mäusejungen mit der BBP-Belastung der jeweiligen Mutter. Sind mehr Methylgruppen angehängt, führt dies – über die Genveränderungen – aber letztlich zu einem höheren Allergierisiko der betroffenen Tiere. Werden die Methylgruppen bei den Mäusen durch Zugabe einer bestimmten Substanz beseitigt, dann verringert sich dadurch auch das Allergierisiko wieder.

Kinder aus der LINA-Kohorte mit allergischem Asthma haben dieselben epigenetischen Veränderungen. Allerdings lassen sich beim Menschen die vermehrten Methylgruppen an den betreffenden Genen derzeit nicht beseitigen, wie Lehmann erläutert – und dämpft Hoffnungen: „Bis wir das können, ist es ein langer Weg.“

Unklar ist bisher, wie BBP die epigenetischen Veränderungen verursachen kann. „Ob das BBP direkt eine Wirkung auf den Fötus hat oder die Mutter durch das Phthalat dazu angeregt wird, bestimmte, das Immunsystem beeinflussende Stoffe zu produzieren, wissen wir noch nicht“, erläutert Tobias Polte.

Bedauerlich ist, dass statt Kunststoffen, die Weichmacher enthalten, nicht häufiger weichmacherfreie Kunststoffe wie Polyethylen verwendet werden. „Etwa 80 Prozent der verwendeten Weichmachermengen wären vermeidbar“, sagt Gies.

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