Medizin Wenn Stress das Herz krank macht

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In der Reihe „Gesundheit beginnt im Kopf“ ging es darum, wie man gravierenden Schäden vorbeugen kann. Dabei spielen Ernährung und Bewegung eine entscheidene Rolle. Auch Feinstaub hat einen Einfluss.

Bluthochdruck wird häufig zu spät erkannt. Dagegen hilft nur regelmäßiges Messen. Foto: dpa
Bluthochdruck wird häufig zu spät erkannt. Dagegen hilft nur regelmäßiges Messen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Leistung ist beeindruckend: Tag für Tag pumpt das Herz 10 000 bis 15 000 Liter Blut durch den Körper und schlägt dabei etwa 100 000 Mal. „Doch im Verlauf eines Lebens ist damit zu rechnen, dass es auch einmal zu einer Störung kommt, zu einem Schaden, der schließlich zu einer Krankheit führt“, gab der Mediziner Suso Lederle zu Beginn der jüngsten Veranstaltung in der Reihe „Gesundheit beginnt im Kopf“ im Stuttgarter Rotebühlzentrum zu bedenken. Das Thema „Herzkrankheiten – Stressfolge oder Schicksal?“ war dabei in Anlehnung an das Motto der diesjährigen Herzwochen gewählt worden: „Herz unter Stress“.

Zusammen mit Thomas Nordt, dem Chef der Klinik für Gefäßkrankheiten am Stuttgarter Katharinenhospital, erörterte Lederle die wichtigsten Faktoren, die das Herz krank werden lassen: Bluthochdruck, Diabetes und hohe Cholesterinwerte im Blut. Und natürlich kamen auch schädliche Lebensgewohnheiten zur Sprache: Rauchen, zu wenig Bewegung, zu viel Essen, Übergewicht. Und dann ist da noch der alltägliche Stress bei der Arbeit und in der Familie, oft vergesellschaftet mit zu wenig Schlaf und zu seltenen Ruhephasen. „Was für ein Stress!“, klagen dann viele. „Und genau das ist auf Dauer nicht gesund. Denn der Körper verzeiht viel, aber nicht alles“, fasst Lederle die nur allzu häufige Ausgangssituation zusammen, die den Hausärzten und Kliniken viele herzkranke Patienten beschert.

Doch bekanntlich ist es gar nicht so einfach, schädlichen Stress – auch Disstress genannt – zu vermeiden oder auch nur abzubauen. Zudem ist lässt sich nur schwer herausfinden, wie schädlich Stress für die betroffenen Menschen ist. Entsprechend wichtig ist es, individuell darauf zu reagieren. Thomas Nordt empfiehlt daher Entspannungsübungen oder auch „nur“ körperliche Bewegung als Ausgleich, und zwar nicht erst am Wochenende, sondern dann, wenn Stresssituationen bewältigt werden müssen – also am selben Tag.

Bluthochdruck spielt eine wichtige Rolle

Dies hilft auch, einen besonders herzschädigenden Einfluss zu reduzieren: den Bluthochdruck. Dieser kann als Begleiterscheinung einer anderen Krankheit auftreten oder als eigenständige Erkrankung – man spricht dann auch von essenzieller Hypertonie. Und diese sollte unbedingt behandelt werden, das betont Thomas Nordt immer wieder. Als normal gilt dabei heute ein Wert von unter 140 (Millimeter Quecksilber) als oberer (systolischer) und von bis zu 90 als unterer (diastolischer) Druck. Im Alter steigt der Blutdruck, weil die Blutgefäße nicht mehr so elastisch sind und daher die Druckspitzen des pumpenden Herzens weniger gut auffangen können. Allerdings empfehlen die Mediziner dringend, erhöhten Blutdruck auch bei älteren Menschen konsequent zu senken – die Zeiten, in denen Werte von 160 und mehr toleriert wurden, seien heute vorbei.

Ein großes Problem am Bluthochdruck ist, dass man meist nichts davon spürt – genauso wenig wie von Diabetes oder zu hohem Cholesterin, den „stillen Killern“, wie es die Deutsche Herzstiftung so drastisch wie anschaulich formuliert. Wenn dann Herzinfarkt oder Schlaganfall das Leben bedrohen und das oft aus scheinbar heiterem Himmel, dann ist es schon sehr spät und die Schädigung des Gefäßsystems meist weit fortgeschritten. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig zu handeln und nicht zu warten, bis es Probleme gibt – das betonen Thomas Nordt und Suso Lederle immer wieder. Dazu zählt auch, seinen Blutdruck immer wieder messen zu lassen oder auch selbst zu messen, etwa mit einem noch im Haushalt vorhandenen Blutdruckmessgerät. Und wenn feststeht, dass der Blutdruck ungesund hoch ist, dann sollte man ihn auch konsequent behandeln – und das bedeutet, dass dauerhaft Medikamente eingenommen werden müssen.

Wer das nicht will, dem kann womöglich schon eine Umstellung der Lebensgewohnheiten helfen. „Gewicht abbauen, lohnt sich – und körperliche Aktivität auch“, sagt Thomas Nordt immer wieder. Ein kleiner Schaufensterbummel reicht allerdings nicht, es sollte schon fünf Mal eine halbe Stunde ordentliche Bewegung in der Woche sein. Forsche Spaziergänge, radfahren, schwimmen, tanzen, Fitnessstudio, Ergometer: „Das zählt alles“, macht Nordt Mut.

Mediterrane Kost wirkt sich positiv aus

Bekanntlich kann auch die Ernährung bei der Entstehung von Gefäßkrankheiten und Bluthochdruck eine wichtige Rolle spielen. Als hilfreich wird eine mediterrane Kost mit wenig (rotem) Fleisch, dafür viel Gemüse sowie Obst und Vollkornprodukten empfohlen. Doch leider reichen Änderungen im Lebensstil oft nicht mehr: „Bei vielen Patienten ist der Bluthochdruck so ausgeprägt, dass Medikamente dennoch nötig sind“, weiß Nordt aus Erfahrung. Aber der Herzspezialist kann auch mit einer guten Nachricht aufwarten: „Es gibt heute Medikamente, die gut verträglich sind – ganz anders, als noch vor 40 Jahren.“ Dies macht es auch möglich, die medikamentöse Therapie gut an die individuellen Erfordernisse des Patienten anzupassen.

Neben Stress und Bluthochdruck kommen an diesem Abend noch zwei weitere wichtige Gefährdungsfaktoren zur Sprache: zu hohe Werte von Cholesterin und Zucker im Blut. Thomas Nordt lässt dabei keinen Zweifel daran, dass er zu viel „böses“ Cholesterin, also LDL (Low Density Lipoprotein) als „hochgefährlich für Herz und Gefäße“ ansieht. Der Zusammenhang „hohes Cholesterin – hohe Infarktgefahr“ sei durch Studien „sehr gut belegt“. Die Meinung, dass die Gefährlichkeit von zu hohen Cholesterinwerten stark übertrieben werde – Stichwort Cholesterinlüge –, hält er für „falsch und unverantwortlich, weil damit Menschenleben gefährdet werden“.

Feinstaub schadet den Gefäßen

Ein Aspekt schließlich wird an diesem Abend nur am Rande gestreift, er dürfte in Zukunft aber immer wichtiger werden: Die Belastung von Herz und Kreislauf durch Feinstaub. Medizinisch zeichnet sich Nordts Worten zufolge ab, dass es neben dem belegten Zusammenhang zwischen erhöhten Feinstaub-Konzentrationen und Entzündungen der Bronchien noch weitere schädliche Auswirkungen auf den Körper gibt. Dazu zählen vor allem auch entzündliche Veränderungen in den Blutgefäßen – und damit mögliche negative Auswirkungen auch auf Gehirn und Herz.

Als Fazit des Abends gibt Suso Lederle dem zahlreich erschienen Publikum noch vier sehr praktische Ratschläge mit auf den Heimweg: „Suchen Sie Entspannung, finden Sie Ihre innere Balance, überwinden Sie die Trägheit im Alltag – und gehen Sie mehr, dann gehen Sie länger.“