Mediziner-Mangel im Kreis Böblingen Hausärzte unter Druck

Volle Wartezimmer: ein häufiges Bild bei Hausärzten Foto: dpa/Sina Schuldt

Hat ein Allgemeinarzt keinen Nachfolger, haben die Patienten ein Problem. Und die Sorgen wachsen. Um den Mediziner-Mangel zu lindern, bedarf es mehrerer Maßnahmen, schreibt Redakteur Robert Krülle.

Wer ärztliche Hilfe braucht, sollte sie bekommen. Das war eine Selbstverständlichkeit über lange Zeit. Doch seit einigen Jahren bröckelt diese Sicherheit in einem bedrohlichen Maß. Gerade bei den Hausärzten tut sich perspektivisch ein empfindlicher Mangel auf, den direkt die Patientinnen und Patienten zu spüren bekommen.

 

Zuletzt hat sich in Aidlingen eine schwierige Situation entwickelt. Allgemeinmedizinerin Olga Marada-Csorba hat im Sommer aus persönlichen Gründen ihre Praxis aufgegeben, eine direkte Nachfolgelösung für die weit mehr als 1000 Patientinnen und Patienten gab es nicht. Doch das Ärzte-Team um Thomas Heindel und Malte Schaub in Aidlingen sowie Isabela Emilie Kristen-Popa im Nachbarort Deufringen haben in einem Kraftakt ihre Kapazitäten kurzfristig erhöht, um die Patientenschar zu übernehmen. Das geht nur mit zusätzlichen, wenn auch provisorischen Räumen sowie weiterem Personal. Hoch anzurechnen ist den Ärzten, dass sie diese Herausforderung nahezu selbstverständlich annehmen – dass ein solches Einspringen dabei keine dauerhafte Lösung sein kann, sollte allen klar sein. Zumal bei einem derartigen Hauruck-Prozess nicht alles sofort perfekt laufen kann. Deshalb bitten die Ärzte ihre Kundschaft auch um Verständnis, wenn es mal etwas länger dauert.

Verständnis, das immer weniger Patientinnen und Patienten offenbar aufbringen wollen. Insbesondere in Städten mehren sich Berichte von rüden Auftritten gegenüber den Medizinern. Der Kassenärzte-Chef Andreas Gassen hatte zuletzt beklagt, aggressives Verhalten, verbale Bedrohungen bis hin zu Tätlichkeiten seien ein wachsendes Problem in Arztpraxen. Was die Sindelfinger Medizinerin Annette Theewen, Vorsitzende der Böblinger Kreisärzteschaft, diese Woche gegenüber unserer Zeitung bestätigt hat. „So wie wir im Alltag wahrnehmen, dass der Ton schärfer wird und die Bereitschaft zur Rücksichtnahme sinkt, so erleben wir das auch in den Praxen“, sagt sie. Zudem seien die Menschen häufig voreingenommen. Per Internetrecherche glaubten manche bereits längst zu wissen, was ihnen fehle – wenn das der Arzt nicht bestätige, komme es zum Konflikt. Hinzu komme ein gewachsenes Anspruchsdenken, der Mediziner als Dienstleister würde alle Wünsche erfüllen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat eine Reform für die Hausärzte in der Mache. Insbesondere soll die Vergütung pro Patient nicht mehr per Budgetierung gedeckelt sein. Darüber hinaus will man die Versorgung chronisch Kranker organisatorisch entschlacken und zudem den Allgemeinmedizinern weitere Vereinfachungen ermöglichen. Dies hat natürlich seinen Preis – entsprechende Ausgaben in diesem Bereich sollten aber bei der aktuell prekären Lage kein Hinderungsgrund sein.

Dabei geht es nicht allein darum, dass Allgemeinärzte besser verdienen und damit der Beruf attraktiv bleibt. Entscheidend ist, dass der Mediziner seine Praxis so aufstellen und sein Team so beschäftigen kann, dass der Alltag nicht von Überlastung gekennzeichnet ist. Was wiederum den Patienten hilft, die tendenziell schneller drankommen und wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass der Betrieb nicht auf Kante genäht ist.

Zumal gerade die Teamarbeit bei den Allgemeinärzten an Bedeutung gewinnt. Einzelne Minipraxen haben kaum Zukunft. Der Zusammenschluss mehrerer Mediziner macht eine effektivere Aufteilung möglich. Die ungeliebte und oft überbordende Verwaltungsarbeit lässt sich bündeln, Teilzeitbeschäftigungen leichter ermöglichen. So wie die Politik gefordert ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, sind die Mediziner gefordert, die Praxisstrukturen an die kommenden Herausforderungen anzupassen.

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