Landkreis Ludwigsburg „Situation hat sich verschärft“ – Tausende Kinder im Kreis sind zu dick

Schon im Grundschulalter sind viele Kinder im Landkreis Ludwigsburg übergewichtig. Foto: Markus Scholz/dpa

Die Arbeitsgruppe Adipositas koordiniert kostenlose Sport- und Ernährungskurse und klärt über Übergewicht auf. Im Kreis Ludwigsburg gibt es dennoch zu wenige Angebote, sagen Experten.

Ludwigsburg: Anne Rheingans (afu)

Die Zahlen sind alarmierend: Im Kreis Ludwigsburg sind mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche übergewichtig, davon 6.300 sogar stark, also adipös. Das war jüngst ein Thema während der Kommunalen Gesundheitskonferenz auf Landkreisebene. Vor rund zwei Jahren hat sich eine Arbeitsgruppe gegründet. Insgesamt wird allerdings viel zu wenig gegen Übergewicht unternommen, sagen Experten.

 

„Die Zahl der Betroffenen hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt“, erklärt Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Kauth. Er führt mit einem Kollegen eine Praxis in Ludwigsburg und hat sich unter anderem auf Ernährungsmedizin spezialisiert. In seiner täglichen Arbeit beobachtet er mit Sorge, dass der Anteil der Kinder mit starkem Übergewicht vor allem ab dem Grundschulalter ansteigt. Das Problem: 80 bis 90 Prozent von ihnen sind auch noch als Erwachsene adipös. „Es wächst sich eben nicht aus“, sagt Kauth.

Zu viel Medienzeit, zu wenig Bewegung

In der jüngsten Vergangenheit stagniert zwar die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland, jedoch auf „viel zu hohem Niveau“, sagt der Mediziner. Vor allem Kinder aus finanziell schwächeren oder bildungsfernen Familien haben ein großes Risiko, unter Übergewicht zu leiden.

Thomas Kauth betont, dass es unterschiedliche Gründe dafür gibt, dass Kinder und Jugendliche eine Fettleibigkeit entwickeln. Oft hängt es zudem nicht nur mit einem Umstand zusammen. „Deshalb müssen individuelle Lösungen gefunden werden“, sagt er. Ein häufiges Problem ist nach seiner Beobachtung der Bewegungsmangel. Alltagsaktivitäten nehmen ab. „Das Sitzen an sich ist bereits ein Risikofaktor“, erklärt der Arzt. Nicht nur im Unterricht fehlt die Bewegung. „Durch viel Medienzeit zu Hause verschärft sich diese Situation dramatisch“, sagt Kauth. Deshalb gibt er seinen jungen Patientinnen und Patienten den Tipp, sich einen Schrittzähler anzuschaffen und die Zahl der täglichen Schritte langsam zu steigern.

Arzt sieht Politik gefordert

Auch fett- und zuckerreiche Lebensmittel tragen zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen bei. „Zuckerhaltige Getränke sind ein großes Problem“, erklärt der Mediziner. Die von der Bundesregierung geplante Steuer auf gezuckerte Durstlöscher sei daher ein Schritt in die richtige Richtung. Der Arzt würde es aber begrüßen, wenn es auch bald eine einheitliche, verpflichtende Kennzeichnung von Lebensmitteln gäbe. „Es müsste für Eltern einfacher sein, auf einen Blick gesunde Lebensmittel zu erkennen“, meint er. Zugleich betont Kauth allerdings auch: „Übergewicht liegt nicht immer nur an falscher Ernährung und zu wenig Sport.“

Nach Ansicht von Thomas Kauth wird noch immer zu wenig dafür getan, adipösen Kindern und Jugendlichen zu helfen. In den Sprechstunden der Kinder- und Jugendärzte bleibt oft nicht genügend Zeit für eine umfassende Beratung. Zudem sieht das kassenärztliche Vergütungssystem solche Punkte nicht vor. Eine Ernährungstherapie muss daher beispielsweise zumeist aus eigener Tasche bezahlt werden.

Die Arbeitsgruppe (AG) Adipositas hat es sich allerdings zur Aufgabe gemacht, im Landkreis Ludwigsburg niedrigschwellige Angebote zu vermitteln und zum komplexen Krankheitsbild aufzuklären. Das Landratsamt nimmt dabei eine koordinierende Aufgabe wahr. Die Gruppe ist vor rund zwei Jahren aus der Kommunalen Gesundheitskonferenz heraus und auf Initiative der Kreisärzte und Kinderärzte entstanden, erklärt Dr. Stephan Döring vom Dezernat für Gesundheit und Verbraucherschutz des Landratsamts.

Angebot soll schrittweise wachsen

Teil des Angebots sind kostenlose Bewegungskurse mit kooperierenden Vereinen: Bislang sind das der SV Salamander Kornwestheim, der MTV Ludwigsburg und dem Verein Die Schmiede am Turm in Vaihingen/Enz. Mit dem Ernährungszentrum Mittlerer Neckar finden außerdem Kochkurse und ähnliche Workshops statt. Ziel ist es, dass möglichst viele von Übergewicht betroffene Kinder und Jugendliche teilnehmen können, sagt Döring. Daher sei nur eine unkomplizierte Anmeldung per E-Mail nötig.

Die Arbeit der Arbeitsgruppe soll schrittweise weiter ausgebaut werden. So besteht der Wunsch, künftig auch eine psychologische Beratung anbieten zu können, erklärt Döring. Weitere Informationen zur AG Adipositas und den Angeboten gibt es auf der Webseite: Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Landratsamt Ludwigsburg

Weitere Themen