Stuttgart - Seit Beginn der Pandemie warnen Mediziner vor den langfristigen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen für Kinder und Jugendliche. Nun werden sie lauter.
Professor Simon, Sie warnen schon lange vor gesundheitlichen Corona-Folgen für Kinder und Jugendliche. War der Alarm der Ärzte längst überfällig?
Bisher hatte ich meine Mahnungen sehr sachlich formuliert, ohne die Triggerworte „tote Kinder“ oder „Triage“ zu verwenden. Offenbar entfaltet sich dadurch keine Wirkung in der Öffentlichkeit. Schon im Mai 2020 hatten Ärzteverbände gewarnt, was mit Kindern und Jugendlichen passieren wird, wenn die restriktiven Maßnahmen bei Schule und im Bewegungsbereich so fortgeführt werden. Übrigens: Diese Ärzte, Kinderärzte und Psychologen sind ausgewiesene Experten für die Volksgesundheit. Statt dass man sich genauer mit den Problemen unserer Kinder befasst hat, wird der Eindruck vermittelt, man könne direkt von Virusmutanten, Infektionszahlen oder durch exponentielle Szenarien auf die Entwicklung der Volksgesundheit und die Bedrohungslage schließen. Dem ist nicht so. Die Gesundheit unserer Kinder hat man geopfert, um sich zu sehr auf nur akut wirksame Pandemiemaßnahmen zu fokussieren, die keinesfalls alternativlos sind.
Warum sind Kinderärzte und Psychologen bisher nicht durchgedrungen?
Sie wissen, dass es der Volksgesundheit in einer Pandemie sehr abträglich ist, wenn man wie ein Pandemiemodellierer die Toten direkt an die Wand malt und man sich darauf fokussiert. Die Aufgabe von medizinischen Fachgesellschaften ist nun in dem Bieterwettstreit um möglichst akute Panikmache einzuschreiten. Wer auf längerfristige Maßnahmen, oder gar auf längerfristige Folgen der Pandemie und der Maßnahmen hinwies, wurde entweder verdammt, oder war eine Nebelkerze im akuten Panikmodus. Jetzt befinden wir uns in einem Wahljahr. Wir werden den Lockdown für Kinder und Jugendliche bis September durchziehen und die älteren Wähler zügig mit Freiheiten bedienen.
Haben Kinder und Jugendliche keine Lobby?
Theoretisch über ihre Eltern. Nur die mussten sich unter anderem um ihren Job und ihre Eltern kümmern. Auf den ersten Blick tragen die Älteren selektiv und medienwirksam die Hauptlast der Pandemie. Die Würde der Älteren wird beim Friseur verteidigt. Leere Schulen, leere Unis oder leere Sportplätze sind offenbar nicht so wichtig. Wir werden nach der vollständigen Impfung sehen und erleben, was seit Monaten läuft: Offene Opern für Großeltern, geschlossene Sportvereine für Kinder. Man muss leider sagen, dass Politiker Kinder und Jugendliche nicht im Blick haben.
Wen treffen Einschränkungen am stärksten: Kleinkinder, Grundschüler oder Teenager und Pubertierende?
Sicher kann man das nicht sagen. Kleinkinder sind am vielschichtigsten und was die Freude an und die Befähigung zu Bewegung angeht, am dauerhaftesten betroffen und oft irreparabel geschädigt. Bewegungsmangel als alleinige Ursache ist zurzeit für 10 Prozent der Todesfälle – also etwa 90 000 Tote pro Jahr in Deutschland verantwortlich. Man müsste jetzt in die Prävention investieren. Das einzige, was nachhaltig hilft: schnellstmöglich Bildung und kindgerechte Bewegung wieder ermöglichen. Bei Jugendlichen sind vor allem sämtliche Folgen der psychosozialen Verwahrlosung, Vereinsamung und der versäumten Bildungschancen psychisch und für den späteren Lebensweg stark beeinträchtigend. Man geht jetzt schon von dramatischen Zunahmen der Magersucht aus, welche in zehn Prozent der Fälle zu einem sehr frühen Tod im Erwachsenenalter führt.
Sind die körperlichen oder die seelisch-psychischen Folgen gravierender?
Beides ist eine sehr verheerende Kombination. In der Prävention werden wir uns mit unserem krankheitszentrierten Gesundheitssystem wieder dafür entscheiden, lieber für 60-Jährige Krebstherapien und Therapien der Herzkreislauferkrankungen zu verbessern, als in Bildung, Prävention und gesundes Bewegungs- und Sozialverhalten zu investieren. Herzkreislauf- und Krebserkrankungen sind die häufigsten Todesursachen in Deutschland mit je 450 000 Toten pro Jahr. Beides fußt auf Übergewicht, Bewegungsarmut, Bildungsmangel, Sozialstatus – genau den Faktoren, die wir vor allem bei Kindern mit den Corona-Maßnahmen bleibend zugrunde gerichtet haben.
Welche Langzeitschäden sind aus medizinischer Sicht besonders verheerend?
In Deutschland sind rund 400 000 Menschen unter 30 bedingt durch Ess-, Freizeit und Digitalkonsumverhalten im Pandemiejahr eine BMI-Kategorie nach oben gerutscht. Unter 30-Jährige, die schwer fettsüchtig (BMI Body Maß Index über 35) sind, verlieren bis zu zehn Lebensjahre, leicht übergewichtige (BMI über 25) 3,3 Lebensjahre. Geschätzt sind durch die Maßnahmen 1,3 Millionen Lebensjahre verloren gegangen. Das betrifft nur die Übergewichtsproblematik. Die Frage ist: wie viele Lebensjahre haben wir wirklich im Gegenzug durch unsere selektive Auswahl an Corona-Maßnahmen gerettet?
Von Ihnen stammt der Satz: Pandemie ist kein Wunschkonzert und nicht alle können gerettet werden.
In einer Pandemie sollten negative Effekte aller Art mit Blick auf die Volksgesundheit ausgewogen abgefedert werden. Es geht primär um eine ausgewogene Verteilung der Lasten und Pflichten und erstmal nicht darum, mit einer Bazooka von 1000 Milliarden herrumzuballern, wenn die Folgen noch nicht genau absehbar sind. In Asien ist man anders vorgegangen: Ausgewogene Lastenverteilung und gemeinsam die Pandemie im Keim ersticken und eingrenzen. Was hat Europa gemacht? Politiker haben sich mit ihren Wunschberatern und -beraterinnen eingeschlossen, um vorrangig an Lieblings-Lobby-Bereiche Schnellschüsse aus der Bazooka verteilt.
Zur Person: Professor Perikles Simon (47) leitet seit 2009 die Abteilung Sportmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Der Sportmediziner, Neurobiologe und Molekularbiologe studierte einst in Tübingen und Philadelphia und war viele Jahre Dopingexperte, unter anderem bei der Weltantidopingagentur Wada. Seit 2017 widmet er sich verstärkt gesellschaftlich relevanten Themen – mit einem besonderen Blick auf Kinder und Jugendliche.
Das Gespräch führte Stefanie Keppler.