Medizinermangel in Baden-Württemberg Wie junge Ärzte aufs Land gelockt werden

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Die Regiopraxis in Baiersbronn floriert. Nachahmer hat das Modell aber kaum gefunden. Jetzt sind Ideen gefragt. Jeder dritte Arzt in Baden-Württemberg ist älter als 60 – und wird bald in den Ruhestand gehen.

Immer mehr Ärzte werden in den nächsten Jahren ihr Stethoskop an den Nagel hängen. Die Suche nach Nachfolgern ist schwierig: Junge Mediziner scheuen die Selbstständigkeit. Foto:  
Immer mehr Ärzte werden in den nächsten Jahren ihr Stethoskop an den Nagel hängen. Die Suche nach Nachfolgern ist schwierig: Junge Mediziner scheuen die Selbstständigkeit. Foto:  

Baiersbronn - Baiersbronn kann sich mit Stuttgart messen. Der Ort im Kreis Freudenstadt ist, was seine Fläche angeht, fast so groß wie die Landeshauptstadt und eine der größten Gemeinden überhaupt im Land. Vom einen Ende zum anderen sind es 88 Kilometer. Vor acht Jahren gab es in Baiersbronn und seinen neun Ortsteilen noch zwölf Allgemeinmediziner, einen Kinderarzt und einen Gynäkologen. Davon sind bis heute noch ein Kinderarzt, ein Orthopäde und zwei Allgemeinärzte übrig. Dazu gekommen ist aber die Hausärztepraxis im Spritzenhaus. In dieser Gemeinschaftspraxis haben vor fünf Jahren zwei hiesige Praxen mit drei Ärzten als Partnern fusioniert.

Mittlerweile gibt es in der ersten Regiopraxis dieser Art einen vierten Partner und drei angestellte Mediziner, die alle zwischen 36 und 67 Jahre alt sind. Von April an wird das Ärzteteam aus neun Medizinern bestehen. Zusammen behandeln sie eigenen Angaben zufolge mehr als 5000 Patienten im Quartal. Die Regiopraxis sei „ein großer Glücksfall für uns“ sagt der Bürgermeister Michael Ruf.

Die Idee: man teilt sich Kosten und Räume

Am Anfang war die Angst vor der Zukunft. „Es war absehbar, dass bald mehrere Kollegen in Rente gehen würden“, erzählt Ernst Klumpp (67), der Initiator und einer der Mitbegründer der Praxis. Seine Sorge: „Wir, die übrig bleiben, können die ganzen Patienten nicht versorgen.“ Nur: „Wir kriegen wir junge Ärzte?“ Die Idee: Eine Gemeinschaftspraxis mit Kollegen vor Ort, die groß genug wäre, neue, junge Kollegen aufzunehmen, in der jeder weiter finanziell unabhängig arbeitet, in der man sich die Kosten und die Mitarbeiter teilt .

Klumpp und seine Kollegen Dieter Krampitz und Michael Seitz taten sich zusammen. Sie gewannen die Gemeinde für das Projekt, die ihnen einen guten Preis machte für das zentral an der S-Bahn gelegene Baugrundstück. Sie fanden einen Investor, der den Neubau inklusive Orthopädie-Praxis und Sanitätshaus realisierte und ihnen den ersten Stock für die Großpraxis vermietete. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) gewährte ihnen 75 000 Euro Anschubfinanzierungshilfe und in den ersten drei Jahren monatlich 1000 Euro.

Anfangs gab es mehr statt weniger Arbeit und Ausgaben

Der Anfang war zäh. Die drei Gründer hatten höhere statt niedrigere Ausgaben. und mussten statt weniger mehr arbeiten Schließlich hatten sie Räume angemietet, die für sieben Ärzte, nicht nur für drei gedacht waren. Der Zufall bescherte ihnen Unterstützung: Wolfgang von Meißner, einst Facharzt im Klinikum Stuttgart, spazierte an der Regiopraxis vorbei. Ihm, dem mehrfachen Vater und Ehemann einer Ärztin, die gerade in Freudenstadt am Krankenhaus eine neue Stelle angefangen hatte, kam das Ärztehaus zupass. Mittlerweile ist er der vierte Partner. Einer der angestellten Ärzte ist sein Bruder Paul Blickle (37). Der Arzt in Weiterbildung will im Frühjahr als Partner einsteigen. Die Vorteile der Regiopraxis liegen für ihn auf der Hand: „Man arbeitet hier im Team, nicht als Einzelkämpfer“, sagt er. Das biete die Chance, Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten miteinander zu besprechen und von erfahrenen Kollegen zu lernen. Jeden Morgen trifft sich das Team und redet über das, was sie an diesem Tag erwartet. Außerdem „kann man hier auch mal krank sein als Arzt“, ohne schlechtes Gewissen, weil man die Patienten trotzdem gut versorgt wisse. Im Frühjahr will er selbst Partner werden, Blickle will nicht mehr weg. Er lebe und arbeite jetzt, „wo andere Urlaub machen“.

Ab April gibt es eine zweite Kooperative

Für Paul Blickle ist es ein schleichender Einstieg ins Praxisleben, für Ernst Klumpp ein schleichender Ausstieg. In zwei Jahren möchte er in Rente – und bis dahin etwas weniger arbeiten müssen. Wolfgang von Meißner verabschiedet sich schon zum 1. April. Ihn zieht es weiter ins Murgtal hinauf, in den Ortsteil Klosterreichenbach. Dort gibt es eine Versorgungslücke, weil die letzte Hausärztin aufgehört hat. Wolfgang von Meißner geht nicht alleine, er gründet mit einem Allgemeinmediziner aus dem Hauptort und einem anderen Arzt eine neue Gemeinschaftspraxis, die die Volksbank gerade in ihrer alten Filiale einrichtet.

Sie tun sich in einem Medizinischen Versorgungszentrum unter dem Dach des Mediverbundes, einem Medi-MVZ, zusammen. Die drei Ärzte arbeiten dort in einem Angestelltenverhältnis. Die Gemeinde übernimmt eine Mietausfallbürgschaft, der Mediverbund finanziert den Umbau. Das erste Medi-MVZ hat seine Praxistüren Anfang diesen Jahres in Aalen eröffnet, die Baiersbronner sind die zweiten. Die ärztliche Versorgung für die weitläufige Gemeinde sei damit auf Jahre hinaus gesichert, erzählt der Bürgermeister zufrieden.

Andernorts hat die Idee nicht funktioniert

Die Regiopraxis in Baiersbronn „hat sich toll entwickelt“, sagt Kai Sonntag, Sprecher der KVBW. Auch anderen Praxen hätte die KVBW diese Förderung gewährt – so sie in Anspruch genommen worden wäre. Doch die Hoffnung, das Modell tauge auch andernorts, um dem fehlenden Ärztenachwuchs in ländlichen Regionen zu begegnen, erfüllte sich nicht. In Bad Schussenried unterstützte die KVBW eine zweite Regiopraxis. Die machte aber nach kurzer Zeit wieder zu.

Andernorts schmiedete man eifrig Pläne, in Lorch im Ostalbkreis etwa hätte die Stadt sogar Räume zur Verfügung gestellt. Zustande kam die Regiopraxis dort aber nicht: „Wir hatten natürlich andere Erwartungen an das Modell“, sagt Sonntag. „Aber Geld alleine reicht dafür nicht, das hat sich gezeigt.“ Dafür brauche es jemanden, der das Projekt vorantreibe – und die Bereitschaft, ins Risiko zu gehen. Immer weniger Ärzte wollten sich selbstständig machen.

„Als Einzelkämpfer kann ein Arzt nicht erfolgreich arbeiten“

„Als Einzelkämpfer kann ich mich inzwischen nicht mehr in der Qualität um die EDV, die Abrechnungen, die Steuer und um das Personal kümmern, dass ich wirtschaftlich erfolgreich bin“, sagt auch Gebhard Pfaff. Vor 30 Jahren habe es noch 30 Abrechnungsziffern gegeben, sagt der Allgemeinarzt aus Schramberg. Heute gebe es allein fürs Impfen 150 Positionen, nach denen abgerechnet würde. Der 50-Jährige hat deshalb mit vier Kollegen ebenfalls vor fünf Jahren auf eigene Faust eine „überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft“ gegründet – mit gemeinsamer Kasse, gemeinsamer Abrechnung, gemeinsamem Personal, aber an fünf Standorten.

Sie haben nicht von der KVBW-Förderung profitiert, weil ihr Gebiet gesperrt ist: Nominell sind dort genug Ärzte vorhanden. Die vier Gesellschafter haben dennoch inzwischen fünf Ärzte angestellt. Das hat nicht nur organisatorische Vorteile. Donnerstags hat Pfaff frei. Dann kümmert er sich um seine Kinder – und übt Posaune.