Fornsbach am östlichen Rand des Rems-Murr-Kreises kommt reichlich idyllisch daher. Grüne Wiesen, spielende Kinder auf den Straßen, ein sanft vor sich hin plätschernder Bach. Doch trotz aller Dorfromantik hat auch dieser Ort, der zu Murrhardt gehört, mit strukturellen Veränderungen zu kämpfen. Der Supermarkt musste schließen, die Bankfiliale ebenfalls. Zumindest eine Hausarztpraxis gibt es noch, und diese konnte ihr Angebot in den vergangenen Jahren sogar ausbauen und verbessern. Das war jedoch nur mithilfe eines Förderprogramms der EU möglich.
Behindertengerecht und größer
Der Mediziner Stephan Schönfeld hat die Praxis im Jahr 2019 von seinen Eltern übernommen, davor leitete sie sein Großvater. Um den modernen Anforderungen an die medizinische Versorgung gerecht zu werden, mussten die Räumlichkeiten umgebaut werden. „Uns war es wichtig, dass die Praxis behindertengerecht ist“, betont der Arzt.
Außerdem war das Ziel, durch eine größere Praxis den Workflow zu verbessern. Anders als früher werden in der Hausarztpraxis heute beispielsweise Infektpatienten getrennt von den Patienten behandelt, die nur ein neues Rezept wollen.
Hohes Niveau dank Förderung
Um diese Veränderungen finanziell stemmen zu können, bewarb Stephan Schönfeld sich um eine Förderung durch das EU-Programm Leader. Dabei handelt es sich um ein europaweites Programm, das die Regionalentwicklung stärken soll. Bewerben konnte sich Stephan Schönfeld, weil der Schwäbische Wald eine der 20 Leader-Aktionsgruppen in Baden-Württemberg ist.
Für sein Projekt hat Schönfeld rund 110 000 Euro erhalten. „Die Praxis auch ohne Förderung weiterzubetreiben, wäre möglich gewesen, aber nicht auf diesem Niveau“, sagt er. Dass das Behandlungsangebot verbessert wurde, kommt nicht nur den etwa 1200 Einwohnern der Ortschaft Fornsbach zugute. „Wir haben ein sehr großes Einzugsgebiet, das sowohl den Ostalbkreis als auch Schwäbisch Hall miteinbezieht.“ Umso wichtiger sei ein solides ärztliches Versorgungsangebot, betont der 41-Jährige.
Schönfelds Praxis ist die Einzige in Fornsbach. In vielen Orten ähnlicher Größe gibt es überhaupt keinen Hausarzt mehr. Laut dem Arzt liegt das mitunter daran, dass es nicht viele Ärzte gebe, die an einem so abgelegenen Ort eine eigene Praxis eröffnen wollen.
Viel Lob, außer für die Bürokratie
„Die meisten medizinischen Fachkräfte in der Umgebung sind entweder hier geboren oder wegen des Partners hergezogen“, sagt der Praxisleiter über den Mangel an ärztlichen Führungskräften. Sein eigenes Team besteht aus vier Ärzten sowie elf medizinischen Fachangestellten und Auszubildenden. Stephan Schönfeld betont, wie hilfreich alle Mitarbeitenden der örtlichen Leader-Geschäftsstelle gewesen seien. „Mein einziger Kritikpunkt an der Förderung ist die Bürokratie, die damit einhergeht.“ Die Unterlagen für Stephan Schönfelds Projekt füllen gut zwei DIN-A-4-Ordner.
„Der Förderprozess ist ein gewisser Aufwand“, sagt auch Johannes Ernst, der Geschäftsführer der Regionalentwicklung Schwäbischer Wald. Dieser werde aber durch die Mitarbeitenden des Teams, welche die Bewerber bei der Antragstellung unterstützen, gut aufgefangen.
Klarer Gewinn für die Region
Von der Fördermöglichkeit erfahren hat Stephan Schönfeld von einem Kollegen und der Stadt Murrhardt. Eines der wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Bewerbung ist, dass das Projekt den Bürgern im ländlichen Raum zugutekommt. Bei der Hausarztpraxis Schönfeld stellte das kein Hindernis dar. Schließlich können durch die Sanierung beispielsweise nun auch Patienten im Rollstuhl ohne Probleme in die Praxis kommen.
Um die Finanzierung zu erhalten, mussten jedoch einige Richtlinien eingehalten werden. Da das Leader-Programm durch Steuereinnahmen finanziert wird, gibt es diverse Schutzmaßnahmen, die sicherstellen sollen, dass das Geld der Bürger sinnvoll eingesetzt wird.
Um zu vermeiden, dass beim Umbau zu hohe Preise gezahlt werden könnten, musste Stephan Schönfeld drei unabhängige Vergleichskostenvoranschläge einholen. Das günstigste Angebot musste daraufhin akzeptiert werden. Erst nach Abschluss der Renovierungsarbeiten und einer Kontrolle der getanen Arbeiten bekam die Hausarztpraxis die Fördersumme überwiesen. Stephan Schönfeld finanzierte die Baumaßnahmen mit einem Kredit vor.
„So ein Projekt hilft, die Qualität für die Patienten zu erhöhen“, betont der Praxisinhaber. Außerdem sei es schön, dass die EU dadurch lokal erfahrbar sei. Und so tragen beide dazu bei, dass Fornsbach nicht nur eine kleine Oase der Idylle ist, sondern seinen Bürgerinnen und Bürgern auch weiterhin einen hohen Lebensstandard bieten kann.
Das Leader-Förderprogramm der EU
Entstehung
Das Förderprogramm besteht bereits seit dem Ende der 1990er Jahre. Es wurde ins Leben gerufen, um europaweit den Bürgerinnen und Bürgern im ländlichen Raum die Möglichkeit zu geben, ihre Region aktiv mitzugestalten.
Eignung Um eine Förderung bewerben können sich nicht nur Vereine und Kommunen, sondern auch kleine Firmen mit bis zu 50 Mitarbeitenden und sowie Privatpersonen.
Ansatz Ziel des Programms ist es, dass Menschen sich vor Ort engagieren und mitwirken können. Dafür wird ein Bottom-up-Ansatz verfolgt. Das bedeutet auch, dass Vertreter der Bürger vor Ort mitentscheiden, welche Projekte gefördert werden sollen.
Aktionsgebiete Damit Projekte gefördert werden können, müssen die jeweiligen Regionen als Aktionsgebiete anerkannt werden.
Hiervon gibt es in Baden-Württemberg aktuell 20.