InterviewMedizinische Versorgung „Wenn kein Hausarzt nachfolgt, wird es knapp“

Von Felix Heck 

Rainer Graneis, der Vorsitzender der Kreisärzteschaft Esslingen, erklärt, was sich verändern müsste, damit Hausbesuche bei seinen Kollegen auf eine höhere Akzeptanz stoßen.

Der Experte sagt: Die Honorierung spiele eine wichtige Rolle, hier könne man ansetzen. Foto: dpa/Maurizio Gambarini
Der Experte sagt: Die Honorierung spiele eine wichtige Rolle, hier könne man ansetzen. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Filder/Esslingen - Kaum einer kennt die medizinische Versorgungslage im Landkreis Esslingen so gut wie Rainer Graneis. Im Gespräch erklärt der Vorsitzende der Kreisärzteschaft Esslingen, warum Hausbesuche auf wenig Gegenliebe bei seinen Kollegen stoßen.

Herr Graneis, wie ist es um die ärztliche Versorgung der Filder bestellt?

Wir sind ein gut versorgter Bereich, das gilt für Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt genauso wie für Ostfildern oder Neuhausen. Die Pandemie stellt uns zwar vor große Herausforderungen, an sich können wir aber sehr zufrieden sein.

Gilt das auch für Hausbesuche? Gerade diese Sonderleistung scheint ja nicht bei jedem Arzt beliebt zu sein.

Hausbesuche bringen natürlich immer eine aufwendige Prozedur mit sich, zum hausärztlichen Bereich gehören sie aber einfach dazu. In unserem Kreis dürfte es kein Problem sein, an einen Hausbesuch zu kommen, wenn eine akute Erkrankung vorliegt. Anders sieht es bei den Routineuntersuchungen von chronisch Kranken aus: Da könnte ich mir vorstellen, dass auch auf den Fildern die Intervalle zukünftig größer werden.

Warum?

Weil die Arbeit einfach zunimmt. Als vergangenes Jahr ein Kollege verstarb, der eine etwas größere Praxis hatte, haben wir keinen Nachfolger gefunden. Die Patienten mussten wir schließlich auf die Ärzte in der Umgebung verteilen, was natürlich mehr Arbeit für jeden einzelnen Mediziner bedeutet. Umso wichtiger ist es, dass sich medizinische Fachangestellte mittlerweile speziell fortbilden können. Sie können dann viele Hausbesuche übernehmen, wenn es zum Beispiel um Blutabnahmen oder Wundversorgungen geht.

Was könnte das Ansehen von Hausbesuchen aufpolieren?

Das eigentliche Problem ist die Honorierung: Bei einem normalen Hausbesuch müssen viele Ärzte bis heute draufzahlen. Das zu verändern, wäre sicherlich ein Weg, um die Akzeptanz für Hausbesuche zu verbessern.

Wird der Bedarf an Hausbesuchen auf der Filderebene steigen?

Ich bin seit über 30 Jahren niedergelassener Arzt und habe die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte gut verfolgen können: Zunächst war der Bedarf an Hausbesuchen groß, hat dann aber über die Jahre nachgelassen. Dadurch, dass sich die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus mittlerweile immer weiter verkürzt, steigt die Nachfrage wieder. Hausärzte übernehmen dann oft Nachsorge und Kontrolle.

Ab wann wird es auf den Fildern dann knapp?

Wenn weitere Praxen keine Nachfolger finden. In den nächsten fünf Jahren erreicht eine erhebliche Anzahl an Kollegen die Altersgrenze. Wenn denen keiner nachfolgt, wird es auch bei den Hausbesuchen knapp.

Und wie wird hier gegengesteuert?

Wichtig sind gute Rahmenbedingungen, heißt eine adäquate Bezahlung und eine kostendeckende Finanzierung der Hausbesuche. Hilfreich wäre es außerdem, wenn es noch einfacher wird für niedergelassene Ärzte, selbst weitere Mediziner anzustellen. So ließe sich künftig flexibel auf eine steigende Nachfrage reagieren.




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