Medizinprodukt von Stuttgarter Start-Up Das Frühchen spürt die Mutter auch im Brutkasten

Von  

Ein Stuttgarter Start-Up hat ein Produkt entwickelt, das eine Verbindung zwischen einem Frühchen im Brutkasten mit seiner Mutter herstellt. Kliniken in mehreren Ländern haben „Babybe“ bereits im Einsatz.

Das Baby spürt über das Gelkissen den Herzschlag von Mutter oder Vater. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Baby spürt über das Gelkissen den Herzschlag von Mutter oder Vater. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Sanft hebt und senkt sich das blaue Gelkissen im Inkubator, dazu ist ein Herzschlag zu spüren, mit Stethoskop im Ohr ist er auch zu hören. Würde ein Baby auf dem Kissen liegen, würde es die Atembewegung und den Herzschlag mit dem ganzen Körper wahrnehmen: Ba-Damm, Ba-Damm, Ba-Damm. Eine ganze Weile geht das so, bis Camilo Anabalon ein Gerät in Schildkrötenform von seiner Brust nimmt, die von dort seine Lungenbewegung und seine Herztöne in Echtzeit übermittelt hat.

„Babybe“ haben Camilo Anabalon und sein Geschäftspartner, der Entwickler Raphael Lang, ihr Medizinprodukt und auch ihre 2013 gegründete Start-Up-Firma mit Sitz in Stuttgart genannt. Die Idee hinter dem Produkt: die Verbindung zwischen Frühchen und Mutter oder Vater auch dann nicht abreißen zu lassen, wenn der Säugling im Inkubator, also im Brutkasten, liegen muss. Die Schildkröte wiegt ungefähr eineinhalb Kilogramm und kann die Signale der Mutter bis zu einer Entfernung von 30 Metern senden – das Empfangsgerät hängt außen am Inkubator, mithilfe von Luft wird die Matratze bewegt.

Auch Botschaften der Eltern können übertragen werden

Das Babybe soll zu ähnlich positiven Effekten wie die sogenannte Kängurumethode führen. Bei dieser hat das Frühchen Körperkontakt mit der Mutter und atmet dadurch nachweislich ruhiger und hat weniger Stress. Doch die Kängurumethode ist nur zeitlich begrenzt möglich. Beim Babybe sei es auch möglich, die aufgezeichneten Daten in Dauerschleife abspielen zu lassen, wenn man zum Beispiel die Station verlassen muss, so Lang. Eine App ermöglicht zudem, Musik oder Stimmaufnahmen der Eltern über die Gelmatratze abzuspielen – ohne dass sich der Geräuschpegel auf der Station ändert. Mit einem Stethoskop könnte man die Übertragung hören. „Klar, die Mutter können wir nicht ersetzen, aber wir können vieles replizieren: wie Körpertemperatur, Herzschlag, die Stimme, die Atmung“, erklärt Camilo Anabalon (35), Gründer und geschäftsführender Chief Executive Officer der GmbH.

Das Wort Start-Up passt bei dem Unternehmen nicht wirklich. Schließlich sind die drei Babybe-Macher schon wahnsinnig weit – dritter im Bunde ist seit drei Jahren Maximilian Blendinger, der fürs Tagesgeschäft zuständig ist. Sie haben die nötigen Geldgeber akquiriert, Hürden, wie die Zertifizierung genommen, eine Pilotstudie wurde auch schon absolviert, nun soll im Oktober eine groß angelegte internationale medizinische Studie mit 200 Säuglingen aus mehr als 15 Krankenhäusern starten, damit anschließend die Energie in den Verkauf gesteckt werden kann.

Das Team des Olgahospitals hat sich mit seinen Ideen eingebracht

„Es ist bewundernswert, wie konsequent sie das angehen“, lobt der Chefarzt der Neonatologie, der Neugeborenen-Intensivstation des Stuttgarter Olgahospitals, Matthias Vochem. Er kann sich noch gut an die Anfänge erinnern, als Camilo Anabalon vor rund sechs Jahren ins Olgäle kam und seine Idee anhand eines Modells präsentierte. „Wir waren begeistert“, sagt er. Sein Team speiste eigene Ideen ein, zum Beispiel zum Material, und stieß über all die Jahre immer auf offene Ohren.

„Das Feedback der Krankenschwestern und Ärzte war total wichtig, das hat sehr geholfen sie haben von Anfang an das Potenzial gesehen, dass man damit ihren Patienten helfen kann“, sagt Raphael Lang, der Anabalon beim gemeinsamen Masterstudium an der Akademie für Bildende Künste kennengelernt hatte. Auch die Rückmeldung der Eltern sei „unglaublich“, sie hätten das Gefühl, wirklich etwas tun zu können. Für Camilo Anabalon besonders berührend: eine der Mütter ist eine enge Freundin von ihm aus Chile, deren Baby in der 27. Woche auf die Welt kam und der er ein Babybe besorgte.

Pilotstudie hat ergeben, dass die Babys sich besser entwickelt haben

In mehreren Krankenhäusern ist das Produkt bereits im Einsatz: in Deutschland unter anderem in Mannheim, Frankfurt und Leipzig, außerdem in Chile, Holland und Italien. Auch Häuser in Österreich, der Schweiz, Großbritannien und der Türkei zeigten sich interessiert, so Anabalon. Die Pilotstudie in Chile habe ergeben, dass sich die Babys durch das Produkt besser entwickelt haben, dass sie schneller zugenommen haben und ihr Stresspegel gesunken ist. Auch Chefarzt Vochem nimmt an, dass das Produkt für seine Patienten Vorteile bringt. „Sollte die Atmung dadurch stabiler werden, wäre das fantastisch“, sagt er. An der Babybe-Studie nimmt sein Haus nur deshalb nicht teil, weil es bereits bei anderen Studien engagiert ist. „Ich gehe davon aus, dass wir Geräte anschaffen werden“, sagt er. Vor einer Entscheidung müssten die Studienergebnisse abgewartet werden. Die Veröffentlichung soll im nächsten Sommer sein.




Unsere Empfehlung für Sie