2400 Arbeitsplätze im Technologiepark
Inzwischen aber droht die Universitätsstadt Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. „Wir haben inzwischen ein Platzproblem“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Curevac braucht keineswegs mehr nur noch Laborräume, sondern hat nun eine Produktionshalle aus dem Boden gestampft. Insgesamt wurden an der Oberen Viehweide bisher 1000 Arbeitsplätze geschaffen. Im Reutlinger Teil des Technologieparks gibt es inzwischen zwar 1400 Arbeitsplätze – die bekannteren Unternehmen aber sitzen am Neckar. Die Technologieförderung Reutlingen Tübingen mietet Gebäude an und bietet Gründern günstige Mietpreise.
„Wir weisen interessante Firmen nicht ab, aber wir werben auch nicht offensiv um Ansiedlungen“, berichtet der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Natürlich tragen die großen etablierten Unternehmen wie Paul Horn, Walter AG oder Erbe Elektromedizin und andere bisher sicherlich noch weit mehr als die Neugründungen zur Gewerbesteuer bei.
Gewerbesteuer steigt stark
Diese ist nach den Angaben des Statistischen Landesamtes in den vergangenen zehn Jahren von 25 Millionen Euro auf fast 50 Millionen Euro gestiegen. „Bei allen wichtigen wirtschaftlichen Kennziffern hat sich Tübingen überdurchschnittlich gemacht“, sagt Wirtschaftsförderer Thorsten Flink. Dies unterstreicht auch die Zahl von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Seit 2009 ist diese auf 48 000 gestiegen, ein Plus von 29 Prozent. Im Landesdurchschnitt gab es dagegen nur einen Zuwachs von 22 Prozent. Mit zusammen rund 17 000 Beschäftigten an Universität und Klinikum ist die Wissenschaft zwar der weitaus größte Arbeitgeber. Doch in Tübingen hat, im Gegensatz zum Landestrend, auch die Zahl der Mitarbeiter im produzierenden Gewerbe zugenommen.
OB Boris Palmer blickt nach oben
Die etablierten Unternehmen sind bis heute das Rückgrat der Wirtschaft. Doch die Ausgründungen seien „die Zukunft unserer Wirtschaft“, sagt Palmer. So werde Curevac wahrscheinlich schnell „in Richtung tausend Beschäftigte gehen“. Der Oberbürgermeister hat auch gleich einen schönen Slogan parat: „Die Strategie der Stadt Tübingen ist es, aus Wissenschaft Wirtschaftskraft zu machen.“ Bisher musste die Stadt nach Worten des Rathauschefs zwar „noch kein interessantes Unternehmen abweisen“. Doch jetzt dürfte es eng werden. Palmer blickt denn auch gerne nach oben: Statt ebenerdiger Parkplätze schweben ihm Parkhäuser vor, Gebäude mit fünf Etagen könnten durch „Holzhäuser mit zehn Stockwerken“ ersetzt werden. „Überdimensionierte Straßen“ wie der von eher wenigen Autos befahrene Nordostring könnten eventuell schmaler gemacht werden. „An den Rändern könnte man dann Büros bauen“. Klar ist für Palmer auf jedenfalls eines: Für Firmen, die Topleute beschäftigen wollen, sind die kleineren Gemeinden in der Umgebung keine Alternative: „Die Spitzenforscher gehen nach Tübingen oder nach Boston, nicht in die Pampa“, so der OB.
Reutlingen hätte noch Platz
„Sie gehen nach Tübingen, Reutlingen oder Boston“, ergänzt der Reutlinger Wirtschaftsförderer Peter Wilke – was als Hinweis auf die Ausgliederungen aus dem Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) der Uni Tübingen zu verstehen ist, das in Reutlingen seinen Sitz hat. Und darauf, dass es in Reutlingen noch Platz gibt. In Tübingen ist Platz für weitere Firmen nicht nur wegen der Ansiedlungen der vergangenen Jahre Mangelware. Der umweltbewusste Rathauschef will auch keine neuen Gewerbeflächen auf Kosten der Natur: „Wir schaffen keine Industriegelände im Außenbereich“, lautet seine Devise.
Auch neue Firmen im Stadtzentrum
Nicht alle neuen Unternehmen indes haben sich auf der Oberen Viehweide angesiedelt. So hat etwa der 2015 mit fünf Mitarbeitern gegründete Medikamentenhersteller Atriva seinen Standort in der Innenstadt. „Der Anlass für die Ausgründung aus der Universität waren Erkenntnisse von zwei Kollegen und mir“, sagt der Mitgründer Professor Oliver Planz. Patente aus der eigenen Forschung waren an eine Firma verkauft worden, die diese nicht brauchte und zurückgab. „Also gründeten wir eine eigene Firma“, berichtet Planz über die Entstehung von Atriva. Inzwischen gibt es auch Geld von Investoren, 30 Millionen Euro sollen in klinische Studien an Patienten gesteckt werden, die in Krankenhäusern wegen Corona behandelt werden. „Unser Medikament soll die Patienten davor bewahren, dass sie auf die Intensivstation müssen“, sagt Planz. Inzwischen hat Atriva 26 Mitarbeiter, Forschungsverträge gibt es mit der Universität Tübingen, aber auch mit Unis in den USA und Firmen. Eine zweite Phase der klinischen Studien, etwa mit Patienten aus der Berliner Charité, soll Ende Januar kommen. „Durch Impfungen können Menschen vor Covid-19 geschützt werden, mit unserem Medikament können bereits Erkrankte behandelt werden“, sagt Planz.
Von früheren Tübinger Informatikstudenten gegründet
Auch die 1998 von dem früheren Tübinger Informatikstudenten Sebastian Schreiber noch in der Studienzeit gegründet Syss GmbH sitzt unten in der Stadt – seit 2017 in einem eigenen Gebäude, in das 15 Millionen Euro gesteckt wurden. Mit seinen 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern berät das Unternehmen andere Firmen dabei, wie sie ihre IT-Systeme vor Hackern schützen können. Damit wurde 2019 ein Umsatz von 13 Millionen Euro eingefahren.
Auch High Finesse, ein bereits 2000 gegründetes Unternehmen hat sein Domizil in der Stadt. Der Umsatz mit Geräten für hochpräzise Laser für die Weltraumforschung „reicht für 25 Mitarbeiter“, sagt Gründer und Firmenchef Thomas Fischer. Ganz in der Nähe sitzt eine Ausgründung aus dem Tübinger Max-Planck-Institut: Den Namen gibt es schon etwas länger, das eigentliche Gründungsjahr aber ist für Geschäftsführer Johannes Stelzer 2019. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz, etwa um Maschinen Aufträge zu geben. Die vier Mitarbeiter wollen den nicht näher genannten Umsatz in diesem Jahr verdoppeln.
Weitere Start-ups für Biomedizin in den Startlöchern
Eine Rückkehr nach Tübingen gibt es bei Cabuu, einem Unternehmen, das eine App zum Lernen von Vokabeln entwickelt hat. Das 2017 von Christian Ebert gegründete Unternehmen mit inzwischen neun Beschäftigten hat seine Zelte in der Wohnung von Ebert in Wernau aufgeschlagen. „Man kann Vokabeln besser lernen, wenn der Lernende dabei eine gestische Bewegung auf dem Touchscreen macht und etwa einen kleinen Roboter steuert“, meint Ebert. Demnächst soll Cabuu wieder nach Tübingen zurückkehren – in die Wohnung des Programmierers. „Die vor 20 Jahren gegründeten Unternehmen waren sehr erfolgreich“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer, „und in 20 Jahren wird man sehen, dass auch die jetzt noch neuen erfolgreich sind“.
„Für den Technologiepark gibt es ebenfalls weitere Interessenten: Start-ups aus dem Bereich Biomedizin und dem Zukunftsthema personalisierte Medizin stehen schon mit Raumanfragen in den Startlöchern und wollen sich dort ansiedeln“, sagt Christine Decker, Projektleiterin bei der Technologieförderung Reutlingen Tübingen.