Medizintourismus Die Welt zu Gast bei Ärzten

Anas  aus Kairo wird nach der OP von Chefarzt Gregor Ostrowski untersucht. Ammar Fayyad (ganz links) dolmetscht bei Sprachproblemen und hat geholfen, den Aufenthalt in Karlsbad-Langensteinbach zu organisieren. Foto:  
Anas aus Kairo wird nach der OP von Chefarzt Gregor Ostrowski untersucht. Ammar Fayyad (ganz links) dolmetscht bei Sprachproblemen und hat geholfen, den Aufenthalt in Karlsbad-Langensteinbach zu organisieren. Foto:  

Immer mehr Patienten kommen aus dem Ausland nach Baden-Württemberg, um sich in Krankenhäusern behandeln zu lassen. Wie wirkt sich dieses Zusatzgeschäft auf den Klinikalltag aus?

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Karlsbad - Anas D. liegt leicht benommen im Krankenhausbett. Er ist erst vor Kurzem aus dem OP-Saal geschoben worden, hat noch das Flügelhemd an. Aber als ihn Chefarzt Gregor Ostrowski auffordert aufzustehen, tut er das brav. Kurz schwankt der 33-Jährige, dann steht er kerzengerade vor dem Chirurg, der ihn zufrieden anblickt. „Sie sind größer geworden“, sagt Gregor Ostrowski und lacht in die Runde. Anas D.s Verwandte – seine Mutter, Onkel und Tante – lachen erleichtert mit, und sogar der müde Patient verzieht kurz den Mund zu einem Lächeln.

Seit vier Jahren leidet der Ägypter aus Kairo am Morbus Bechterew, einer entzündlich-rheumatischen Krankheit, die vor allem die Wirbelsäule schädigt. Bevor er die Reise ins Klinikum Karlsbad-Langensteinbach antrat, konnte er kaum noch den Kopf drehen. Seine Haltung war gekrümmt, die Arbeit in einem Telekommunikationsunternehmen fiel ihm immer schwerer. Ostrowski und sein Team haben in einer zweistündigen OP Anas D.s Halswirbelsäule stabilisiert, einen der Wirbelkörper versteift. „Ein Routineeingriff“, sagt der Arzt.

Ein Routineeingriff für den Spezialisten, aber einer, der in Anas D.s Heimatland unmöglich war. „Die Ärzte in Kairo haben uns geraten, nach Deutschland zu gehen“, erzählt sein Onkel. Die Wirbelsäulenchirurgie im Schwarzwald kannte die Familie schon: Eine Verwandte hatte sich hier vor zwei Jahren operieren lassen.

Viele Patienten aus dem Ausland fänden über Mund-zu-Mund-Propaganda den Weg ins Klinikum, sagt Corinna Rumpf vom International Office des Hauses. Rumpf – kinnlange schwarze Haare, interessierter Blick, warmes Lächeln – ist die erste Anlaufstelle für internationale Anfragen. Die meisten Röntgenbilder und Krankheitsgeschichten, die sie erreichen, zeigen Wirbelsäulenleiden: Frakturen, Bandscheibenvorfälle und Verkrümmungen, Querschnittslähmungen.

Bis zu 20 Anfragen am Tag

Das Klinikum, das zum SRH-Gesundheitskonzern gehört, ist für seine Wirbelsäulenchirurgie bekannt. Schon im Eingangsbereich steht ein überdimensionales, blau beleuchtetes Modell des menschlichen Rückgrats wie ein Ausrufezeichen. Verknüpft ist der Ruf des Zentrums vor allem mit dem Namen Jürgen Harms. Der Chirurg hat hier ab den 80er Jahren mit seinem Team neue Operationstechniken und Implantate entwickelt und weltweit anerkannte Behandlungsrichtlinien für Krankheiten wie Skoliose, die Verformung der Wirbelsäule, gesetzt.

Kontinuierlich findet Corinna Rumpf E-Mails aus fernen Ländern in ihrem Eingang. Bis zu 20 pro Tag können es manchmal sein. Aus den Staaten der Europäischen Union, aber auch aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, zunehmend aus dem Nahen und Mittleren Osten: aus Ägypten, Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien. Werbung machten sie eigentlich keine, sagt Corinna Rumpf. Unter russischen Wirbelsäulenpatienten habe es sich zum Beispiel herumgesprochen, dass es im Schwarzwald mit Chefarzt Gregor Ostrowski einen Experten gibt, der ihre Sprache spricht. Der Großteil der Anfragen komme von Privatleuten, darunter schon mal ein Scheich oder Oligarch. Aber man arbeite auch mit Botschaften zusammen, die Patienten schickten. Manche der behandlungsbedürftigen Gäste bleiben ein paar Tage, andere Wochen, einige wenige erleben hier tatsächlich mehrere Weihnachten.

Die Klinik inmitten sanfter Hügel ist nur ein Ziel des sogenannten Medizintourismus, der in Baden-Württemberg – wie in ganz Deutschland – zunimmt. Einer der wenigen, die sich damit wissenschaftlich befassen, ist Jens Juszczak vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Die aktuellsten Zahlen, die Juszczak hat, stammen aus dem Jahr 2014. Danach wurden mehr als 40 000 Ausländer ambulant oder stationär in Baden-Württemberger Akutkrankenhäusern behandelt (deutschlandweit: 251 000), ein Zuwachs um 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen haben mehr Ausländer medizinische Hilfe gesucht.

Die meisten Patienten kommen aus dem europäischen Ausland

Zentren im Land sind Freiburg, Baden-Baden, Heidelberg, Mannheim und Stuttgart. Die meisten Patienten kommen laut dem Forscher aus Nachbarländern wie Frankreich (16,2 Prozent) und der Schweiz (12 Prozent). Wachsende Märkte sind aber auch Russland (8,3 Prozent) und arabische Staaten wie Saudi-Arabien (6,9), Kuwait (3,9) und Libyen (2,2).

Für den Klinikalltag hat das Folgen. Die Küche in Karlsbad-Langensteinbach hat sich auf muslimische Patienten eingestellt, die kein Schweinefleisch essen, ein Patientenzimmer wurde zum Gebetsraum umfunktioniert. Das Personal hat außerdem Fortbildungen gemacht, in denen es zum Beispiel um das Verständnis von Gesundheit und Krankheit in anderen Kulturen ging. Wer wollte, konnte in eine Vollverschleierung schlüpfen, um zu erleben, wie sich das anfühlt. Aus der Ein-Frau-Abteilung von Corinna Rumpf ist so nach und nach ein kleines International Office mit zeitweise bis zu vier Mitarbeitern geworden.

Einer von ihnen ist Ammar Fayyad. Sein Büro liegt zwischen dem Klinikfriseur und der katholischer Seelsorge, außen verrät ein arabisches Türschild seine Funktion, innen weist ein Pfeilaufkleber Richtung Mekka, wenn einer der muslimischen Besucher beten möchte. Der gebürtige Jordanier betreut für das Krankenhaus Patienten aus dem Nahen und Mittleren Osten, Patienten wie derzeit Anas D.

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