Medizinversorgung in Leonberg Gerupfte Notfallpraxis: Alles nicht so schlimm?

Der Weg zur Leonberger Notfallpraxis ist nicht mehr an allen Tagen offen. Foto: Simon Granville

Die Kassenärztliche Vereinigung will die Bereitschaftszeiten in Leonberg drastisch reduzieren, sieht aber die Patientenversorgung nicht gefährdet. Es gebe ja auch Telefon und Internet.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Wer im Raum Leonberg sich künftig am Wochenende oder am Abend unwohl fühlt, ein Gebrechen hat oder dringend ein Rezept braucht, dürfte ein Problem bekommen. Denn die Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxis im Leonberger Krankenhaus, nicht zu verwechseln mit der zentralen Notaufnahme, sollen von Juli an kräftig eingedampft werden.

 

Das ist keine Entscheidung des Klinikverbundes Südwest als Krankenhausbetreiber, sondern der Kassenärztlichen Vereinigung. Die organisiert die Notfallpraxen im Land und hat in der jüngsten Vergangenheit vor allem durch Schließungen negativ von sich reden gemacht. Ende November wurde die Notfallpraxis in Herrenberg dicht gemacht, zuvor gingen schon bei den Einrichtungen in Schorndorf und Backnang endgültig die Lichter aus.

Um 19 Uhr ist abends Schluss

In Göppingen wurden „nur“ die Öffnungszeiten reduziert, Ähnliches widerfuhr unlängst dem kinderärztlichen Bereitschaftsdienst in Böblingen. Die Folgen waren gleichwohl überall ähnlich: In den ohnehin zumeist überlasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser herrschte deutlich mehr Andrang.

Viele Hausärzte werden immer älter und hören irgendwann auf. Foto: imago images / photothek

Ein Phänomen, das die Kassenärztliche Vereinigung weitaus weniger dramatisch einstuft. Und deshalb auch keine chaotischen Zustände erwartet, wenn die Leonberger Notfallpraxis deutlich weniger geöffnet ist. „Die Praxis bleibt ja bestehen“, sagt Kai Sonntag, der Sprecher Kassenärztlichen Vereinigung auf Anfrage unserer Zeitung. Man habe sich jetzt aber auf die Tage mit der größten Nachfrage konzentriert. Und das seien Mittwoch, Freitag sowie die Wochenenden und die Feiertage. Montags, dienstags und donnerstags soll die Bereitschaftseinrichtung künftig komplett geschlossen sein. An den anderen Tagen wird der Service nur noch bis 19 Uhr statt wie bisher 20 Uhr angeboten.

Ganze Praxen zu schließen sei mittlerweile nicht mehr vorgesehen. Doch eine medizinische Besetzung der Dienste sei nach Angaben des Sprechers immer schwieriger. Das liegt auch an der Struktur der Bereitschaftspraxen. Dort sind niedergelassene Ärzte mit eigenen Praxen im Einsatz. Sie sind dazu gesetzlich verpflichtet, vielen Mediziner nehmen das gut dotierte Zubrot auch gerne wahr. Lediglich angestellte Ärzte, sei es in Praxen oder Kliniken, können nicht zum Dienst in den Bereitsschaftstationen gezwungen werden.

„Viele Hausärzte werden immer älter und hören irgendwann auf“, sagt Kai Sonntag. „Deshalb haben wir Probleme, die Regelversorgung aufrechtzuhalten.“ Und jüngeren angestellten Ärzte wäre oft die Freizeit wichtiger als die Möglichkeit eines Zusatzverdienstes.

Gibt es in Leonberg zu wenig Ärzte?

Nachteile für die Patienten erwartet der Sprecher der Ärztevereinigung durch die reduzierten Zeiten in Leonberg nicht. Über die Servicenummer 116 117 seine eine telefonische Beratung immer möglich. Über die Webseite docdirect.de sei zudem eine Telediagnose rund um die Uhr gewährleistet, bei der Beschwerden analysiert und weitere Schritte in die Wege geleitet würden. Sonntag kann nachvollziehen, dass viele Patienten sich eine direkte Betreuung wünschen. Aber: „Wir müssen mit der Arzt-Ressource schonend umgehen.“

Telemedizin oder Telefonberatung sind indes für die Kommunalpolitiker kein wirklicher Ersatz. „Für viele ältere Menschen, für Familien mit kleinen Kindern oder für akute Fälle bleibt die persönliche ärztliche Präsenz vor Ort unverzichtbar“, meint Roland Bernhard, Landrat des Kreis Böblingen und Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbundes. „Die Bereitschaftspraxis ist ein wichtiger Baustein der Daseinsvorsorge. Ihre massive Schwächung stößt bei uns auf völliges Unverständnis“, kritisiert der Leonberger Oberbürgermeister Tobias Degode.

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