Meersburger dürfen nicht mehr zu Umzügen Der Schnabelgiere feiert daheim

Von Michael Zimmermann 

Weil sie nicht von der „unhistorischen“ Figurengruppe der Burghexen lassen wollten, sind die Meersburger 2012 aus dem Narrenverband ausgeschlossen worden.

Diese storchen Foto: Zimmermann
Diese storchen Foto: Zimmermann

Meersburg - Am 6. Januar, dem Dreikönigstag, stauben die Narren im Südwesten ihre Masken ab – die Hochzeit der Fasnacht beginnt. In Meersburg am Bodensee ist dieses Jahr aber vieles anders. Die Schnabelgiere-Zunft feiert für sich und nimmt nicht an Umzügen auswärtiger Zünfte teil. Weil man sich nicht von der Figur der Burghexe trennen wollte, wurden die Meersburger im vergangenen Sommer aus der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) ausgeschlossen. Das war der erste solche Fall. Die Begründung war der fortgesetzte Verstoß der Meersburger gegen die Satzung der 1924 gegründeten VSAN.

Die namengebende Figur der Meersburger ist der storchenähnliche „Schnabelgiere“, dazu kamen im Lauf der Zeit neue Narrenfiguren im Stil des beliebten und von der VSAN nach Kräften beförderten Pseudobarock. 1995 hatte die Zunft aber auch Hexenfiguren Unterschlupf gewährt. Das war ein Fehler. Denn der Verband, der schon die Farbe Blau als unnärrisch verbieten wollte, Guggenmusiken bekämpfte und die mehr oder minder verbindliche Regel aufstellte, dass „ein echter Narr“ nur Bad Dürkheimer Sprudel trinke, hatte da längst zur Hexenjagd geblasen. Da die Meersburger Narrenzunft ihre „Burghexen“ nicht als eigenständigen Verein ausgliedern mochte noch sie nach den Vorstellungen der VSAN in „knorrige alte Burgweiber“ mit neuer Maske umgestalten wollte, steht sie seit dem 13. Juli 2012 draußen vor der Tür. Juristisch einklagen wollte man sich nicht.

Spät, aber konsequent ist aus Sicht der Verbandsfunktionäre der Schnitt gewesen. Schließlich hatte die von Professoren der Empirischen Kulturwissenschaften, Europäischen Ethnologie und Volkskunde beratene Vereinigung bereits 1988 angesichts der inflationsartigen Ausbreitung von Hexenbeschlossen, neue Gruppen innerhalb der VSAN nicht zu dulden.

Seit 1995 haben die Meersburger auch noch die Burghexen

Trotzdem schufen die Meersburger 1995 nach Rücksprache mit dem Präsidium ihre Burghexen, sie hatten dabei zwei Auflagen: Erstens sei das Kostüm von Jürgen Hohl zu gestalten, dem Neuerer der schwäbisch-alemannischen Fasnet in festgefrorenen Formen. Hohl ist Mitglied des Kulturellen Beirats des VSAN. Zweitens dürften – wie in vergleichbaren Fällen – die Hexen von der Meersburg weder als Mitglied der VSAN gelten noch an deren Narrentreffen teilnehmen. Auf diese Vereinbarung pocht die Zunft, die sich auf das Wort des damaligen VSAN-Präsidenten Horst Bäckert vom 21. August 1995 beruft.

Ein ganzes Jahrzehnt ging ­ohne Auseinandersetzungen ins Land – bis die Meersburger ­Narren ihre Hexen doch zu Treffen mitnahmen. Im nach­hinein entschuldigten sie sich zwar für diese „Ausflüge“. Doch da schwelte der Konflikt schon, der Ende 2010 aufloderte. Im März 2011 mahnte die VSAN die Meersburger erstmals ab, ohne Erfolg. Deshalb votierte 2011 das von den Vorständen der damals noch 69 Mitgliedszünften beauftragte VSAN Präsidium für den Ausschluss der „Schnabelgiere“ samt ihrer ungeliebten Hexen.

Der Aufstieg der Fasnachtshexe kam mit den Nazis

Die Geschichte der Fasnachtshexe ist interessant. Zwar gab es Vorläuferfiguren wie das „Alte Weib“ als Teufelsgespielin in Fasnachtsspiel und Schembartlauf, auch eine alte Vettel als Pendant zum sogenannten Wuascht, einer mit Stroh ausgestopften Narrenfigur, der Verkörperung des schmutzigen Greises. Doch dieser alten Sinnbezüge ledig, kehrte die Hexe in heutiger Gestalt erst am Ende der Weimarer Republik zurück.

In Offenburg gestaltete 1933 Karl Vollmer eine Altweiber-Larve aus Stramingaze zur hölzernen Hexenmaske um. Zum Vorzeigestück für angebliches Volksbrauchtum in den germanischen Stämmen erhob sie dann der NS-Kulturbetrieb, der sie als sichtbaren Beweis für „die Urkraft der Volksseele“ pries.

Zeitgleich mit Offenburg hatte sich 1932 in Schwenningen Paul Goetze an die Neugestaltung des „Hudile“, einer in Lumpen gehüllten Hexengestalt gemacht, die nach dem Krieg als „Mooshexe“ auftrat, jedoch erst 1974 ihre heutige Gestalt gewann. Der Kulturelle Beirat der VSAN fand nur verhaltene Freude daran: Nur drei ihrer Gattung sollten es werden, Hexen minderen Rechts sozusagen. Trotzdem bildeten sich gleich vier neue Hexengruppen in der Stadt. Der Grund: das Gewand ist billiger und gewährt mehr Spielraum. Das für sein Hexenrennen berühmte Hüfingen setzte sich Anfang der 80er Jahre noch gegen das VSAN-Präsidium durch.

Wer den „Schnabelgiere“ sehen will, muss an den See fahren

Dass jetzt mit dem Ausschluss der Meersburger auch der „Schnabelgiere“ aus dem Kreis der Traditionsnarren verbannt wird, gibt der Komödie ihre tragische Note. Denn die sonderbare, heute weiß gewandete, früher womöglich dunkelgekleidete Vogelgestalt mit ihrem riesigen beweglichen Schnabel, spielte in der Fasnacht früh eine Rolle – als Schauspiel von Todsünden, Trieben, Tieren, Teufel und Tod.

Wer in Zukunft diesen seltenen Vogel, dessen Herkunft der Zunftmeister Peter Schmidt bei der Vorbereitung eines Buchs auf der Spur ist, in voller Aktion erleben will, muss an den Bodensee reisen. Wie ein Storch stolziert er beim Umzug am schmotzigen Donnerstag und am Fasnachtsmontag durch Straßen und Gassen der Altstadt; vor dem Bauch trägt er einen geflochtenen Korb, gefüllt mit allen guten Gaben dieser Welt. „Schnabel – Schnabel – Giere!“ ruft rhythmisch die Kinderschar im Rückwärtsgehen und wird dafür belohnt.

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