Für einen vierstelligen Betrag einmal den Atlantik überfliegen, um für drei Stunden die Lieblingssängerin zu sehen – was wie ein Spleen von Superreichen klingt, ist der neue normale Wahnsinn: Tour Tourism oder Gig-Tripping nennt sich der Reisetrend, der vor allem bei Groß-Konzerten von Stars wie Taylor Swift, Adele oder Coldplay vorkommt. Knete und Kohlendioxid werden rausgeballert – ein Limit scheint es nicht zu geben. Der Grund: Der Mensch braucht das.
Natürlich ist es absurd, dass es für Fans aus den USA günstiger ist auf ein Swift-Konzert in Europa zu gehen, inklusive Flug und Hotelkosten. Ein Ticket für Swifts Auftritt im November in Indianapolis kostet im Minimum 2000 Dollar (1850 Euro) , auf dem amerikanischen Wiederverkaufsmarkt sogar bis zu 8000 Dollar. In Deutschland waren Tickets für 100 bis 800 Euro zu haben. Außerdem ist der Wiederverkaufsmarkt stärker reguliert. Es ist grotesk , dass eine Weltreise zu einem Konzert günstiger ist als ein Konzert vor der Haustür. Laut Nachrichtenagentur AP sollen 20 Prozent der Tickets für die Konzerte in Paris an US-Swifties gegangen sein – allein 30 000 Besucher, die Swift in Paris per Flugzeug besuchten. Aus ökologischer Sicht ein Albtraum.
Für Fans ein Traum: Ganze Flugzeugladungen von Daydreamern (so nennen sich Adele-Fans) werden in diesen Tagen auch in München landen, wo die britische Popsängerin ab diesem Freitag ihre zehn einzigen Europa-Konzerte geben wird. Adele hasst nach eigener Aussage das Reisen und will eigentlich nicht mehr auf Tour gehen, schon gar nicht wie Swift ihre Show mit 70 Lastwagen durch die Weltgeschichte karren. Geld verdienen möchte sie aber schon. Also baut sie auf der Münchner Messe eine eigene Arena auf. Die „Adele-World“. Dort können ihr – neben den 74 000 Zuschauern in der Arena – weitere 14 000 Menschen vor der größten Bildschirmleinwand der Welt zusehen. Drumherum gibt es Riesenrad, Markt und einen Pub mit Adeles Lieblingsdrinks. Alles Wahnsinn, alles gigantisch.
Abtauchen in Adeles Welt
In diesen Wahnsinn abzutauchen, ist die Rettung. Denn es ist nicht so, dass sich die Fans keine Sorgen um die Welt machen. Es sind diese Sorgen, die die Welt der Mega-Konzerte so anziehend macht: Pandemie, Kriege, Klima-Angst – gefühlt geht die Welt unter, aber in der Welt von Adele, Taylor Swift und Coldplay ist diese noch ertragbar. Es glitzert und ist friedlich, alle singen und keiner schubst. Ein Konzert ist nun mehr als nur Musik: Fans identifizieren sich mit ihrem Idol, bezeichnen sich als Swifties oder Daydreamer. Es sind historische Veranstaltungen der Superlative, deren Zeugen die Fans sein wollen – und diese selbst dazu machen. Deshalb kletterten 40 000 Swifties auf den Münchner Olympiaberg, um der im Stadion singenden US-Sängerin zu lauschen. Zusammen sind die Fans Teil von etwas Größerem, die trotz der schieren Anzahl an Individuen synchron fühlen.
Zehntausenden stehen gleichzeitig die Tränen in den Augen; als würden sich die Herzen verbinden. Eine Verbindung, die auch danach noch bestehen bleiben soll. Deshalb basteln Swifties ein Jahr lang Freundschaftsarmbänder, um diese beim Konzert mit anderen Fans zu tauschen.
Videos der Konzerte verbreiten sich im Netz zwar innerhalb von Sekunden, Swifts Dreieinhalb-Stunden-Show gibt es längst als Film zum Streamen. Es geht aber um das Dabeisein. Denn solche Konzertereignisse sind Erlebnisse, die kein Bildschirm, egal wie groß er sein mag, reproduzieren kann. In einer Menge von 74 000 Menschen gemeinsam zu singen und den Moment zu erleben, das berührt. Es ist gut, dass es diese Momente gibt. Sorgen kann man sich dann wieder auf dem Rückweg machen.