Mehr als 100 Millionen Euro für einen Anbau Warum beim Theaterhaus die Baukosten explodieren
Der Anbau des Theaterhauses und das Haus für Film und Medien in der City werden viel teurer als geplant. Ballettintendant Eric Gauthier hofft auf OB Nopper.
Der Anbau des Theaterhauses und das Haus für Film und Medien in der City werden viel teurer als geplant. Ballettintendant Eric Gauthier hofft auf OB Nopper.
Stuttgart - Steigende Baupreise, langwierige Planungen sowie die Forderung, klimaneutral zu bauen, lassen die Kosten für geplante Kulturprojekte explodieren. Beim Theaterhausanbau haben sich die Preise längst verdoppelt, das Haus für Film und Medien ist auf dem Weg dahin. Die gute Nachricht: Die Stadt hat dafür Rücklagen.
Wie ist die Situation des Theaterhauses?
Das Haus ist auf die Säle in dem 2015 vom Gemeinderat beschlossenen Anbau auf dem benachbarten Parkplatz und die Tiefgarage angewiesen. Im Sommer 2020 gab es einen Architektenwettbewerb, 2027 soll Einweihung sein. Die Zeit drängt, denn der Mietvertrag mit dem Eigentümer Dibag für die Räume in der Löwentorstraße läuft Ende 2024 aus. Darin befindet sich die Probebühne des Ballettensembles von Eric Gauthier, dort üben die Schauspieler, außerdem werden laut Geschäftsführer Werner Schretzmeier auf 1800 Quadratmetern Kulissen gelagert. Werner Schretzmeier zählt die Tanzkompanie neben dem Niederlands Dans Theater zu den weltbesten, sieht sie als bedeutenden Botschafter für Land und Stadt. Eric Gauthier hofft, über den Kündigungstermin hinaus die Probebühne nützen zu dürfen. Er sei „prinzipiell guten Mutes“, hätten ihm doch OB Frank Nopper und Kulturbürgermeister Fabian Mayer (beide CDU) vor zwei Wochen „fest versprochen, sich der Sache anzunehmen und sich für eine Vertragsverlängerung starkzumachen“. Darauf vertraue er und setze „als Optimist auf ein Happy End“. Eine andere Lösung für die Raumprobleme habe er nicht. Eine Stellungnahme von Dibag-Chef Alfons Doblinger war bis Redaktionsschluss nicht zu erhalten.
Wie sieht es finanziell aus?
Beim Beschluss 2015 belief sich die „vorläufige grobe Kostenannahme auf 39,83 Millionen Euro. Im Technikausschuss Mitte 2020 war die Rede von 49 Millionen Euro. Wegen des Beschlusses, klimaneutral zu bauen, kamen fünf Millionen Euro obendrauf. Inzwischen sind die Kosten laut Schretzmeier auf 101 Millionen Euro explodiert. Er spricht von einer „dramatischen Situation“. Gegenüber Nopper habe er die Probleme angesprochen, dazu zähle auch die Parkplatzsituation. Für den Anbau seien nur 55 Stellplätze vorgesehen, mit 320 habe man kalkuliert. Er verweist auf eine Vereinbarung mit der Stadt, die 120 kostenfreie Plätze vorsehe.
Wie bewertet die Stadt die Probleme?
Die Erweiterung, die auch dazu diene, der freien Szene zu mehr Raum zu verhelfen, sei „für die Tanz- und Theatermetropole Stuttgart von großer Bedeutung“, so Stadtsprecher Sven Matis. Als Gründe für die lange Planungsphase heißt es: „Bevor eine Gebäudeplanung beginnen kann, müssen die Rahmenparameter klar sein. Die Ermittlung des Bedarfs braucht Vorlauf, nur so können die erforderlichen Räume aufgestellt werden.“ Es seien umfassende Fragen zum Baugrundstück, zum Planungsrecht und zur Verkehrs- und Logistikerschließung zu klären gewesen. Die Gebäudeplanung habe Anfang 2020 nach dem entschiedenen Architektenwettbewerb begonnen. Zur Stellplatzfrage hieß es, die Mobilität sei heute anders als 2015. Das Projekt orientiere sich am Stellplatzbedarf, wie ihn das Baurecht erfordere. Tiefgaragenstellplätze unterzubringen sei unter den beengten Platzverhältnissen im Baufeld „außerordentlich schwierig und aufwendig“. Es habe Änderungen, etwa beim Baufeld, den Schallimmissionswerten, der Tiefgaragenzufahrt, den Technikflächen und der neuen Energierichtlinie gegeben. In den nächsten Wochen gebe es ein Gespräch mit Ratsfraktionen und Theaterhausverantwortlichen. Im zweiten Quartal entscheide der Gemeinderat über das weitere Vorgehen. Architekten und Ingenieure würden stufenweise beauftragt. Die Planung sei finanziert. Im Frühjahr 2023 könnten konkrete Angebote bei den Baufirmen eingeholt werden.
Wie geht es dem Theaterhaus aktuell?
Werner Schretzmeier sagt, die aktuellen Besucherzahlen reichten nicht aus für ein sich fast komplett selbst finanzierendes Haus. Man brauche mindestens 300 000 Besucher, um das bisherige Angebot aufrechtzuerhalten. Finanziell hält sich das Haus dank staatlicher Hilfen, Unterstützung der Stadt und des Deutschen Bühnenvereins über Wasser. Die Höhe des erwarteten, nicht unerheblichen Defizits in diesem Jahr hänge davon ab, ob Förderprogramme tatsächlich auslaufen.
Was kostet das Haus für Film und Medien?
Der Gemeinderat hat im März 2020 den Weg bereitet für Planung und Bau eines Hauses für Film und Medien. Den Beschluss sieht die Stadt als Ergebnis einer zehnjährigen gemeinschaftlichen Arbeit von Kulturverwaltung und dem Verein Haus für Film und Medien Stuttgart, vormals Kommunales Kino e. V. Darin sind 24 nicht kommerzielle Stuttgarter und regionale Institutionen zusammengefasst. Ende 2026 soll das Haus auf dem Gelände der Breuninger-Garage gebaut sein. Es soll auch städtebauliche Chancen für die Neugestaltung der Quartierskante zwischen Bohnenviertel und Hauptstätter Straße bieten. Derzeit entwickelt der Verein ein Betreiberkonzept. Der Gemeinderat hat bei den Etatberatungen für Personal- und Sachmittel für dieses Jahr 329 000 Euro genehmigt, für 2023 sind es 395 000 Euro, für die drei Folgejahre dann je 359 000 Euro. Am 28. Januar beginnen die Beratungen in den Ausschüssen über den Vorprojektbeschluss, am 2. Februar tagt das Preisgericht des Architektenwettbewerbs. Die Gesamtkosten belaufen sich laut der Ratsvorlage für die Etatberatungen derzeit noch auf 47 Millionen Euro. Tatsächlich wusste die Verwaltung bei der Verabschiedung des Haushalts Ende Dezember, dass die Schätzung längst überholt war. Offiziell heißt es, „nach aktuellem Stand der Planungen“ lägen die Kosten „etwa zehn Prozent“ über der ersten Grobschätzung. Hinzu kämen Baupreissteigerungen, „die nicht im Einfluss der Landeshauptstadt stehen“, bezahlt werden müssen sie gleichwohl. „Wie üblich bei Bauprojekten nähert sich die Schätzung der Kosten mit zunehmendem Zeit- und Planungsfortschritt den tatsächlichen Gegebenheiten – so auch hier“, so die Verwaltung. „Einzelheiten, wie etwa die Kostenaufschlüsselung, werden Teil dieses Vorprojektbeschlusses sein.“ Intern rechnet man damit, dass das Filmhaus – Stand heute – um mindestens 25 Prozent teurer wird als 2020 geschätzt, konkret also mit etwa 60 Millionen Euro veranschlagt werden muss. Weitere fünf Millionen Euro dürfte es kosten, das Gelände baufertig zu machen. Und unberücksichtigt ist gegenwärtig der viele Millionen Euro umfassende Aufwand für die Einrichtung und den späteren Betrieb.