Die Landflucht im Südwesten ist zwar gestoppt, doch gerade die jungen Menschen ziehen oft noch weg. Ein Förderprogramm kämpft dagegen an.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Peter Hauk, der CDU-Agrarminister des Landes Baden-Württemberg, stammt selbst aus der tiefsten Provinz – er ist im Neckar-Odenwald-Kreis geboren und hat dort in Mosbach bis heute seinen Lebensmittelpunkt. 128 Einwohner pro Quadratkilometer verzeichnet das Statistische Landesamt für diesen Landstrich, so wenige wie kaum irgendwo im Südwesten. Im Landkreis Ludwigsburg oder Esslingen sind es mehr als sechs Mal so viele.

Man nimmt dem Minister deshalb ab, wenn er sich für den ländlichen Raum einsetzt, zumal seine Wählerinnen und Wähler dieses Engagement wie selbstverständlich erwarten. Für dieses Jahr schüttet das Ministerium nun 108,2 Millionen Euro im Rahmen des „Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum“ aus, so viel wie noch nie. Diese Förderung, sagte Peter Hauk bei der Präsentation, habe mit dazu beigetragen, dass es mittlerweile „einen richtigen Run auf den ländlichen Raum“ gebe. Und er setzte noch einen drauf: Das Land werde auch so lange in den Breitbandausbau investieren, bis das letzte Gehöft angeschlossen sei.

Viele leben und arbeiten gerne auf dem Land

Doch stimmt dieser Lobgesang auf den ländlichen Raum? Ja und Nein. Die sogenannte Ireus II-Studie der Universität Stuttgart hat vor zwei Jahren festgestellt, dass die ländlichen Gebiete attraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen bieten – der Bevölkerungsrückgang konnte überall gestoppt werden konnte, die Wirtschaft hat sich positiv entwickelt. Allerdings: Der Zuwachs an Einwohnern erfolgte vor allem durch Zuzug aus dem Ausland, etwa durch Flüchtende, während jüngere Menschen aus den Dörfern eher abwandern. Und wer durch die Ortschaften fährt, sieht, wie viele Gaststätten geschlossen sind und merkt, dass man oft kaum noch irgendwo eine Brezel kaufen kann.

Diesem Trend will das seit 1995 existierende Förderprogramm des Ministeriums zumindest entgegenwirken. Die Hälfte der Zuschüsse, 55 Millionen Euro, geht 2022 in den Schwerpunkt Wohnen im Zentrum, wo oft alte Häuser leer stehen und niemand sich an eine Renovierung wagt. Es wird nun der Bau von 1800 Wohnungen unterstützt. In den letzten fünf Jahren seien sogar rund 10 000 Wohnungen entstanden, betonte Peter Hauk: „Das ist ein wichtiger Beitrag, um weniger Flächen im Außenbereich zu verbrauchen und um die Ortskerne zu stärken.“

Wer mit Holz baut, erhält einen höheren Zuschuss

Weitere Schwerpunkte sind das Arbeiten und die Grundversorgung. In Gerchsheim zum Beispiel, einem Teilort von Großrinderfeld im Main-Tauber-Kreis, wird das alte Rathaus zu einem Gemeinschaftshaus samt Bücherei umgebaut. Auch Arztpraxen, Dorfläden oder Gaststätten werden gefördert. Insgesamt kommen in diesem Jahr 510 Gemeinden mit insgesamt 1782 Projekten zum Zuge. Da der Klimaschutz immer wichtiger wird, gibt es einen Zuschlag von fünf Prozent, wenn bei einem Um- oder Neubau vor allem Holz verwendet wird. Insgesamt löse die Fördersumme einen fast zehn Mal höheren Investitionsbetrag aus, nämlich 972 Millionen Euro, verkündete Minister Hauk.

Vor einem Jahr war das Programm übrigens überprüft worden, ob es noch zeitgemäß ist und ob die Mittel in die richtigen Themenfelder fließen. Es sei effektiv, lautet das Fazit im Bericht – Investitionshürden vor Ort würden dadurch oft überwunden.

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