Deutliche Kritik an der Transparenz
„Wir empfehlen Anlegern, nicht in diese Produkte zu investieren“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Gefahr eines Totalausfalls sei im Verhältnis zu den Anlagechancen viel zu hoch. Anders als an der Börse hätten die Kleininvestoren zudem weniger Möglichkeiten, sich ein Meinungsbild über das Risiko ihrer Geldanlage zu verschaffen, sagt Nauhauser.
Zinsbaustein informiere die Kleininvestoren auf der Plattform über einen möglichen Totalausfall, aber nur, weil sie dazu gesetzlich verpflichtet seien, sagt der Verbraucherschützer. Er findet, dass die Risiken nicht transparent sichtbar gemacht werden. Viel mehr werde mit Schlagwörtern wie „Erfolgsquote“, „Qualitätsstandards“ und „Risikomanagement“ eine Sicherheit suggeriert, die es so nicht gebe.
Ähnlich sieht das Marc Tüngler, er ist Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Bei Zinsen von acht Prozent, dazu noch in der Baubranche mit den aktuellen Problemen – da sollten bei den Anlegern alle Alarmglocken angehen.“
Steffen Sebastian, Inhaber des Lehrstuhls für Immobilienfinanzierung an der Universität Regensburg, geht sogar noch weiter. „Die Anleihen, die dort vertrieben werden, haben etwas von Roulettespielen.“ Die Investments seien das riskanteste vom Riskantestem, warnt Sebastian. Doch viele Anleger würden sich von den Erfolgsaussichten und dem modernen Marketing blenden lassen. „Die Menschen erkennen das Risiko nicht.“
Bauträger in der Pflicht, Anleger zu schützen?
Steffen Sebastian sieht dabei nicht nur Plattformen wie Zinsbaustein, sondern auch Bauträger wie Paulus in der Pflicht. Mit Blick auf den fehlenden Schutz von Privatanlegern sollten Bauträger Verantwortung übernehmen und auf diesem Weg der Kapitalbeschaffung verzichten.
Erwin Paulus findet diese Kritik nicht gerechtfertigt. Er habe nur in Erfolgszeiten und für erfolgversprechende Projekte Geld auf Zinsbaustein gesammelt. „Aus unternehmerischer Sicht ist das nicht verwerflich.“ Dass sich das Anlage-Risiko während des vergangenen Jahres so steigert, habe man nicht vorhersehen können.
Doch was macht Zinsbaustein eigentlich genau? Bei Crowdfinanzierungsanbietern wie Zinsbaustein können Kleinanleger in Neubauprojekte oder Bestandsimmobilien investieren. Die Anbieter geben das Geld als Darlehen an die Bauträger weiter und kassieren dafür Provision. Die Bauträger finanzieren mit diesem einen Teil ihre Bauprojekte. Im Normalfall bekommen die Anleger das Geld nach wenigen Jahren mit Zinsen zurück. Bei Schwierigkeiten wie einer Insolvenz des Bauträgers, sind die Anleger jedoch kaum geschützt. Sie stehen in letzter Reihe der Gläubiger.
„Wir bieten den Anlegern die Möglichkeit, an dem Erfolg eines Bauprojektes teilzuhaben“, erklärt der Zinsbaustein-Geschäftsführer Markus Kreuter das Modell. „Das beinhaltet aber auch das Risiko, an einem Misserfolg teilzuhaben.“ Die Paulus-Pleite habe gezeigt, dass es nicht immer optimal laufe. Vor allem im Vergleich zu den Mitbewerbern sei die Erfolgsquote bei Zinsbaustein aber gut.
Ausreichend Information über Gefahren
Insgesamt haben Kleinanleger seit 2016 auf der Plattform 188 Millionen Euro investiert, 111 Millionen Euro wurden zurückgezahlt – mit 12,4 Millionen Euro Zinsen. Bis zu diesem Jahr sei jedes Projekt auf Zinsbaustein erfolgreich beendet worden, jeder Anleger habe sein Geld plus Zinsen zurückbekommen, sagt Kreuter. Neben den Paulus-Projekten stehen derzeit noch zwei weitere der insgesamt 40 laufenden Investment-Projekte bei Zinsbaustein auf wackligen Beine. „So einem Sturm in einer Branche können wir auch nicht ganz entkommen.“
Vor den Gefahren des Totalausfalls werde auf der Plattform an zahlreichen Stellen gewarnt, bevor ein Anleger sein Geld investiert, sagt Markus Kreuter. Klar gebe es auch einen werblichen Teil auf der Plattform, der stünden jedoch viele Informationen und Warnungen gegenüber. An einem gewissen Punkt müsse man sich dann auch darauf verlassen, dass die Anleger mündig seien und sich ein Bild über die Chancen und Gefahren gemacht hätten.
Zudem kümmere man sich um die Anleger. Beispielsweise sei Kreuter eine Woche nach dem Bekanntwerden der Insolvenz nach Pleidelsheim gefahren, um mit Erwin Paulus zu sprechen. Während Kreuter noch Hoffnung hat, dass seine Anleger wenigstens einen Teil ihres Investments zurückbekommen, haben Beobachter wenig Hoffnung, dass das Geld zu retten ist.
So viel Geld fließt im Geschäft
Milliarde fließt
Laut einem Artikel der Wirtschaftswoche schätzen Marktexperten, dass Crowdinvestments in Immobilien immer noch ein Nischenprodukt sind. Dennoch soll in Deutschland seit 2015 über eine Milliarde Euro über Anbieter wie „Zinsbaustein“ investiert worden seien. Etwa die Hälfte wurde zurückgezahlt, die andere Hälfte steht aus.
Investments weiter beliebt
Die Nachfrage ist trotz der Baukrise und häufigeren Störungen immer noch hoch. Laut Bundesverband Crowdfunding werden im Jahr 2023 voraussichtlich weitere 300 Millionen Euro als Crowdinvestments in Immobilien angelegt