Mehr als 20 Jahre nach dem Fund von „Little Foot“ Uraltes Mädchen gibt noch immer Rätsel auf

Von Johannes Dieterich 

Vor 20 Jahren wurde Little Foot entdeckt. Doch die Erkenntnisse über den Vormenschen sind dünn – und umstritten.

Das Australopithecus-Mädchen  Little Foot  war gerade mal 1,35 Meter groß. Es lebte wohl vor 3,67 Millionen Jahren  und konnte schon aufrecht gehen. Foto: AP
Das Australopithecus-Mädchen Little Foot war gerade mal 1,35 Meter groß. Es lebte wohl vor 3,67 Millionen Jahren und konnte schon aufrecht gehen. Foto: AP

Johannesburg - Eine Begegnung, die man nie wieder vergisst. In einer gut 40 Kilometer nordöstlich von Johannesburg gelegenen Höhle öffnet Ron Clarke eine Tür zur Silberberg Grotto, die Besuchern sonst verschlossen bleibt: Denn am Ende des rund 50 Quadratmeter großen und drei Meter hohen Höhlenraums liegt einer der sagenhaftesten Schätze der Welt. Im fahlen Licht der Kopflampe zeichnet sich auf dem Felsboden ein menschenähnliches Skelett ab: Ein Teil des Schädels ragt aus dem dunkelgrauen Gestein, der Kiefer mit Zähnen, die Rippen, das Becken. „Eines der ältesten und besterhaltenen Exemplare aus unserer Ahnengalerie“, flüstert Clarke. Mehr als dreieinhalb Millionen Jahre lang hat das Australopithecus-Mädchen Little Foot hier auf seine Entdeckung gewartet.

„Es war, wie eine Pastete aus Beton zu befreien“

Diese erste Begegnung mit dem kleinfüßigen Mädchen fand vor gut 20 Jahren statt: Heute präsentiert sich Little Food aus dem Fels befreit im Tresorraum der Witwatersrand-Universität erstmals der Öffentlichkeit. Nicht weniger als 20 Jahre lang war Clarke, Professor des Instituts für Evolutionsstudien der Johannesburger Universität, mit zwei Helfern damit beschäftigt, das zierliche Wesen aus dem Gestein zu schälen: Mit Lupen und luftdruckgetriebenen Mini-Bohrern trugen sie einen Felskristall nach dem anderen ab. „Es war, wie eine Pastete aus Beton zu befreien“, sagt Clarke bei der feierlichen Vorstellung des uralten Mädchens: Eine falsche Bewegung, und die versteinerten Knochen Little Foots drohen zu Sand zu zerbröseln.

Gewöhnlich spreche man vom Glück des Entdeckers, sagt Robert Blumenschine von der Wissenschaftsstiftung Past, die Little Foots Befreiung finanzierte: In diesem Fall müsse man allerdings vom Glück der Gefundenen sprechen. Dass das versteinerte Mädchen mit Ron Clarke einem der „besten Ausgräber der Welt“ in die Hände gefallen sei. Schon wie Clarke überhaupt auf Little Food stieß, war eine einzige Glücksgeschichte: Er hatte in einer mit „Affenknochen“ beschrifteten Box in der Lagerhalle am Sterkfonteiner Ausgrabungsort ein paar Fußknöchelchen gefunden, die allerdings von einem aufrecht gehenden Wesen stammen mussten.

Erst wurde ein Fußknöchelchen gefunden – dann entdeckten die Forscher mehr

Clarke sandte seine Mitarbeiter Stephen Motsumi und Nkwane Molefe mit den Fußknöchelchen und der Hoffnung in die Silberberg Grotto, noch weitere Teile des fossilisierten Vormenschen zu finden: Tatsächlich stießen die beiden Helfer schon nach eineinhalb Tagen auf die aus dem Fels ragende Fortsetzung eines der Fußknöchelchen.

Nun wurde Clarke sogar von der Hoffnung ergriffen, dass sich ein gesamtes Skelett im Gestein befinden könnte – doch als sich die Ausgräber schließlich bis zu den Oberschenkelknochen vorgearbeitet hatten, verlor sich die Spur. Noch einmal konnte Little Foot von Glück reden, dass ihr Entdecker auf die Idee kam, es könne sich um eine spätere Verwerfung handeln: Tatsächlich stießen Clarke und seine Helfer einen halben Meter tiefer auf die Fortsetzung des Skeletts. Viele Monate später war schließlich klar, dass die filigranen Hauer den Fund des Jahrhunderts gemacht hatten: Little Food ist das mit Abstand best­erhaltende Exemplar eines Australopithecus – einer Gattung, die den Menschen mit den Affen verbindet. Little Foot ist wesentlich vollständiger als der bisherige Star am Ahnenfirmament: Lucy, die von den ­Beatles „in the Sky with Diamonds“ besungen wurde.

Das Mädchen war wohl 1,35 Meter groß und konnte aufrecht gehen

Auch 20 Jahre nach ihrer Entdeckung weiß man von Little Foot selbst bislang nicht viel, denn auch mit der wissenschaftlichen Beschreibung hat sich Clarke Zeit gelassen. Doch die ersten Studien sollen noch vor Ablauf der nächsten zwei Jahrzehnte erscheinen, verspricht der Forscher lächelnd. Bislang ist lediglich klar, dass das Mädchen gerade mal 1,35 Meter groß war: Es hatte, wie unter aufrecht gehenden Wesen üblich, kürzere Arme als Beine, ihr Becken war zum Aufrechtgehen bereits nach vorne geknickt. Vermutlich fiel das arme Mädchen damals durch einen Spalt in die Höhle: Jedenfalls sind seine Finger wie im Todeskrampf zu Fäusten geballt.

Zumindest wann sich das Drama ereignete, wollen Clarke und mehrere Datierungs-Experten bereits herausgefunden haben: vor 3,67 Millionen Jahren. Ihre Methode, das Alter Little Foots über den radioaktiven Zerfall von Stoffen in dem sie umgebenden Gestein zu messen, ist unter Fachleuten allerdings umstritten: „Wenn ich so vorgehen würde, wäre auch das Eichhörnchen, das ich kürzlich in meinem Garten begrub, mehrere Millionen Jahre alt“, meint der US-Paläoanthropologe Fred Grine: „Schließlich stammt der Sand dort von der letzten Eiszeit.“

Streit unter Paläoanthropologen weitet sich aus

Grines gehässige Replik macht deutlich, welcher Ton unter Paläoanthropologen herrscht – es gibt kaum einen Berufszweig, der seine Kontroversen bissiger austrägt. Das liege womöglich daran, dass sich so viele Wissenschaftler auf so wenig Funde stürzten müssen, ist der Johannesburger Paläoanthropologe Lee Berger überzeugt, der bei der Vorstellung Little Foots durch seine Abwesenheit auffiel. Den aus den USA stammenden Wissenschaftler verbindet eine tief sitzende Feindschaft mit ­Clarke: Berger verlängerte einst Clarkes Vertrag mit der Uni nicht, weil dieser „weder einen guten Ruf noch besondere Fähigkeiten“ habe. Von ihrem Stil her könnten die beiden Wissenschaftler nicht unterschiedlicher sein: Während sich Berger mit internationalen Teams umgibt und aus seinen Entdeckungen weltweit übertragene Events zu machen weiß, buddelt Clarke am liebsten ungestört vor sich hin. Dabei müsste der Neid das Verhältnis der beiden Paläoanthropologen eigentlich nicht mehr belasten. Denn auch Berger hat längst Knochen von Urmenschen gefunden: Und zwar, wie es sich für ihn gehört, gleich Tausende von ihnen.