Mehr als ein Hype Naturwein in Stuttgart: Tradition trifft Freiheit

Frederike und Daniel vom "Kleinen Gut" in Uhlbach. Foto: Trautmann

Rot, weiß oder orange? Nach Tokio, Berlin und New York erreicht der Naturwein-Hype auch Stuttgart. Doch die Region begegnet dem naturnahen Weinbau noch mit Skepsis. Was macht Naturwein besonders?

Naturwein ist nichts Neues. Es ist die ursprünglichste Art, Wein zu machen – eine Art, die nur Trauben und Zeit braucht. Seit ein paar Jahren erlebt der Naturwein aber eine Renaissance.

 

Während in Städten wie Stockholm, Tokio und New York Naturwein längst zum Lifestyle gehört und die New York Times darüber berichtet, ob der Natural-Wine-Trend ausstirbt, kommt der Hype seit einigen Jahren schleichend auch in Stuttgart an.

Umgeben von Weinbergen und einer jahrhundertealten Weinbautradition setzen immer mehr lokale Winzer:innen auf die natürliche Herstellung und unverfälschte, authentische Weine. Einer davon ist Daniel Kurrle, der 2020 zusammen mit seiner Partnerin Frederike Schmidt das Weingut „Kleines Gut“ in Uhlbach gründete.

Jede Flasche erzählt eine Geschichte: Was Naturwein anders macht

Auch „Low Intervention Wine“ genannt, steckt hinter dem Begriff Naturwein das Credo des minimalen Eingriffs in den Wein-Herstellungsprozess. Daniel beschreibt es als „eigentlich ganz handwerklich“, denn im Vergleich zu konventionellem Wein wird beim Naturwein nichts hinzugefügt. Die Idee dahinter: Den Wein so naturbelassen wie möglich zu halten – vom Anbau im Weinberg bis zur Gärung im Keller. Während bei konventionellem Weinbau oft Pestizide und Düngemittel zum Einsatz kommen, setzt der Naturweinbau auf natürliche Methoden. Damit macht sich die Rebe aber auch angreifbar – Nässe, Pilze, Trockenheit beeinflussen das Wachsen und damit auch die Lese.

Jeder Wein schmeckt deshalb ein bisschen anders, erzählt eine andere Geschichte, erzählt etwas vom Wetter und dem Boden, in dem er gewachsen ist.

Während bei konventionellem Wein über 50 verschiedene Zusatzstoffe erlaubt sind – von Farbverstärkern bis zu Konservierungsstoffen – um ein möglich gleichbleibendes Produkt zu erhalten, wird beim Naturwein auf diese Hilfsmittel verzichtet. Der Traubenmost gärt dank natürlicher Hefen, die sich in der Luft, der Traube oder im Fass befinden, anstatt mit zugesetzter Hefe, die den Prozess kontrolliert beschleunigt. Das Ergebnis ist ein Produkt, das „puristisch, klar und ungeschminkt“ ist, wie der gebürtige Uhlbacher erklärt.

Stuttgarts alternative Weinszene

Neben Winzer:innen wie Daniel und Frederike spielt auch die lokale Weinszene eine Rolle, wenn’s um die Verbreitung und Akzeptanz des Produkts geht. Der Stuttgarter Laden „Off Grid“ wurde 2020 von Daniel Fels und Philipp von Lintel gegründet und hat sich mittlerweile als erste Anlaufstelle für Naturwein in Stuttgart etabliert. Auch Daniel Fels spürt das wachsende Interesse: „Anfangs kamen die Leute gezielter zu uns“, erzählt Daniel Fels. „Heute ist das Interesse viel größer geworden.“

Auch die regelmäßigen Tastings bei „Off Grid“ laufen gut, doch trotz wachsendem Interesse ist Naturwein noch kein Massenphänomen in Stuttgart. Ein Großteil des Geschäfts läuft über die Berliner Gastronomie, die sehr viel offener für Neues sei. „In einer Weinstadt wie Stuttgart ist das Thema Wein ja schon fest besetzt“, sagt der Naturweinshop-Besitzer.

Nachhaltiger und gesünder?

Der Anbau von Naturwein ist umweltschonender als der konventionelle Weinbau: Da unter anderem durch den Verzicht auf Pestizide so wenig wie möglich in das Ökosystem eingegriffen und auch nicht mit Maschinen, sondern von Hand geerntet wird, bleibt das Ökosystem weitgehend ungestört. Gleichzeitig bedeutet das mehr Arbeit: „Das alles klingt jetzt romantisch, aber ist natürlich auch zäh wie die Sau“, meint der 30-jährige Winzer.

Die Natürlichkeit ist den Weinbergen vom „Kleinen Gut“ anzusehen. Sie sind wilder, freier. Ein paar letzte Trauben hängen noch an den Reben, zwischen ihnen wuchert wild das Gras.

Während konventioneller Wein im Radio läuft, schmeckt Naturwein für Daniel Kurrle nach Jazz oder Soul, wie er sagt. „Manchmal auch ein bisschen Rock’n’Roll, aber das kommt auf die Rebsorte an.“ Den eigenen Trollinger vergleicht der Jungwinzer mit Pink Floyd. Geschmacklich bewege er sich irgendwo zwischen Kombucha, Federweisser und Apfelsaft, doch festlegen ließe er sich nicht.

Kein Trend sondern eine Philosophie

„Schaffe schaffe Häusle baue“ - diesem urschwäbischen Motto entgegen agieren Frederike und Daniel mit Ruhe und Geduld bei ihrer Arbeit. Ein Ansatz, der vielleicht nicht bei allen für Begeisterung sorgt, aber durchaus einer, der vielleicht das streift, was Schwaben und Schwäbinnen im Herzen neben ihrem Fleiß eben auch sind: gemütlich.

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