Mehr Anfragen bei der Filderklinik Worunter Jüngere in der Pandemie leiden

Kinder brauchen Kinder, um sich gut zu entwickeln und, vor allem, um glücklich zu sein, sagt der Experte. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Seit dem Ausbruch der Pandemie sind die Anfragen in der Kinder- und Jugendpsychosomatik der Filderklinik um 50 Prozent gestiegen. Für den Kinderarzt Boris Schößler ist klar, was vielen in der Pandemie zusetzt.

Filder - Mehr als ein Jahr lang hat die Pandemie die Welt im Griff. Das setzt jedem irgendwie zu. Im besonderen Maß leiden aber Kinder und Jugendliche, sagt Boris Schößler. Der 54-jährige Mediziner leitet die Abteilung Kinder- und Jugendpsychosomatik in der Filderklinik in Bonlanden, und dort habe er es seit dem Ausbruch der Pandemie mit 50 Prozent mehr Anfragen zu tun. Die Symptomschwere sei in einem ähnlichen Maß gestiegen. Sprich: Die Probleme seien drängender und ausgeprägter.

 

Ein großes Thema: Essstörungen. „Mindestens zwei Drittel derer, die gerade da sind, sind Shutdowngeschädigte“, sagt er. Er sieht einen klaren zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Start der Pandemie und der Leiden. Was laut Boris Schößler ebenfalls zunimmt, sind Angst- und Zwangsstörungen – Waschzwänge, Schlafprobleme, Depressionen oder hypochondrische Tendenzen, also dass Symptome erlebt werden, etwa Räusperticks oder Schluckbeschwerden, ohne tatsächlich erkrankt zu sein.

In der Folge seien die Wartelisten länger. Auf eines der zehn Betten in der Jugend- und der sechs Betten in der Kinderpsychosomatik warteten Familien aktuell um die sechs Wochen. Was Boris Schößler betont: Die Abteilung übernimmt keine Notfallversorgung. Eine stationäre Aufnahme sei erst nach einem Vorgespräch im Praxiszentrum der Filderklinik möglich.

Das setzt den Kindern und Jugendlichen zu

Für den Kinderarzt, Kinder- und Jugendpsychiater und Anhänger der anthroposophischen Medizin ist klar, was vielen Jüngeren in der Pandemie zusetzt. „Im Prinzip sind die Kinder von denselben Gefühlen betroffen wie die Erwachsenen, können aber nicht so gut ausgleichen.“ Etliche Mädchen und Jungen sorgen sich demnach um ihre Gesundheit, erleben einen Kontroll- und Sicherheitsverlust. Gleichzeitig fehlt ihnen nach Ansicht des Experten eine Umgebung, in der sie sich geborgen und gesund fühlen – und damit meint er den Umgang mit Gleichaltrigen in Schule, Kita und Freizeit. Kinder reiften in der Interaktion mit anderen Kindern. Eltern könnten die Bedürfnisse nur bedingt befriedigen.

Er spricht von einer „täglichen Erkräftigung der Seele. Sie brauchen einen Raum, wo sie sich täglich neu erfinden können. Das ist ihnen genommen worden“. Schulen und Kitas im Sinne der Infektionsabwehr zu schließen, sei grundsätzlich legitim, aber „ich glaube, dass man das zu lang gemacht hat. Das ist etwas, was wir unterschätzt haben“. Wie wichtig der zwanglose Umgang mit Gleichaltrigen sei, sehe er etwa auf den Stationen. In der Gruppe verschwänden Symptome oft.

Viele Heranwachsenden wenden sich dem Computer zu

Mangels Alternativen wenden sich im Lockdown viele Heranwachsenden aber dem Computer zu. „Wir haben eine unheimlich starke Nachfrage im Medienbereich“, bestätigt Boris Schößler. Das Spielen und Kommunizieren am Handy sei auf Dauer jedoch weder stimmungsförderlich noch körperlich auslastend. Im Gegenteil. „Die Spielsucht zum Beispiel ist total hochgegangen“, sagt er, zudem habe das Gewicht der Kinder im Schnitt um zehn Prozent zugenommen. Eltern rät er, sich kleine, feste Gruppen zu suchen, in denen die Kinder sich treffen können – unter Einhaltung der Coronaregeln, möglicherweise auch nach vorheriger Testung. Jedenfalls dürfe man Kinder auf lange Sicht nicht isolieren. „Ich kenne eine ganze Menge Familien, die ihre Kinder zu Hause halten“, sagt der dreifache Vater.

Aber auch eine gute Kommunikation in der Familie ist offenbar entscheidend. Die kindliche Erlebniswelt sei überfordert, wenn ständig nur von einem unsichtbaren Keim gewarnt werde, sagt der Experte von der Filderklinik. „Kinder nehmen die Angstgefühle der Eltern auf, verarbeiten sie aber, wie Kinder das tun, zum Beispiel als körperliches Symptom.“

Weitere Themen