In der eigenen Praxis: Anne-Kathrin Lehmann-Hald Foto: Ferdinando Iannone
Der Trend geht zum angestellten Arzt. Anne-Kathrin Lehmann-Hald hat sich für die Selbstständigkeit entschieden. Nur so könne sie ihre Vorstellung vom Arztberuf verwirklichen.
Ein nagelneues Ultraschallgerät steht neben der Untersuchungsliege, auch die neuen Computer und Drucker sind startklar, ebenso das EKG-Gerät, die Bildschirme auf den Schreibtischen werben für „PegaMed – Das clevere Arztprogramm“. Auf dem Boden liegen noch ein paar IT-Kabel, im Gang lehnen Bilder an der Wand und warten darauf, dass sie aufgehängt werden. Morgen muss alles fertig sein. Dann beginnt im Berufsleben von Anne-Kathrin Lehmann-Hald ein neues Kapitel. Die Fachärztin für Innere Medizin und Palliativmedizin wird Patienten versorgen wie seit Jahren – zum ersten Mal aber in der eigenen Praxis.
40 Prozent der Hausärzte sind 60 Jahre und älter
Die Zahl der Hausarztpraxen geht zurück, eine Entwicklung, die sich noch beschleunigen wird. In Stuttgart sind gut 40 Prozent der heute aktiven Hausärzte 60 Jahre und älter, sie gehen in den nächsten Jahren in Ruhestand. Schon jetzt gibt es freie Hausarztsitze. Mediziner, die ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben, finden häufig keine Nachfolge. Ein großer Teil der Jungärzte arbeitet lieber im Krankenhaus. Viele Nachwuchsmediziner scheuen die Selbstständigkeit. Wenn sie in einer Praxis tätig sind, dann lieber als angestellte Ärzte, nicht selten in Teilzeit. Vor allem die wachsende Zahl von Frauen in der Ärzteschaft, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen.
Das war bei Anne-Kathrin Lehmann-Hald lange nicht anders. Die 44-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder, einen sechs Jahre alten Sohn und eine neunjährige Tochter. Etliche Jahre arbeitete sie in Kliniken, einige Zeit in der Schweiz, dann in Stuttgart im Robert-Bosch-Krankenhaus und im Marienhospital. In den zurückliegenden zehn Jahren war sie im Umland in verschiedenen Arztpraxen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) tätig, unterbrochen von der Geburt ihrer Kinder.
„Von allen Seiten hat man immer gesagt, angestellt zu arbeiten ist besser“, erzählt die Medizinerin. Nur wollte sich bei ihr in den niedergelassenen Arztpraxen die Arbeitszufriedenheit nicht richtig einstellen. Trotz Anstellungsverhältnis hat sie nicht auf die Uhr geschaut, „vollen Einsatz“ gezeigt, Überstunden gemacht. Auch Verbesserungsvorschläge habe sie vorgebracht, zu medizinischen wie zu wirtschaftlichen Themen, um offensichtlichen Mängeln abzuhelfen . Nur: „Es wurde nichts umgesetzt“, sagt Anne-Kathrin Lehmann-Hald.
Inzwischen ist sie überzeugt: In der Position eines angestellten Arztes könne man „zu wenig selbst beeinflussen – man kann einfach nichts ausrichten.“ In einem MVZ war der Geschäftsführer kein Mediziner, konnte vieles im Arztalltag nicht nachvollziehen, redete aber trotzdem rein. Die hohe Fluktuation, der ständige Ärztemangel machte die Sache nicht besser. Erfahrungen wie diese frustrierten die Internistin. Irgendwann sagte ihr Mann, er ist Ingenieur in der Autoindustrie, sie solle sich selbstständig machen. Darüber dachte sie schon länger nach. Nur wo? Und wie?
Die Idee, im Rems-Murr-Kreis eine neue Praxis aufzubauen, verwarf Anne-Kathrin Lehmann-Hald wegen zu hoher Kosten. Kommunale Unterstützung gebe es nicht. Auch eine Praxis zur Übernahme zu finden, war nicht einfach. Dann wurde die Ärztin an der Amstetter Straße in Hedelfingen fündig. Dort wollte eine Kollegin altershalber ihre Praxis aufgeben. Die 44-Jährige arbeitete zunächst drei Monate als Sicherstellungsassistentin mit. Nun ist sie auf sich gestellt.
Dennoch steht die frischgebackene Hausärztin nicht alleine da. „Ohne Unterstützung geht es nicht“, sagt Anne-Kathrin Lehmann-Hald. Sie kann auf ihre Familie zählen, auf ihren Mann, aber auch auf die Schwiegereltern, die einspringen, „wenn ich wegen meiner Arbeit Hilfe bei der Kinderbetreuung brauche“. Wesentlich auch, dass die Kinder in der Ganztagsbetreuung in Kita und Schule sind. Und sie habe bekannte und befreundete Kollegen, die sie, wenn nötig, um Rat fragen kann. Nicht zu vergessen die erfahrenen medizinischen Fachangestellten, die sie übernimmt und die das Rückgrat einer jeden Arztpraxis sind.
Sie sei überdies „in der glücklichen Lage, einen guten Vermieter zu haben“, sagt Anne-Kathrin Lehmann-Hald. Die Miete wurde nicht erhöht, obwohl der Eigentümer, der im Erdgeschoss des Hauses eine Apotheke betreibt, sich zur Hälfte an der für Herbst geplanten Komplettsanierung der Praxis beteiligt, den Einbau eines Aufzugs übernimmt er ganz. Nicht zuletzt ist die Ablösesumme für die Praxis tragbar. „Meiner Kollegin war wichtig, dass ihre Patienten versorgt sind“, beschreibt sie die hilfreiche Haltung ihrer Vorgängerin.
Dennoch ist die Praxisgründung eine Herausforderung. Nicht nur wegen der sechsstelligen Investitionssumme. Reichtümer könne man angesichts der Vergütung und steigender Kosten nicht anhäufen, sagt die Ärztin. Und ihre Familie müsse erst einmal „wieder zurückstecken“. Aber die Internistin sagt sich: „Wenn ich unzufrieden bin, ist der Familie auch nicht gedient.“ Damit sie die Kinder dennoch häufig sieht, hat sie die technische Ausstattung so gewählt, dass sie abends, wenn sie die beiden ins Bett gebracht hat, auch von zu Hause weiterarbeiten kann. Bei der Praxissanierung im Herbst werde der Personalraum so gestaltet, „dass sich auch die Kinder wohlfühlen und dort mal Hausaufgaben machen können“.
Trotz aller Mühe fühlt sich der Start in die Selbstständigkeit für Anne-Kathrin Lehmann-Hald an „wie ein Heimkommen“. Ihr großes Vorbild: die Eltern. Sie hatten in Albstadt eine Gemeinschaftspraxis, der Vater Internist, die Mutter Allgemeinärztin. Wie ihre Eltern wolle sie künftig „die Fäden in der Hand haben und Schwerpunkte selbst setzen“. Sie wolle ihre Patienten im Rahmen des wirtschaftlich Möglichen gut und sinnvoll versorgen „und mich dafür nicht rechtfertige müssen“, sagt sie im Rückblick auf ihre Angestelltenzeit. Was die Arbeitsbelastung angeht, hat sie immerhin eine greifbare Perspektive auf Entlastung: Anfang kommenden Jahres werde ein Arzt, der seine eigene Praxis aufgibt, das Team verstärken.
Und wie waren die ersten Tage? „Stressig“, gibt Anne-Kathrin Lehmann-Hald zu. Vieles sei eben neu, die Strukturen, die Programme, die Patienten müssen auf sie umgeschrieben werden. Aber das Praxisteam habe tolle Arbeit geleistet. „Es hat sich gut angefühlt, so zu arbeiten“, sagt sie.
Allerdings hat sich ihr Sohn beschwert. Vor dem Einschlafen habe er zu ihr gesagt: „Ich möchte nicht mehr, dass du Chefin bist, weil du dann so viel weg bist.“